Tsüri-Chopf: «Es geht darum, sich auf Augenhöhe zu begegnen.»

Seraina Soldner will eine gerechtere Gesellschaft. Ein passendes Instrument dafür sieht sie in der Privatwirtschaft. Mit SINGA unterstützt sie darum Personen mit Flucht- und Migrationshintergrund auf dem Weg in die Selbstständigkeit.
26. Mai 2017

Wer bist du?
Seraina:
Ich wuchs in einem behüteten, gut funktionierendem Umfeld in München auf. Schon als ich klein war, in den 90ern, nahm mich meine Mutter jeweils mit, wenn sie Flüchtlingsfamilien aus dem ehemaligen Jugoslawien besuchte. Sie unterstütze diese Familien und ich kam so schon früh in Kontakt mit Geflüchteten. Ich bin ihr dankbar, dass sie mich aus meiner funktionierenden Welt rausholte und mir zeigte, was es heisst, fernab von zu Hause zu leben. So entwickelte sich mein Interesse für Migrationsfragen schon früh.

Doch es blieb nicht nur beim Interesse, sondern du arbeitest auch im Migrationsbereich.
Nach meinem Bachelor ging ich zum UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen) nach Malta. 2012 kamen dort jede Woche mehrere Bote mit Geflüchteten an und die Zustände in den Aufnahmezentren und Gefangenenlagern waren grauenvoll. Die Situation war für mich sehr frustrierend, auch weil das Mandat des UNHCR in meinen Augen zu eng gefasst war. Damals fasste ich den Entschluss, selber etwas auf die Beine zu stellen. So entstand mein erstes Projekt «MOVE» in München. Ich organisierte für einen Sommer lang Tanz- und Sportangebote in Flüchtlingsaufnahmezentren und arbeitete dafür mit dem Münchner Flüchtlingsrat zusammen. Gleichzeitig unterstütze ich Geflüchtete bei rechtlichen Herausforderungen und half ihnen einen Job oder eine Ausbildung in München zu finden. Damals realisierte ich, wie wichtig, aber auch wie schwierig es für Geflüchtete ist, Zugang zur Privatwirtschaft zu haben. Diese Arbeit war anspruchsvoll und verlangte auch menschlich viel ab.

Es geht nicht um Helfen. Sondern darum, dass Menschen mit Flucht – und Migrationshintergund eigene Ideen gemeinsam mit Lokalen verwirklichen können.
Seraina Soldner

Mein Masterstudium in Genf ermöglichte mir nach dieser intensiven Zeit wieder etwas Abstand zu gewinnen. Mein erster Job nach dem Studium war bei einer Organisation die Staaten, den Internationalen Strafgerichtshof oder die UN unterstützt Kriegsverbrechen aufzuklären. Dadurch lernte ich quasi die andere Seite besser kennen – warum verlassen Geflüchtete ihre Heimat und mit welchen Hintergründen kommen sie hier an. Doch obwohl die Arbeit spannend und wichtig war, sah ich nicht, was ich konkret bewirkte. Dies verstärkte meinen Wunsch in weniger politischen Strukturen in einem agileren Kontext zu arbeiten.

Wie bist du dann auf SINGA gekommen?
In Genf lernte ich die Gründer*innen von SINGA Deutschland und SINGA France kennen. Sie berichteten mir von der Idee, SINGA in die Schweiz zu bringen und meinten aber, dass sie noch auf der Suche nach jemandem seien, der das Ganze aufzieht. Hier sah ich meine Chance: In einer etablierten Struktur eine eigene Initiative mitaufbauen! Durch meine Erfahrung mit MOVE bestand ich aber darauf, mindestens zu zweit zu gründen. Fast zeitgleich wurde mit Mirjam durch eine Freundin vorgestellt und mein Bauchgefühl sagte mir sehr schnell, dass sie die richtige Partnerin dafür ist. Nur zwei Monate später, im Dezember 2016, unterschrieben wir zusammen die Gründungsverträge für SINGA Switzerland.

Was ist SINGA?
Bei SINGA geht es darum Geflüchtete und Locals zusammenzubringen. Es geht nicht um Helfen. Sondern darum, dass Menschen mit Flucht – und Migrationshintergund eigene Ideen gemeinsam mit Lokalen verwirklichen können und somit starke Netzwerke entstehen. Die Ideen können künstlerischer, unternehmerischer oder sozialer Art sein. Wir von SINGA Switzerland sind jedoch sehr auf die Privatwirtschaft, und im speziellen auf Tech, fokussiert. Wir sind deshalb auch sehr froh selber Unterstützung aus der Privatwirtschaft zu erhalten, von Engagement Migros etwa, was uns den nachhaltigen Aufbau des Programms ermöglicht.

