Tsüri-Chopf Simon Borer: «Es war ein Versprechen an die Musik»

Simon Borer ist Musiker und im Moment mit seinem Soloprojekt «Long Tall Jefferson» auf Tournee. Abgesehen davon versucht er mit seinem Musiklabel «Red Brick Chapel» den Röstigraben und die Landesgrenzen zu überwinden und damit die Zusammenarbeit und die Selbständigkeit von Schweizer Musiker*innen fördern. Ein Gespräch über den Wohlstand, Utopien und Velos.
22. September 2017

Sag mal Simon, wer bist du?

Ich bin Simon und komme ursprünglich aus einem Dorf im Luzerner Hinterland. Ich lebe seit etwas mehr als zwei Jahren in Zürich. Wobei – Leben ist schon fast übertrieben. Ich bin seit mitte 2015 praktisch konstant auf Tour und habe ausgerechnet, dass ich etwa 150 Tage im Jahr gar nicht zuhause bin. Dementsprechend bin ich wenig in Zürich, nichtsdestotrotz bin ich wahrscheinlich Zürcher, spätestens nach diesem Interview (lacht).
Ich beschreibe mich auf jeden Fall als Musiker. Ich wüsste nicht, als was sonst!

Was machst du?

Ich habe eigentlich zwei Herzensprojekte, welche zusammenhängen.
Seit etwa zwei Jahren trete ich als Long Tall Jefferson solo auf. Das Ganze hat in Zürich begonnen und jetzt habe ich gerade ein zweites Album veröffentlicht.
Das andere Projekt heisst Red Brick Chapel und ist ein Musiker*innen-Kollektiv, womit wir unser eigenes Plattenlabel betreiben. Wir beschäftigen uns auch Jahre nach der Gründung immer noch mit der Frage, was es genau bedeutet, ein Kollektiv zu sein. Wir fragen uns, wie wir möglichst unabhängig sein können, wie man sich als Musiker*in eine Existenz aufbauen kann, wie unsere Musik von möglichst vielen gehört und entdeckt werden kann!

Wir sind Idealist*innen und Utopist*innen und versuchen etwas Beständiges zu schaffen, das trotzdem maximale Freiheit lässt.
Simon Borer

Hattest du einen Moment, wo du den Entschluss gefasst hast, Musik zum Beruf zu machen?

Als ich das Label gründete, setzte ich einen Wegstein für meine Zukunft.
Ich wollte unbedingt mal auf der anderen Seite vom Business stehen. Entweder jetzt oder in zehn Jahren. Ich habe es ohne zu warten gemacht. Es war ein Versprechen an die Musik, dass ich es ernst meine und nicht Musik studiert habe, um später Lehrer zu werden und in mein Heimatdorf zurück zu ziehen.

Wir können es nicht so machen, wie es hunderte vor uns schon gemacht haben, weil wir niemanden kennen, der schon mal so etwas gemacht hat.
Simon Borer

Wie betrachtest du die Schweizer Musiklandschaft?

Der Markt ist sehr klein, aber es passiert mega viel Gutes und untereinander sind wir gut verknüpft. Wenn ich jetzt von Schweiz spreche, meine ich hauptsächlich die Deutschschweiz. Im Kollektiv sind zwei aus der Romandie dabei, aber es ist trotzdem ein Kampf, die ganze Schweiz musikalisch zu erfassen. Es gibt viel Grossartiges hinter dem Röstigraben, das ich nicht kenne, was schade ist, aber die Sprachbarriere ist nun mal da – die gilt es zu überwinden. Nächsten Monat veranstalten wir zum Beispiel eine Labelnight in Lausanne.

Es gibt eine unglaubliche Dichte an guten Bands in der Schweiz. Sicher liegt das auch am Wohlstand und den Möglichkeiten, die dieser bietet. Als Mittelstands-Schweizer*in ist es fast unmöglich total durchzufallen. Ich hab Eltern, die für mich sorgen würden und meine Freundin steht hinter mir und unterstützt mich.
Ich wusste, dass ich den Rücken frei habe und es einfach versuchen kann. Solo zu spielen und unterwegs zu sein hat geholfen, weil ich wusste, wenn mal ein Gig in die Hose geht und ich auf dem Boden schlafen muss, dann bin es nur ich – und ich habe es mir selbst eingebrockt.

Musstest du denn schon mal am Boden schlafen?

(Lacht) Ich habe auch schon nach Konzerten am Boden geschlafen, aber das ist lange her! Ich weiss es nicht mehr so genau, die Schwemme von Events ist ein bisschen zu viel, dass ich das alles im Kopf behalten könnte.

