Tsüri-Chopf Sonia Bischoff: «Ziviler Ungehorsam und Zivilcourage treiben mich an.»

Sonia Bischoff ist Aktivistin, Kuratorin vom Cabaret Voltaire, IT-Crack, Feministin, Kunstschaffende, geheime Bloggerin, freiwillige Helferin und wird Frau Basislager genannt. Auch organisiert sie Demonstrationen und unterstützt Geflüchtete. Jetzt leitet sie eine Theatergruppe und rief eine Stop-motion Filmgruppe ins Leben. Tsüri traf sie zum Gespräch.
12. Mai 2017

Wer bist du?
Sonia:
Ich bin Sonia.

Aber du bist doch mehr als ein Name?
(Lacht) Ja, ich bin mehr als der Name. Ich definiere mich über meine Vergangenheit und über meine Handlungen. Nicht darüber, was ich sage oder empfinde. Sondern rein über meine Handlungen ab jenem Alter, von wo an ich befähigt war, diese Verantwortung zu übernehmen.

Als Kind musste ich durch die Hölle gehen. Ich wurde innerhalb meiner Familie mit menschlichen Abgründen konfrontiert. Vieles von damals hat auch mit meinem Migrationshintergrund zu tun. Natürlich konnte ich für vieles keine Verantwortung übernehmen, konnte nichts dafür. Aber ich bin deswegen kein Opfer. Diese Erfahrungen machen mich weder stark noch schwach. Sie gehören heute einfach zu meiner Geschichte.

Was machst du denn heute?
Ein bisschen alles. Es hat meistens mit Aktivismus zu tun, mit Politik. Ich verstehe mich als Teil dieser Gesellschaft und bin darum klar der Meinung, dass ich ihre Strukturen mitgestalten kann. Das mache ich mit meinen verschiedenen Aktivitäten.

Vieles davon hat mit Kunst zu tun, Fotos, Videos, Theater und Musik. Ich bin Chefin einer Theatergruppe. Nebenbei bringe ich meiner Filmcrew gerade bei, wie man 3D-Animationsfilme macht. Ich veranstalte Feste und Demos. Und vieles mache ich nicht publik. So kuratiere ich beispielsweise für Untergrundkünstler*innen, doch solche Aktionen sind meist geheim. Was mich bei allem stark antreibt, ist ziviler Ungehorsam und Zivilcourage.

Zudem schreibe ich. Aber kein Horror, die Welt bietet schon genug Terror.
Sonia Bischoff

Seit der Sek mache ich Freiwilligenarbeit. Anfänglich in der italienischen Gemeinschaft in Winterthur. Damals realisierte ich, dass Freiwilligenarbeit sehr wichtig ist, aber dass Solidarität und Empathie für die meisten bei der Familie aufhört. Ich bin da anders.

Wie meinst du anders?
Als mich vor einiger Zeit ein Aktivist fragte, wann ich mich dazu entschlossen hätte, Aktivistin zu werden, erklärte ich ihm, dass ich mich nie dazu entschlossen habe. Ich bin es schon seit ich vier Jahre alt bin – als ich realisierte, dass ich nicht die gleichen Rechte wie meine drei älteren Brüder hatte und anscheinend schon eine klar geplante Zukunft hatte, in der ich nicht mitentscheiden konnte. Da hatte ich realisiert, dass es mein grösster Kampf im Leben sein wird, selbst über mein Leben zu bestimmen. Ich habe deswegen mit meiner ganzen Familie, die sehr konservativ ist, und mit der italienischen Gemeinschaft in Winterthur gebrochen. Das bedeutete, dass ich ein paar Monate ganz allein war. Aber ich bin da durch, denn ich wollte mein Umfeld selber definieren. Ich wusste, dass es mir guttun wird. Und jetzt kann ich mich vor Kontakten und Freunden kaum retten. Ich versuche nun eher mich abzuschirmen.

Was ist dein Hauptprojekt im Moment?
Das ist das Experi-Theater: sanieren, stabilisieren und mitentwickeln. Das Experi Theater ist eine Vereinigung, in der professionelle Schauspieler, Kulturschaffende, Schweizer*innen, Migrant*innen und Geflüchtete unter der Leitung eines Geflüchteten experimentelles Theater machen. Wir produzieren Stücke, wir interpretieren, wir führen auf, wir transportieren politische Botschaften. Wir bringen auch dokumentarische Stücke auf die Bühne. Oft geht es um soziokulturelle Zusammenhänge. Nach unseren Aufführungen, Interventionen und Performances werden wir von Zuschauern mit Emotionen überhäuft. Doch trotz der positiven Rückmeldungen kämpfen wir ständig um Finanzierung und Aufführungsräume. Unser künstlerischer Direktor soll ab Juli in einer Küche arbeiten, obwohl er so viel Talent hat und einen so wichtigen Teil der Gesellschaft sein könnte. Doch das Sozialamt will ihn in einer Küche sehen. Er soll dort arbeiten, weil er dort Lohn bekommt. Dann stimmt die Gesellschaft für die meisten wieder und alle sind beruhigt. Aber eine ganze Theatergruppe würde umgebracht und wichtige Gedankenanstösse für die Gesellschaft zum schweigen gebracht.

