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Die Tretmühlen des Glücks - Mathias Binswanger

Macht mehr Einkommen glücklicher? Wenn ja, bis zu welchem Betrag? Und was, wenn unser Glück nicht auf unserem absoluten Einkommenslevel, sondern auf unserer relativen Stellung in der Einkommensverteilung beruht?
31. Oktober 2019

Text: Joël Bühler


In der Wissenschaft wird das durchschnittliche subjektive Wohlbefinden als Mass der Lebenszufriedenheit verwendet. Die Zufriedenheit von Menschen steigt mit dem Durchschnittseinkommen ihres Landes unterhalb von 15’000 bis 20’000$ stark an, stagniert aber danach. Gleichzeitig sind Menschen mit höheren Einkommen innerhalb eines Landes auch in reichen Ländern deutlich glücklicher als ihre Landsleute mit tiefen Einkommen. Was auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, lässt sich durch Regressionsanalysen auflösen: Während das Glücksempfinden im eigenen Einkommen stark steigt, nimmt es in der gleichen Grössenordnung ab, wenn das Einkommen anderer Personen zunimmt. Entscheidend ist also das relative Einkommen innerhalb einer Gesellschaft.

Aber was macht uns denn nun glücklich? Gemäss einer Umfrage bei texanischen Frauen ist das besonders Sex, Kontakt mit Freund*innen, Entspannen, Mittag- und Nachtessen und Fitness. Am wenigsten glücklich machen Pendeln zur Arbeit und bezahlte Arbeit. Doch weshalb rennen Menschen lieber hohen Einkommen nach, ohne glücklich zu werden?

  • Die Statustretmühle

Das eigene Glück der Menschen hängt vom Vergleich mit anderen Personen ab. Weil nicht alle besser sein können als der Durchschnitt, werden die Menschen unglücklich. Besonders typisch ist das beim Statussymbol Auto: Hier werden immer grössere und prestigeträchtigere Wagen gebaut, nur damit der Statuskonsum aufrechterhalten werden kann. Dies führt dazu, dass beispielsweise 51 Prozent der Menschen in der Schweiz nur sehr schwer auf ein Auto verzichten können – die Zusatzversicherung bei der Krankenkasse möchte nur die Hälfte davon unbedingt behalten.

  • Die Anspruchstretmühle

Erzielen wir ein höheres Einkommen, passen wir innerhalb kurzer Zeit auch unsere Ansprüche daran an. Damit ist die Freude über den zusätzlichen finanziellen Spielraum schnell verflogen, da auch neue materielle Güter ihren Reiz rasch verlieren. Die Unternehmen bespielen diesen Effekt geschickt: Wenn jedes Jahr ein neues Smartphone auf den Markt kommt, dann können die Menschen die gestiegenen Ansprüche in kürzester Zeit wieder befriedigen.

  • Die Multioptionstretmühle

Wirtschaftswachstum führt zu immer mehr Optionen auf dem Markt. Weil unsere Zeit begrenzt ist, sinkt die verfügbare Zeit pro Entscheidung. Wird das Angebot an Optionen zu unübersichtlich, macht uns das unzufrieden; so waren in einem Experiment Menschen deutlich glücklicher, die statt aus 30 Arten Schokolade nur aus sechs auswählen mussten.

  • Die Zeitspartretmühle

Der technische Fortschritt führt zwar dazu, dass wir Produkte schneller vergleichen, uns schneller bewegen oder Aktivitäten schneller ausführen können. Dadurch verwenden wir einfach zusätzliche Zeit auf unbefriedigende Aktivitäten wie Pendeln: Trotz massiv schnellerer Bahnverbindungen hat die durchschnittliche Pendelzeit in der Schweiz zwischen 2000 und 2011 um sieben Minuten zugenommen. So können wir uns zwar dank technischem Fortschritt mehr Mobilität leisten, unsere Freizeit für die schönsten Aktivitäten nimmt aber nicht zu,

Insgesamt zeigen die Tretmühlen, dass wir unsere Wirtschaft anders ausrichten sollten: Das BIP hat als (alleiniger) Wohlstandsindikator ausgedient. Und die Wirtschaftspolitik sollte das fördern, was uns glücklich macht: Wir brauchen mehr Freizeit statt mehr Wachstum.

Nächsten Donnerstag wird uns Käthe Knittler erklären, weshalb wir zudem dringend einen feministischen Blick auf die Wirtschaftswissenschaften brauchen.


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