Tsüri-Chopf: «Ich würde alle Parkplätze aufheben und dort Blumen pflanzen.»

Im Gespräch mit Wanda Keller, Gründungsmitglied des Vereins «interkulturelle Gärten» über das Zusammensein, Zwischennutzungen und Hochbeete.
17. März 2017

Wer bist du? Woher kommst du?
Wanda: Ich bin Gründungsmitglied des Vereins Interkulturelle Gärten, den wir 2010 zu dritt gegründet haben: Simon Gaus, Laura Nosetti und ich. Dank Laura gibt es beispielsweise einen Garten im Durchgangszentrum Lyss. Ich war Co-Präsidentin der Vereins. Aktuell bin ich noch Vereinsmitglied.

Was macht ihr?
In unserem Verein geht es primär darum, dass «interkulturelles Gärtnern» ein präsentes Thema in der Gesellschaft ist und bleibt. Es geht dabei um Integration von Migrant*innen, aber auch generell ums Zusammenkommen von Menschen. Das Wort «interkulturell» ist vielleicht etwas einschränkend, weil es den Fokus auf Leute mit Migrationserfahrung legt. Eigentlich beinhaltet unsere Arbeit mehr. Auch Generationen-, Schüler- oder Nachbarschaftsgärten sind Thema bei uns, ganz allgemein das gemeinschaftliche Gärtnern.

Schon beim Abschluss meines Studiums ahnte ich, dass in der Kombination von Gärten und Menschen ein grosses Potenzial liegt.
Wanda Keller

Wir machen Öffentlichkeitsarbeit, vernetzen Leute und führen Beratungen für Leute durch, die ein verwandtes Projekt aufgleisen wollen. Unsere Arbeit ist sehr niederschwellig und basiert auf Freiwilligenarbeit. Unsere fachlichen Beratungen und Vorträge geben wir meist kostenlos. Zum Glück ist das Thema dabei, sich in Verwaltungen, Wohnbaugenossenschaften etc. zu etablieren, so dass wir vermehrt einen Batzen verdienen können bei einer Beratung oder bei einem Referat.

Wir als Verein betreiben keinen Garten, alle Vorstandsmitglieder sind aber auf irgendeine Art in einen Garten involviert.

Wie ist die Idee entstanden?
Ich schrieb 2006 meine Diplomarbeit über Gartentherapie, also ein verwandtes Thema. Damals war urban gardening vor allem im angelsächsischen Raum und in Deutschland ein Thema. In der Schweiz sprach noch niemand von dergleichen. Doch schon beim Abschluss meines Studiums ahnte ich, dass in der Kombination von Gärten und Menschen ein grosses Potenzial liegt. Diese Ahnung fand ich dann während des Betriebs eines Schulgartens bestätigt. Gärten hegen einfach viel Potenzial, um ungezwungen miteinander in Kontakt zu treten, und man kann viel voneinander lernen. Man sieht zum Beispiel den grossen Kohlrabi des Nachbars und fragt ihn, wie der so gut gedeiht, wenn die eigenen vor sich hin kränkeln. Begegnungen finden so auf sehr ungezwungene und natürliche Art statt. Dem messe ich ein riesen Potenzial für unser Zusammenleben bei.

Durch einen guten Zufall kam ich dazu, den ersten Gemeinschaftsgarten in der Stadt Zürich zu gründen. Dieser hiess See-Brache und war eine Kooperation der Grün Stadt Zürich, der damaligen Quartierkoordination Zürich Nord, der Jugendarbeit mega!phon und dem GZ Seebach. Ich bekam das Mandat von Grün Stadt Zürich einen solchen Interkulturellen Garten zu gründen und zu betreuen. Dieses Pionierprojekt kam bei Bevölkerung und Stadt sehr gut an. So durfte ich beim Nachfolgeprojekt, der Kronenwiese, wiederum mitwirken.

