«Mami, wenn ich den Stimmbruch bekomme, bringe ich mich um.»

«Transkind» ist ein Begriff für Minderjährige mit einer Transidentität. Was darunter genau zu verstehen ist und was das für die betroffenen Kinder bedeutet, beantwortet Tanja Martinez vom Verein «Transgender Network Switzerland» im Interview mit Tsüri.ch.
21. Januar 2018

Von Transidentität oder Transgender (Trans*) wird gesprochen, wenn das Geschlecht, dem sich eine Person zugehörig fühlt, nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das einem bei der Geburt aufgrund körperlicher Merkmale zugewiesen wurde. Bei Minderjährigen spricht man in diesem Zusammenhang von Transkindern. Bei der Ausübung ihrer Arbeit in der integrativen Frühförderung wurde Tanja Martinez zum ersten Mal mit dem Thema konfrontiert. Die Heilpädagogin kam mit einem Kind in Kontakt, das darunter litt, als Mädchen wahrgenommen zu werden, obwohl es sich selbst als Jungen empfand. Dabei stiess sie auf den Verein «Transgender Network Switzerland». Heute ist sie Mitglied des Vorstands und berät Familien und Institutionen im Umgang mit Transidentität bei Minderjährigen.

Frau Martinez, wie gehen die betroffenen Kinder eigentlich mit dem Begriff «Transkind» um, der ihnen plötzlich zugeschrieben wird?

Tanja Martinez: Kinder finden den Begriff oft befremdend. Viele jüngere Transkinder verstehen nicht, warum es diesen Begriff braucht. Sie sehen sich nicht anders als andere Mädchen und Knaben. Ich weiss von Transkindern im Vorschulalter, die gar kein Coming-out mehr vollziehen, weil sie von ganz früh an in der Geschlechterrolle leben, mit der sie sich identifizieren. Aber für viele Erwachsene in unserer Gesellschaft kann es wichtig sein, diesen Sachverhalt mit einem Namen benennen zu können.

Wann können die ersten Anzeichen für eine Transidentität bei Kindern auftauchen?

Es gibt Eltern, die beobachten, dass ihr Kind schon zwischen eineinhalb und zwei Jahren Dinge dahingehend äussert. Zum Beispiel zeigt sich das Kind irritiert, wenn es als Mädchen oder Junge angesprochen wird. Von dem Moment an, wo sich das Kind als eigenständige Persönlichkeit, als Individuum wahrnimmt, können die ersten Anzeichen auftauchen.

Es gibt kleine Kinder, die versuchen, sich die Geschlechtsteile abzuschneiden. Das ist dann kein spielerisches Ausprobieren mehr.

Ganz viele Kinder spielen ja mit Geschlechterrollen. Sie probieren aus und machen Rollenspiele. Wo ist die Grenze zwischengewöhnlichem Ausprobieren und ersten Anzeichen für eine Transidentität?

Natürlich ist es normal, dass Kinder in jungen Jahren Geschlechterrollen ausprobieren. Solange das Kind sich einfach mal verkleidet und zufrieden ist, kann das solchen Rollenspielen zugeordnet werden. Ausschlaggebend ist, ob das Kind einen starken Leidensdruck erlebt: Wenn es ihm nicht gut geht und wenn es auf einmal nicht mehr am normalen Alltag teilnimmt, muss man genauer hinschauen. Es gibt viele Kinder, die stehen nicht vom Bett auf, leiden an Depressionen oder Erschöpfungszuständen. Ich weiss von einem Fall, wo das Kind sagte: «Mami, wenn ich den Stimmbruch bekomme, dann bringe ich mich um.» Es gibt kleine Kinder, die versuchen, sich die Geschlechtsteile abzuschneiden. Das ist dann kein spielerisches Ausprobieren mehr.

Und doch ist der Begriff «Transkind» ja auch wieder eine Schublade, in die das Kind gesteckt wird. Kann diese Schubladisierung das Kind nicht auch unter Druck setzen, bestimmten Erwartungen gerecht werden zu müssen?