Hey, macht doch auch ein Kollektiv! Es ist nicht so, als könnte es nur ein Einziges davon in der Schweiz brauchen!
Simon Borer

Wie kommen Musiker zu Red Brick Chapel?

Wir sind in einem kurzen Zeitraum stark gewachsen. Jetzt haben wir uns einer Schlankheitskur unterzogen und nehmen so gut wie keine neuen Leute auf. Es kommen immer wieder Anfragen und es wäre so toll, wenn sie dabei sein könnten, aber wenn so viele neue Leute auf einen Chlapf in ein kleines, basisdemokratisches System kommen, wird es schwierig. Wir sind Idealist*innen und Utopist*innen und versuchen etwas Beständiges zu schaffen, das trotzdem maximale Freiheit lässt. Es gibt keine Wegleitung, wir können es nicht so machen, wie es hunderte vor uns schon gemacht haben - weil wir niemanden kennen, der schonmal so etwas gemacht hat.

Also gilt auch je weniger Mitglieder eine Band hat, desto höher stehen die Chancen aufgenommen zu werden?

Ja. Generell kann ich sagen, je mehr Kollektiv-Mitglieder man kennt, desto höher stehen die Chancen. Es ist zwar mega schön, dass von ausserhalb ein Interesse an Red Brick Chapel besteht, dass Musiker*innen in unserem Alter sehen, dass da etwas Cooles entsteht – dass es gute Bands gibt, gute Musik, dass wir uns gegenseitig unterstützen und dass sie auch Teil von diesem Spirit sein wollen.

Wir mussten realisieren, dass wir an unsere Grenzen kommen. Wir können nicht unendlich viele Platten im Jahr rausbringen. Aber hey, macht doch auch ein Kollektiv! Es ist nicht so, als könnte es nur ein Einziges davon in der Schweiz brauchen. Im Gegenteil! Ich finde, dass es eines in jeder Stadt braucht! Dann könnten wir alle zusammenarbeiten. Das wäre mega gut!

Das Velokonzept ist eine Katastrophe und peinlich für so eine Stadt. Es müsste Velo-Highways geben.
Simon Borer

Was ist bisher dein schönstes Erlebnis?

Bei Long Tall Jefferson sind es sicher die Konzerte – immer wieder! In Leipzig gab ich letzte Woche ein Konzert, das war, obwohl es keinen Eintritt gab, de facto ausverkauft. Die Menschen kamen und haben sich mucksmäuschenstill meine Lieder angehört. Manche kannten die Texte, es waren ein paar Freund*innen dabei, die immer wieder kommen. Es ist ein wunderbares Gefühl, zu merken, dass da etwas gewachsen ist und sich etwas verselbstständigt hat. Wenn man alles selber macht, weiss man, wo jeder einzelne Schweisstropfen hingeflossen ist. Ich bin sehr dankbar, dass das alles innerhalb von zwei Jahren so entstehen konnte.

Bei Red Brick Chapel ist es jedes Mal der Hammer, wenn eine Band ein Album macht, und ich es höre und mir denke «Fuck, ist das geil!». Ich weiss, dass es die Musik meiner Freund*innen ist und ich bin bereit, alles zu investieren, damit alle anderen auch wissen, wie gut das ist!

Abgesehen vom Aussergewöhnlichen, wie sieht dein Alltag aus?

Es fällt mir schwer, das in Worte zu fassen, ohne in Plattitüden zu verfallen. Ich denke mein Leben unterscheidet sich nicht fundamental vom Leben anderer Mittzwanziger – auch wenn bei mir langsam die 30 am Horizont auftaucht.
Es passiert unglaublich viel in sehr kurzer Zeit. Ich habe ständig den Eindruck, das Zeitgefühl zu verlieren. Facebook benachrichtigte mich vor ein paar Tagen, dass ich jetzt ein Jahr lang mit einer sehr guten Kollegin befreundet bin. Wir haben soviel erlebt und es ist soviel geschehen. Nach meinem Gefühl hätten es mindestens zwei Jahre sein müssen!

Was würdest du tun, wenn du einen Tag lang König von Zürich wärst?

Ich würde auf jeden Fall eine absurd grosse Party schmeissen! Das klingt jetzt so, als wäre ich ein riesiger Party-Tiger, was ich eigentlich gar nicht bin - aber wenn man die Möglichkeit dazu hat, muss man sie ergreifen! Ich würde alle guten, coolen Menschen einladen – auch die, die nicht aus Zürich sind.
Und ich würde befehlen, dass die Stadt Zürich ein viel viel viel besseres Velo-Konzept umsetzen müsste. Es ist eine Katastrophe und peinlich für so eine Stadt. Es müsste Velo-Highways geben.


Titelbild: Erik Fischer

Foto: zvg


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