Wie seid ihr auf diesen Fokus gekommen?
Mirjam und ich überlegten uns zu Beginn, wer wirklich nachhaltig das Leben von Geflüchteten verändern kann. Die Frage, die wir uns stellen ist nicht «what can we do for you?», sondern «what can you do for us and for yourself?». Wir sind überzeugt, dass wir Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund ermöglichen müssen, sich zusammen mit etablierten Kräften unsere Gesellschaft eine eigene Lebensgrundlage zu bauen. Unser Start-up Programm, die SINGA Factory stellt dafür den richtigen Rahmen zur Verfügung.

Ich treffe oft Leute aus der Privatwirtschaft, die gefrustet sind, weil sie den Sinn in ihrer Arbeit nicht sehen. Ihnen bieten wir ein konkretes Format, sich sinnbringend zu engagieren.
Seraina Soldner

Wie funktioniert das?
Bei uns haben Geflüchtete in einem sechsmonatigen Programm die Möglichkeit, ein Start-up in der Schweiz zu gründen. Sie können sich mit Ihrer Idee für ein Start-up im Tech-Bereich bei uns dafür bewerben. Den ausgewählten Bewerber*innen bieten wir ein bis zwei mal pro Woche Workshops zu Themen wie Finanzierung, Marketing, rechtliche Aspekte der Unternehmensgründung oder Crowd-Funding an, um das Wissen über den lokalen Kontext zu vermitteln, welches ihnen oft fehlt um sich hier selbstständig zu machen. Oft wird es dabei darum gehen, die interkulturelle Verständigung zu verbessern und Vorurteile abzubauen. Die Workshops werden meistens von Coaches aus der Privatwirtschaft durchgeführt. Eine Anwaltskanzlei führt beispielsweise die rechtlichen Workshops durch. Jede*r Teilnehmer*in bekommt zudem ein*e Mentor*in. Im September geht’s mit der ersten Runde los.

Was bietet dein Projekt der Stadt?
Ich habe unzählige Leute kennengelernt, die sich engagieren wollen, aber typischerweise nicht recht wissen wie. Daneben treffe ich oft Leute aus der Privatwirtschaft, die gefrustet sind, weil sie den Sinn in ihrer Arbeit nicht sehen oder den sozialen Aspekt vermissen. Ihnen bieten wir ein konkretes Format, sich sinnbringend zu engagieren. Bei uns haben sie die Möglichkeit mit ihrem Talent und ihrem Know-how Menschen mit Migrationshintergrund gezielt zu unterstützen. Dabei tauchen sie in einen anderen Gesellschaftskreis ein und können sich total einbringen. Im Moment schläft Zürich ein bisschen, ich sehe da aber Potenzial.

Was ist das beste Erlebnis bisher?
Unser erster Event im Dezember. Damals wussten wir gar noch nicht in welche Richtung wir konkret gehen wollen und trotzdem standen wir vor einem vollen Raum von Interessierten. Es war überwältigend dieses Interesse zu sehen und dann zu erfahren, dass die Hälfte aller sogar verbindlich mit uns zusammenarbeiten wollten – was sich auch bestätigt hat! Wir bekamen wahnsinnige Vorschuss-Lorbeeren!

Für was steht SINGA?
SINGA steht für eine Gesellschaft, in der alle mit ihren individuellen Fähigkeiten aktiv teilnehmen können und dürfen. Für mich persönlich geht es dabei auch um Gerechtigkeit. Im Grunde wollen wir, dass unser Projekt einen Einfluss auf die ganze Gesellschaft hat. Es geht darum, sich auf Augenhöhe zu begegnen und gemeinsam unternehmerische, soziale oder kulturelle Projekte zu realisieren. Solche Begegnungen sollen dazu führen, dass das wertvolle Wissen und die oft immense Arbeitserfahrung unsere Teilnehmenden nicht weiter im Sand versickern, sondern auf fruchtbaren Boden fallen.

Für einen Tag bist du Königin von Zürich. Was würdest du tun?
Ich würde viel mehr Räume schaffen, wo sich Menschen begegnen können. Denn Alltägliche Durchmischung und Überraschungen lehren uns unglaublich viel! Menschen brauchen Räume und Gestaltungsfreiraum. Zürich kommt mir hier oft etwas steril vor. Mir schwebt eine Stadtplanung vor, die verhindert, dass Stadtbewohner in ihrem kleinen Kreis, in ihrer Komfortzone zurückgezogen leben können. Und ich würde mehr Glacé-Stände einführen.

In unserer Stadt entsteht ständig Neues und es gibt schon viel Geniales. In der Tsüri-Chopf-Reihe stellen wir dir die kreativen Köpfe hinter den inspirierenden Projekten vor. Kennst du selbst spannende Leute, die tolle Sachen anreissen? Dann melde dich bei uns auf info@tsri.ch.

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