Das ist unter Ärzten und Therapeuten ein grosses Thema. Aber andererseits hat bei Personen, wo die Identität mit dem zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, auch niemand Bedenken. Keiner fragt: «Was, wenn sich das Mädchen irgendwann doch als Junge fühlt?» Man wird von der Gesellschaft in diese Geschlechterrolle hineingepresst, manchmal sogar ziemlich stark. Bei einem Transkind aber ist diese Angst da, es könnte sich vielleicht doch nur um eine Phase handeln. Warum? Klar könnte es sich wieder ändern. Kinder leben generell viel stärker im Moment. Es gibt aber auch Jugendliche, die sich erst mit 13 Jahren als Transgender outen. Nehmen wir an, ein Kind, das als Mädchen angesehen wird, hat einen starken Drang, sich zu outen. Es möchte als Junge leben, verdrängt das aber. In der Folge lebt dieses Kind vielleicht mit Depressionen oder Suizidgedanken. Es verliert dadurch also viel mehr, als wenn es sich outen würde. In erster Linie sollen sich Kinder entfalten können.

Es ist wichtig, mit dem Kind und nicht über das Kind zu entscheiden.

Könnte es nicht sein, dass ein Kind nach seinem Outing in jungen Jahren mit der Zeit doch plötzlich merkt, dass es nicht trans* ist? Möglicherweise hat sich seine Beziehung zum eigenen Körper in der Pubertät nochmals verändert. Wäre es für das Kind nicht sehr schwierig, dies zu äussern, nachdem vorangehenden Outing und den Gesprächen, die betrieben wurden?

Ich habe noch nie von einem solchen Fall gehört. Mir schildern die Eltern Sachen wie: «Jetzt sehe ich mein Kind zum ersten Mal glücklich». Lehrer beobachten, wie sich die schulischen Leistungen rapide verbessern. Es ist, als würden die Kinder sie selbst werden. Vorher versuchen sie, einer Rolle gerecht zu werden, was sie unglaubliche Kraft kostet. Natürlich gibt es auch Kinder, die nicht gleich das ganze Umfeld informieren möchten, lieber noch als ihr zugewiesenes Geschlecht in die Schule gehen und sich vorerst nur im eigenen Zuhause auslebt. So kann das Kind erst ausprobieren, wie sich das wirklich anfühlt und der Prozess geht dann schrittweise weiter. Gefahr besteht dort, wo Entscheidungen für die Kinder getroffen werden. Es ist wichtig, mit dem Kind – und nicht über das Kind – zu entscheiden.

Wie stehen Sie medizinischen Massnahmen gegenüber, beispielsweise der Verabreichung von Pubertätsblockern, welche die körperliche Entwicklung stoppen?

Das muss man individuell beurteilen. Nicht alle Transmenschen wünschen eine solche Behandlung. Auch bei ihnen ist das Verhältnis zum eigenen Körper sehr individuell. Erst vor einiger Zeit wurde mir klar, dass sich viele Transkinder bereits im anderen Körper sehen. Manche erschrecken sogar, wenn sie sich nackt im Spiegel sehen. Der eigene Körper ist ihnen fremd. Das führt zu weiteren Schwierigkeiten im Bezug auf ihre Sexualität und körperliche Nähe zu anderen. Transkinder können sich mit den Veränderungen des eigenen Körpers nicht anfreunden. Sie verpassen dadurch diese wichtige Phase des Erwachsenwerdens. Das kann ein Grund sein, der für solche Eingriffe spricht: Damit die Kinder die Pubertät mit ihrem eigenen identifizierten Geschlecht erleben können.

Wie alt sind die Kinder, die zu Ihnen in die Beratung kommen?

Im letzten Jahr ist das Alter nochmals stark gesunken. Vor zwei Jahren kamen fastausschliesslich Jugendliche in die Beratung. Seit diesem Zeitpunkt sank das Alter sukzessive und mittlerweile sind es vor allem Kindergartenkinder zwischen vier und sechs Jahren.

Warum ist der Altersdurchschnitt so stark gesunken?

Das ist schwierig zu sagen. Die Medien sind sicherlich einer der Einflussfaktoren, da sie heutzutage mehr über das Thema berichten... Wahrscheinlich wachsen viele Kinder zudem heute anders auf. Eltern nehmen ihre Kinder ernster, pflegen eine offene Gesprächskultur. Es ist erfreulich, dass die Kinder nicht mehr einen so langen Leidensweg hinter sich bringen müssen, bevor sie mit ihren Anliegen ernst genommen werden.

Grosse Unsicherheit besteht in Bezug auf die Schule und ob ihr Kind genügend Akzeptanz finden wird.

