Tsüri-Chopf: «Ich sehe nicht ein, dass einige Menschen mehr Rechte haben sollen»

Judith Bühler hatte schon immer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Während dem Studium an der ZHAW setzte sie sich intensiv mit Islamophobie und Muslimenfeindlichkeit auseinander und war erschüttert, dass es heute immer noch ein so präsentes Thema ist. Als ihren Beitrag zur Lösung gründete sie JASS - Just a simple scarf. Der Verein organisiert hauptsächlich öffentliche Infoveranstaltungen und Koch-Events und arbeitet auch mit Schulen und Kindergärten zusammen.
26. Juni 2017

Judith, erzähl, wer bist du?

Ich werde oft mit meiner Funktion, und nicht mit meinem Namen vorgestellt: Das ist meine Schwester oder Chefin von JASS. Das möchte ich eigentlich nicht, ich bin der Mensch Judith.

Und wer ist der Mensch Judith?

Judith ist ein freundlicher Mensch, der weiss, was er will und dass auch lebt.

Ich möchte Frieden auf der Welt und eine inklusive Gesellschaft. Eine, die niemanden ausschliesst; friedliche Koexistenz miteinander und nicht gegeneinander. Gerechtigkeit ist das A und O: Ich sehe nicht ein, dass die einen Menschen mehr Rechte haben sollen als andere.

Menschen die man kennt, obwohl sie eigentlich fremd sind, sind plötzlich nicht mehr fremd.
Judith Bühler

Was macht JASS?

Wir setzen uns für eine inklusive Gesellschaft ein. Wir haben drei Fokusgruppen, die dem Zeitgeist entsprechen. Momentan sind das Asylsuchende und Flüchtlinge, Muslim*innen und Ausländer*innen.

Die meisten Konflikte entstehen durch Vorurteile. Wir versuchen, diese mit Information zu beseitigen: bei den Infoveranstaltungen erzählt immer jemand, Betroffene*r, Flüchtling oder Volontär*in von seinen/ihren Erlebnissen, im zweiten Teil wird die Diskussion eröffnet.

Bei unseren Koch-Veranstaltungen liegt der Fokus auf dem Kennenlernen: Menschen die man kennt, obwohl sie eigentlich fremd sind, sind plötzlich nicht mehr fremd. Nicht alle Beteiligten können gut Deutsch, aber man kann sich mit Händen und Füssen verständigen und hat riesen Spass dabei!

Wie entstand JASS?

Die Idee entstand beim Autofahren: Es war Winter und ich trug einen riesigen Schal. Daraus entwickelte sich die Kopftuchdebatte und ich dachte mir what the fuck, diskutiere ich hier allen Ernstes, ob dieses Tuch auf einem Kopf okay ist?! So entstand auch die Idee für den Namen JASS - Just a simple scarf. Besonders schön dabei ist die Anspielung auf Jass, ein Spiel dass für die Schweizer Tradition steht.

Von wo kommen Vorurteile?

Man sagt, Menschen kämen Vorurteilsfrei auf die Welt. Man erlernt sie mit Angst, die treibende Kraft hinter Vorurteilen. Dazu haben wir eine lange rassistische Geschichte hinter uns: ich habe in der Schule noch rassistische Lieder und Sprüche gelernt.

Wie sprengt ihr die Bubble und erreicht Personen, die noch nicht überzeugt sind?

Wir bespielen ganz bewusst Facebook, den sogenannten Wutbürger erreicht man dadurch sehr gut. Es entstehen angeregte Diskussionen im virtuellen Raum und wir zeigen uns sehr präsent. Es passiert selten, dass wir jemanden blockieren müssen. Ich habe auch schon auf meinem persönlichen Profil Drohungen erhalten, da mussten wir durchgreifen.

Im Moment ist der Trend so, dass sich immer mehr Menschen, die früher Mitte-Links standen, in dieser Thematik Islam immer weiter nach Mitte-Rechts rutschen.
Judith Bühler

Was sind denn die absurdesten Argumente und wie kann man darauf reagieren?

Es gibt wirklich Leute, die Angst vor der Islamisierung der Schweiz haben. Ich werde die Kommentare dazu nicht wiederholen, weil ich nicht möchte, dass sie hier stehen und so vervielfältigt werden.

Letztens haben wir eine Collage von verschiedenen Gewalt-ausdrückenden Situationen aus verschiedensten Ländern bekommen. Es war vollkommen aus dem Kontext gerissen, nur um die eigene Meinung zu bestätigen.