Vor einem Jahr habe ich als Präsidentin des Theaters gekündigt, weil ich wegen meiner Arbeit bei border-free überarbeitet war. Anstatt sich eine neue Präsidentin zu suchen, leitete der künstlerische Direktor in der Zwischenzeit alles selber im Vertrauen darauf, dass ich wieder zurückkommen werde. Und nun hat er mich tatsächlich dazu überredet.

Wenn ich sehe, dass Menschenrechte verletzt werden, bin ich bereit Gesetze zu brechen und mich für die Betroffenen einzusetzen.
Sonia Bischoff

Nebenbei läuft noch vieles mehr. Ich verfolge meine Freiwilligenarbeit in Zürich, Italien, Griechenland, der Türkei und in Syrien. Dann läuft meine Stop-Motion Filmgruppe an – ein politisch motiviertes Projekt, mit dem wir vorerst erst in drei Jahren an die Öffentlichkeit gehen. Beim Basislager, wo mein Atelier steht, kümmere ich mich um meine Nachbarn und organisiere Feste. Zudem schreibe ich. Aber kein Horror, die Welt bietet schon genug Terror. Ich habe mehrere anonymen Blogs, auf denen ich mich austobe, mein politisches Wissen veröffentliche und auch mal auf einen fiktiven Köppel einschlagen kann.

Deine Aktionen sollen dazu beitragen, dass die Gesellschaft so wird, wie du sie dir wünschst.
Es geht nicht darum, die gesamte Gesellschaft zu formen, sondern dass ich im ganz kleinen Rahmen die Gesellschaft beeinflusse – dort, wo es möglich ist. Als Italo-Schweizerin mit zwei Pässen habe ich das Recht, mich für meine Überzeugungen in diesem Land einzusetzen. Wenn ich sehe, dass Menschenrechte verletzt werden, bin ich bereit Gesetze zu brechen und mich für die Betroffenen einzusetzen. Ich sehe mich darum als sehr zivil ungehorsam. Dabei gehe ich aber nicht im Versteckten vor. Ich bin durchaus bereit, in die Medien zu gehen, wenn die Polizei mich aufgrund meiner Aktionen einziehen würde. Öffentliche Aufmerksamkeit würde ich jederzeit Nutzen – als Schutz für mich oder um Dinge in Bewegung zu bringen.

Warum gehst du nicht in die Politik?
In die Politik gehen, heisst Kompromisse machen, stundenlang mit Leuten reden, die nicht fähig sind, ihre eigens geschnürten Paketen zu verstehen und Steuern nur so ausgeben wollen, dass es ihrem Lebensstil zugutekommt. Das hasse ich. Ich würde einen solchen Job hassen. Ich kann viel mehr bewegen, wenn ich ich selbst bin. Wenn ich das mache, was mir Spass macht, wenn ich meinen Leidenschaften und Überzeugungen folge. Ausserdem arbeite ich schubweise. Ich könnte mich nicht in einem normalen Job integrieren. Nach einer intensiven Zeit muss ich mich zurückziehen. Das kann ich nur im jetzigen Setting machen, indem ich von etwa 2800.- im Monat lebe und mich mein Mann finanziell unterstützt. Das habe ich jedoch erst erlaubt, nachdem wir schon x Jahre zusammen gelebt haben. Er will, dass ich mich entfalte und er könne nicht mit ansehen, wie ich jeden Franken umdrehe, während er spare und spare. So bot er mir an, dass ich weniger fürs Wohnen bezahle und sein Auto nutzen kann.

Was ist dein bestes Erlebnis im Rahmen deiner bisherigen Aktivitäten?
Der erfolgreiche Umzug des Basislagers. Mit meiner Kampagne habe ich einen sehr grossen Beitrag dazu geleistet, dass das gesamte Basislager von der Binz hierher nach Altstetten umziehen konnte. Das war nicht alleine mein Verdienst, aber meine Rolle war sehr wichtig. Steff Fischer von der Verwaltung Fischer, die fürs Basislager zuständig ist, nennt mich noch immer Frau Basislager.

Wenn du ein Tag Königin von Zürich wärst, was würdest du ändern?
Woa, das ist eine geile Frage. Aber da brauch ich etwas Zeit um mir das zu überlegen. Ich geb dir in drei Monaten eine Antwort.

In unserer Stadt entsteht ständig Neues und es gibt schon viel Geniales. In unserer Tsüri-Chopf-Reihe stellen wir dir die kreativen Köpfe hinter den inspirierenden Projekten vor. Kennst du selbst spannende Leute, die tolle Sachen in unserer schönen Stadt anreissen? Dann melde dich bei uns auf info@tsri.ch.

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