Interkulturelle Projekte sowie Zwischennutzungen etablieren sich jetzt langsam. Das sehen wir daran, dass wir immer mehr bezahlte Aufträge bekommen, weil anerkannt wird, dass etwas an unserem Ansatz dran ist.
Wanda Keller

Wie kam es zu diesem Mandat der Grün Stadt Zürich?
Das war mega lustig. Eines Abends ging ich an eine Veranstaltung im Karl der Grosse, in welcher man seine eigenen Wünsche für die Stadt anbringen und Projekte vorstellen konnte. Zu Beginn der Veranstaltung fragte ich mich: «Oh Gott, was mache ich bloss hier» – wie gesagt, zu jener Zeit konnte sich unter urban- oder community gardening niemand etwas vorstellen. Der Zufall wollte es jedoch, dass eine Dame von der Stadt Zürich unter den Zuhörenden war und mich an die Grün Stadt Zürich verwies. Diese sei auf der Suche nach einer möglichen Zwischennutzung einer Brache. Da hab ich dann angerufen und rannte offene Türen ein. Am Telefon fragten Sie mich lediglich: «Wie viele Quadratmeter brauchen Sie?». So entstand dann der erste interkulturelle Garten als Teilprojekt dieser Zwischennutzung. Ich war damals noch unerfahren, trotzdem hat alles wunderbar geklappt.

Was bietet dein Projekt der Stadt? Was ist dein Beitrag zur Community?
Indem wir Vereinsmitglieder alle erfahrene Ansprechpersonen sind, tragen wir dazu bei, dass die gesellschaftliche Durchmischung ein Thema in den Verwaltungen und der Öffentlichkeit bleibt. Wir füllen mit unserer Expertise noch immer eine Nische. Interkulturelle Projekte sowie Zwischennutzungen etablieren sich jetzt zwar langsam. Das sehen wir daran, dass wir immer mehr bezahlte Aufträge bekommen, weil anerkannt wird, dass etwas an unserem Ansatz dran und unsere Idee nicht nur eine Eintagsfliege ist.

Neben der Integration generieren wir auch Wissen über lokale Lebensmittel. In den meisten Gärten werden Gemüse und Kräuter angepflanzt. Wir leiten die Gärtner*innen an. So lernen Sie, dass ein Radieschen, ein relativ kleines Gemüse, eben auch ein paar Wochen zum wachsen braucht, und dass Tomaten nicht im März gesät werden.

Die beiden Pionierprojekte See-Brache und Kronenwiese haben zumindest innerhalb der Stadt Zürich für sehr viel Wohlwollen gegenüber neuen Projekten gesorgt. Der Verein als Anlaufstelle hat dann zu deren Etablierung beigetragen. Wir teilen unser Wissen und das hat eine multiplikatorische Wirkung.

Was ist bisher das beste Erlebnis im Rahmen des Projekts?
Ha, eines meiner besten und lustigsten Erlebnisse war mit einem Hochbeet, besser gesagt mit einem Hügelbeet. Das ist ein etwa ein Meter hoher Walm, auf dem man sehr gut Gemüse anpflanzen kann. Wir waren also voller Elan dabei einen solchen Hügel zu schaufeln, als eine Muslima ganz perplex bei uns stehen blieb. Auf den fertigen Haufen starrend erklärte sie mir, dass in ihrem Ursprungsland so Gräber aussehen – und ich war so stolz auf mein gelungenes, schönes Hochbeet. Über dieses Missverständnis mussten wir beide so lachen! Zu lernen, die Dinge anders wahrzunehmen und zu verstehen ist etwas sehr Bereicherndes. Es gibt unzählige solche Erlebnisse.

Was würdest du tun, wenn du für ein Tag Königin von Zürich wärst?
Ich würde alle Strassen und Parkplätze aufheben und dort Blumen und Gemüse anpflanzen. Diese Autos gehen mir auf den Wecker in der Stadt.

In unserer Stadt entsteht ständig Neues und es gibt schon viel Geniales. In unserer Tsüri-Chopf-Reihe stellen wir dir die kreativen Köpfe hinter den inspirierenden Projekten vor. Kennst du selbst spannende Leute, die tolle Sachen in unserer schönen Stadt anreissen? Dann melde dich bei uns auf info@tsri.ch.

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