Bei unseren Antworten trennen wir dieses Gemisch von Emotion und Fakten und erklären den Sachverhalt. Generell funktioniert das sehr gut, verlangt aber, dass sich das Gegenüber darauf einlässt.

Wer interessiert sich für die Events, ausser die überzeugten?

Im Moment ist der Trend so, dass sich immer mehr Menschen, die früher Mitte-Links standen, in dieser Thematik Islam immer weiter nach Mitte-Rechts rutschen. Ein gutes Beispiel dafür sind viele Feminist*innen, mit denen wir teilweise harte Diskussionen über die Diskrimination der Frau führen. Auch die 68er Generation ist oft skeptisch, aber gerade diese Gruppen sind offen genug und kommen an unsere Veranstaltungen, geben ihren Input dazu.

Das Social Media kurieren ist also ein grosser Teil deines Alltags. Wie sehen deine Tage sonst aus?

Grundsätzlich sitze ich vor dem Computer und töggele irgendwelche Dinge, mit mal mehr, mal weniger Menschenkontakt. Wir haben jetzt auch verschiedene Flüchtlinge angestellt, also sehe ich öfters Menschen (lacht).

Ich kümmere mich nicht nur um das Social Media: es müssen auch Gelder organisiert werden, Wirkungsmessungen und Konzepte müssen geschrieben werden, Veranstaltungen und Werbung müssen koordiniert werden.

Trotzdem komme ich manchmal aus dem Büro raus und bin öfters bei Veranstaltungen anzutreffen.

Du erwähntest, ihr habt Flüchtlinge angestellt. Was arbeiten sie?

Es kommt drauf an, was sie gerne machen und was sie mitbringen.

Letzte Woche hat jemand an einem Anlass wunderbare Fotos gemacht! Wir hatten noch nie so tolle Fotos! Und diese Person kann einfach so, schampar gut fotografieren.

Klar möchten wir gute Leute behalten, aber wenn sie eine Chance ausserhalb von JASS ergreifen können, freut uns das natürlich: es geht uns ja auch um Arbeitsintegration und eine soziale Verantwortung wahrnehmen.

Da kommt so eine komische Judith Bühler daher, die ist konfessionslos, Europäerin und macht etwas zum Islam. Was will die denn hier?
Judith Bühler

Was ist dein schönster Erfolg?

Ich freue mich über jede Veranstaltung! Die letzte Veranstaltung am Sonntag war mega läss. Zuerst waren wir ein paar Handvoll Leute, am Ende waren es über 60 Personen, ich weis gar nicht, wie das passiert ist! Es ist wild zu und her gegangen, und im Nachhinein diese Fotos anzuschauen und merken: das rockt! war ein hammer Gefühl!

Über was ich mich noch mehr freue, ist der Respekt und die Akzeptanz, die von Seiten von Muslim*innen JASS entgegengebracht wird. Ich meine, da kommt so eine komische Judith Bühler daher, die ist konfessionslos, Europäerin und macht etwas zum Islam. Was will die denn hier?

Mir wurde gesagt: Im deutschsprachigen Raum kennt jeder Muslim, jede Muslimin JASS und steht dahinter. Das freut mich sehr, denn es bedeutet, dass man aus einer anderen Kultur kommen kann, sich für etwas interessieren und informieren kann und sich tatsächlich etwas bewegt.

Was würdest du tun, wenn du Königin von Zürich wärst?

Ich würde ein Toleranzfest machen und das bunte Miteinander feiern. Aber dafür bräuchte ich schon ein ganzes Wochenende.

Also gut, du kriegst ein Wochenende.

Ich würde die Leute zusammenbringen. Es gibt da sicher ganz kreative Antworten und mir fällt nur so etwas Banales ein. Ich habe extra die Antworten der anderen nicht gelesen, um spontan zu sein (lacht).

Ich würde ein riesen Fest machen und die Vielfalt feiern. Es gibt ja so viel, von dem wir gar nichts wissen! Es würde ganz viel Kultur geben und leckeres Essen. Und wir müssten unbedingt alle zusammen Kochen!

--> Hier findest du alle Tsüri-Chöpfe

In unserer Stadt entsteht ständig Neues und es gibt schon viel Geniales. In unserer Tsüri-Chopf-Reihe stellen wir dir die kreativen Köpfe hinter den inspirierenden Projekten vor. Kennst du selbst spannende Leute, die tolle Sachen in unserer schönen Stadt anreissen? Dann melde dich bei uns auf info@tsri.ch.


Foto: Alan Hayward and Luisa Maldonado P. (www.reversible-film.com)

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