Tsüri-Chopf Maria Rehli: «Grosse Veränderungen fangen im eigenen Leben an»

Maria Rehli lebt ziemlich konsequent nach ihren Prinzipien. Die Illustratorin erzählt von ihren Projekten, Stadtplanung und wie befreiend spät nächtliche Druck-Aktionen sein können.
08. September 2017

Wer bist du?

Ich bin Maria, 29, und in Winterthur geboren und aufgewachsen. Ich habe in Zürich das Gymnasium besucht und später in Deutschland Buchkunst studiert. In die Schweiz kam ich zurück wegen der Liebe, also nein, nicht nur deswegen (lacht). In erste Linie bin ich Illustratorin, es ist wirklich meine Leidenschaft.

Dein aktuellstes Projekt wird am 10. September veröffentlicht: Du hast das Buch «Die andere Stadt» illustriert. Um was geht es genau?

«Die andere Stadt» ist keine komplette Utopie, es ist tatsächlich machbar. Das Buch besteht aus Kapiteln zu verschiedenen Stadtbereichen, welche von jeweiligen Expert*innen geschrieben wurden. Jemand schrieb über Landwirtschaft, jemand über Energie, andere über Verkehr. So entstand ein Portrait einer Stadt, das ein tatsächliches wissenschaftliches Fundament hat.

Man muss nicht verheiratet sein mit Kind, Hund, Auto und Einfamilienhaus, um glücklich zu sein.
Maria Rehli

Was hat dich angetrieben, an diesem Projekt mitzuarbeiten?

Es war für mich interessant, weil ich mich mit alternativen Lebensformen auseinadersetze und etwas Ähnliches bereits lebe: Zum Beispiel bin ich in der Albizke Studio-Nutzerin, also bin ich fast täglich dort. Das Buch propagiert eine selbstbestimmtere Gesellschaft - so, wie wir sie auch bei Albizke versuchen zu erschaffen.
Ich denke, grosse Veränderungen fangen sowieso im eigenen Leben an. Sie muss von innen nach aussen wachsen, man kann sie nicht einfach erzwingen - sonst funktioniert es nicht.


Albizke ist im weitesten Sinne ein Gemeinschaftsstudio. Die einzelnen Beteiligten besetzen nur 9m2 „eigene“ Fläche, zugunsten von viel gemeinsamem Raum, der von allen multifunktional genutzt wird. Gleichzeitig dienen die Räumlichkeiten auch als Versammlungsort für eine Gemüsekooperative, als Verteilzentrum für eine Foodcoop, als Treffpunkt für eine utopische Wohnbaugenossenschaft und mehr.


Du hast mit Annina Schäubli und Dale Forbes Molina ein feministisches Magazin gegründet: «Spleur». Inwiefern verbindest du zwei so unterschiedliche Projekte?

Ich habe einen sozialeren Ansatz als den klassischen Kulturdarwinismus, in dem Sinne ist das sehr gut mit einem feministischen Magazin vereinbar. Ich wünsche mir ein besseres Leben für alle. Die Leute sollen selbst entscheiden, was gut für sie ist. Es wird allen ein Schema aufgedrückt, wie man sich zu verhalten hat - für ein paar mag das funktionieren, aber es macht nicht alle glücklich. Es gibt andere Modelle: Man muss nicht verheiratet sein mit Kind, Hund, Auto und Einfamilienhaus, um glücklich zu sein. Wenn man möchte, muss man nicht alleine wohnen, man muss sein Gemüse nicht im Migros kaufen, man kann es auch selbst anpflanzen.

Menschen, die finanziell nicht so stabil sind, haben auch ein Recht darauf, anständig zu wohnen, ohne in die Agglomeration ziehen zu müssen.
Maria Rehli

Wie gründet man aus dem Nichts ein Magazin?

Feminismus war ein Thema, das uns alle beschäftigte. Wir unterhielten uns viel darüber und wollten nach dem Studium etwas anpacken: So entstand die Idee eines Magazins. Jede von uns hat sich ein Thema geschnappt, das ihr am Frau-Sein wichtig war, und hat ihre eigenen Texte geschrieben und illustriert. Schlussendlich haben wir innerhalb von einer Woche 60 Exemplare von Hand im Siebdruckverfahren produziert! Gegen Schluss haben wir fast in der Zitropress Werkstatt gelebt! Es war crazy!
Es ist bei Weitem nicht perfekt, aber es hat uns gepusht und es war mega läss 100% meiner Energie in etwas zu geben, an das ich glaube. Die ganze Arbeit hat den Moment umso schöner gemacht, als wir es bei der Vernissage tatsächlich in den Händen hielten.

Von Links nach Rechts: Maria Rehli, Annina Schäubli und Dale Forbes Molina an der Vernissage ihres Magazins Spleur

Wie wird die nächste Ausgabe?

Voraussichtlich wird sie im Dezember erscheinen. Wir wollen noch mehr ins Illustrative gehen. Dadurch, dass wir Frauen sind, kommen die Themen eigentlich von selbst. In der nächsten Ausgabe geht es zum Beispiel um sexuelle Gewalt, Body Positivity, Eltern sein in der Schweiz und wie dies fast nicht vereinbar ist mit Gleichberechtigung.

Was würdest du tun, wenn du Königin von Zürich wärst?

Ich würde für alle bezahlbaren Wohnraum zu Verfügung stellen, indem ich alle leerstehenden Gebäude umnutzen würde. Das Problem in Zürich ist, dass es so viele Luxuswohnungen gibt und immer mehr gebaut werden. Menschen, die finanziell nicht so stabil sind, haben auch ein Recht darauf, anständig zu wohnen, ohne in die Agglomeration ziehen zu müssen.
Die oberen zwei Stockwerke an der Bahnhofstrasse würde ich als günstigen Wohnraum freigeben! Dann würde es auch mehr Leben im Zentrum geben!

Hier findest du alle anderen Tsüri-Chöpfe!

In unserer Stadt entsteht ständig Neues und es gibt schon viel Geniales. In unserer Tsüri-Chopf-Reihe stellen wir dir die kreativen Köpfe hinter den inspirierenden Projekten vor. Kennst du selbst spannende Leute, die tolle Sachen in unserer schönen Stadt anreissen? Dann melde dich bei uns auf info@tsri.ch.

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