Wie viele Leute melden sich bei Ihnen für die Beratung an?

Pro Monat sind es ein bis zwei Beratungen. Die Beratungsleistung reicht vom einmaligen Telefongespräch bis zur Begleitung über Monate hinweg. Die Leute kommen sowohl aus der Stadt wie auch vom Land zu mir, besonders oft aber aus der Deutschschweiz. Es melden sich auch Schulen und pädagogische Fachpersonen. Am häufigsten wenden sich aber die Eltern an uns. Was ja auch schön ist: Es zeigt, dass sie für ihre Kinder einstehen.

Wie erleben Sie die Eltern, die zu Ihnen kommen?

Die meisten Eltern haben da schon erkannt, dass ihr Kind trans* ist. Oft spüre ich eine grosse Trauer. Die Eltern machen sich um die Zukunft ihrer Kinder Sorgen. Besonders grosse Unsicherheit besteht in Bezug auf die Schule und ob ihr Kind genügend Akzeptanz finden wird. Nach einem erfolgreichen Coming-out erlebe ich aber immer nur sehr erleichterte und glückliche Eltern.

In welchen Bereichen benötigen Eltern und Kinder Ihre Unterstützung?

Wir versuchen sie auf ihrem Weg zum Coming-out ganzheitlich zu begleiten. Die Schule wirft viele Fragen auf: Themen wie die Garderoben- oder WC-Nutzung, das Informieren von Lehrpersonen und der Schulleitung. Manchmal müssen auch rechtliche Fragen geklärt werden, etwa bei einer Namensänderung. Die Kinder selber brauchen eigentlich wenig direkte Unterstützung. Trans* ist keine Krankheit. Sie brauchen die gleiche individuelle Begleitung auf ihrem Entwicklungsweg wie alle anderen Kinder.

Wie reagieren Schulen, wenn sie von einem Transkind erfahren?

Es gibt immer mehr Schulen mit einer offenen Haltung solchen Themen gegenüber. Aber leider kommt auch Mobbing vor. Je älter die Kinder sind, desto mehr steigt das Risiko, gemobbt zu werden. Schulen hätten genügend Möglichkeiten dagegen vorzugehen, sie müssen Mobbing aber zuerst als solches erkennen und entsprechend handeln. Wie Kinder auf ein Coming-out reagieren, hängt auch stark mit der Haltung Erwachsener zusammen.

Und wie reagieren andere Erwachsene im Umfeld des Kindes?

Da gibt es die ganze Bandbreite. Tolle Beispiele von einfühlsamen Eltern anderer Kinder, aber auch solche, die Unterschriften dagegen sammelten. Manche Leute reagieren absurd und verletzend, als ob es sich um eine ansteckende Krankheit handeln würde.

Wie beweist man seine Identität? Ich musste auch nie erläutern, warum ich ein Mädchen bin.

Die Heilpädagogin Tanja Martinez

Können Sie uns von einem positiven Beispiel berichten?

Ich kenne eine Therapeutin, die ein zehnjähriges Kind beim Coming-out als Junge unterstützte. Sie überlegte lange, wie sie die Kinder in der Schule und die Lehrpersonen informieren solle. Als es soweit war, sagten die Kinder, ihnen sei das längst klar gewesen. Sie wollten dann Happy Birthday singen, weil das Kind ja heute als Junge neu zur Welt käme. Das hat mich gerührt.

Wie erleben sie die Zusammenarbeit mit den Behörden und Ärzten?

Das hängt davon ab, wie viel die jeweilige Person über das Thema weiss. Wo wenig Wissen vorhanden ist, kann Willkür herrschen. Uns als Verein ist es ein dringendes Anliegen, die pathologisierende Denkensweise zu verabschieden. Zurzeit werden Transkinder und Jugendliche noch oft von psychiatrischen oder medizinischen Stellen begutachtet, obwohl Trans* keine Krankheit ist und es demzufolge keine standardisierte Diagnose gibt. Dieser Diskurs gestaltet sich mit gewissen ärztlichen Fachpersonen harzig. Der Gang zu einer solchen Stelle bedeutet für Kinder nicht selten psychischer Stress. Wie beweist man seine Identität? Ich musste auch nie erläutern, warum ich ein Mädchen bin. Alle Kinder sollten auf gleiche Weise ernst genommen werden.

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Titelbild: Public Domain

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