Tsüri-Chopf Katharina Schulthess: «Mein Wissen soll anderen ein würdiges Leben ermöglichen»

Katharina Schulthess ist Umweltingenieurin und Präsidentin der «Ingenieure Ohne Grenzen Schweiz» – kurz IngOG+. Der IngOG+ verbindet humanitäre Arbeit mit Ingenieursdenken. Aber wie sieht diese Arbeit konkret aus? Was treibt sie an?
24. März 2018

Wer bist du, und was hat dich zu dir gemacht?

Hier möchte ich mich als Präsidentin von «Ingenieure Ohne Grenzen Schweiz» (IngOG+) vorstellen. Seit zweieinhalb Jahren engagiere ich mich für diesen Verein mit sehr grosser Motivation – sei es in Projekten selbst oder für die Weiterentwicklung der Organisation. Nach dem Bachelor in Umweltnaturwissenschaften wollte ich statt nur Probleme analysieren, auch welche lösen. Der Wechsel zu den Umweltingenieuren erlaubte mir das, allerdings in theoretischem Stil. Schön und gut, aber was macht man jetzt konkret? So bin ich bei IngOG+ gelandet, wo ich endlich konkret was machen konnte. Sonst bin ich ich, Katharina, fotografiere viel, mache Musik, werkle gerne an etwas herum und interessiere mich für vieles.

Was sind die «Ingenieure ohne Grenzen»?

Unsere Grundidee ist es, humanitäre Arbeit mit dem anzugehen, was wir können: mit Ingenieursdenken und -ansätzen. Damit möchten wir kleine, isolierte Gemeinschaften dabei unterstützen, ihre Lebenssituation zu verbessern. Isolierte Gemeinschaften sind für uns solche, die durch die Maschen der grossen Hilfswerke fallen, von der jeweiligen regionalen Gesellschaft nicht aufgefangen werden und durch ihre politische, geografische oder wirtschaftliche Situation ihre Grundbedürfnisse nicht decken können. Dabei streben wir stets einen Wissenstransfer und -austausch mit der lokalen Bevölkerung an.

Wir sind eine überschaubare, transparente Organisation mit circa 100 Mitgliedern und arbeiten derzeit an Projekten auf vier verschiedenen Kontinenten in den Bereichen Trinkwasser, Obdach und Heizungssysteme. Und dies alles auf freiwilliger Basis – das heisst, die circa 30 aktiven Ingenieure und Nicht-Ingenieure (!) gehen meist vollzeit ihren Berufen nach und arbeiten an Abenden und Wochenenden für IngOG+.

Auf der Webseite steht, dass du dich bei diesem Projekt engagierst, weil du nach dem Studium einen Sinn fürs Leben gesucht hast. Hast du ihn gefunden?

-Lacht- Die Frage würde ich gerne korrigieren. Ich war und bin noch immer auf der Suche danach, mein Wissen aus dem Studium und meine langsam wachsende Erfahrung sinnvoll einzusetzen – und das ist für mich dort, wo es am meisten gebraucht wird, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Die Transparenz im Budget, der Umgang mit anderen Kulturen, die Nachhaltigkeit von Projekten – all das und mehr möchte ich nachvollziehen und kontrollieren können. Und das ist möglich bei IngOG+.

In diesem Sinne gibt mir das Engagement bei IngOG+ definitiv einen Sinn. Es gibt mir das Gefühl, etwas verändern zu können, etwas positives zu bewirken. Es ist wunderbar, die Motivation junger Menschen zu sehen und die Möglichkeit zu haben, diese in etwas konstruktives umzumünzen.

Dass ich den Sinn gefunden hätte, muss ich aber trotzdem mit Nein beantworten, da das Leben meiner Meinung nach nicht nur einen Sinn hat. Aber für den Moment bin ich zufrieden und mache weiter.

Vielleicht gibt es andere Leute, die mich als Gutmenschen bezeichnen würden. Aber das ist mir egal.

Würdest du dich als «Gutmensch» bezeichnen?

Nein, ich habe mich noch nie als solchen gesehen, gefühlt oder bezeichnet. Und ehrlich gesagt, wer bezeichnet sich selbst freiwillig als – ich zitiere den Duden – «[naiver] Mensch, der sich in einer als unkritisch, übertrieben, nervtötend o. ä. empfundenen Weise im Sinne der Political Correctness verhält, sich für die Political Correctness einsetzt»?

Vielleicht gibt es andere Leute, die mich als Gutmenschen bezeichnen würden. Aber das ist mir egal. Meine Erfahrung zeigt, wenn ich offen und fröhlich auf Leute zugehe, die Situation von Menschen versuche zu verbessern, kriege ich immer viel schönes und positives zurück.

Wie sieht ein normaler Tag bei dir aus?

Das ist schwierig zu sagen, da ich die letzten eineinhalb Jahre eher nomadisch unterwegs war und quasi das „Ohne Grenzen“ gelebt habe. Das ganze Jahr 2017 habe ich in Holland studiert und gearbeitet, bin viel herumgereist und beginne ab April eine fixe Vollzeitstelle als Assistentin an der ETH Zürich. Aber ich kann hier ja beschreiben, wie ich mir meinen zukünftigen Alltag vorstelle: ich stehe auf, röste Haferflocken, radle an die ETH und verbringe den grössten Teil meines Tages mit spannenden Siedlungswassergeschichten. Gegen Abend radle ich vom Berg runter an ein IngOG-Treffen, gehe bouldern, treffe Freunde und Familie oder gehe sonst meinen Interessen nach.

Wenn du für einen Tag Königin von Zürich wärst, was würdest du als erstes ändern?

Immer wenn ich mal wieder länger weg war und nach Zürich heimkomme, finde ich es faszinierend zu sehen, wie zentral das harte Arbeiten hier in Zürich ist. Man definiert sich über seine Arbeit, lernt man neue Leute kennen fragt man als erstes nach dem Beruf. Auch beklagt man sich viel, über dieses und jenes. Ich glaube, wäre ich Königin von Zürich, würd ich darüber abstimmen lassen, ob ein FREItag eingeführt wird: wo man mal zurücklehnt und aufschaut, sich umschaut, wertschätzt was wir hier in Zürich haben, und die Leute hinter den Tresen, Bürotischen und Baustellen mal von einer anderen Seite sieht.

Du könntest dir vorstellen, bei den IngOG+ mitzumachen oder sie finanziell zu unterstützen?
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