«Tranquillo» – Wenn du’s nicht mehr hören kannst

Das Kino-Debüt vom Zürcher Autor und Regisseur Jonathan Jäggi über einen Tinnitus-geplagten Millennial ist erfrischend nah dran am urbanen Leben im kulturellen Epizentrum der Stadt Zürich.
02. April 2018

Mittzwanziger Peter kann sich vor Luxusproblemen kaum retten: Party-Verhandlungen mit Lokalbesitzer*innen, Streit über Innendekoration mit seiner Freundin oder grassierende Promiskuität im engeren Umfeld. Wie auf dem Kinoplakat thront er kettenrauchend über den Dingen – und fühlt sich dennoch hundsmiserabel. Ein Zustand, der vielen von uns bekannt vorkommen dürfte. Doch eines Nachts bekommt er richtig Lämpen: Ein hartnäckiges, hochfrequentes Geräusch nistet sich in seinem Gehörgang ein und stürzt ihn in die Sinnkrise. Schon bald wird Peter, getrieben von Frustration und Ärger, ganz neue Erfahrungen machen – und nicht alle davon sind ungefährlich.

Angst und Geld hatten die Macher keins

Nach einer wahren Begebenheit im Freundeskreis des Regisseurs Jäggi erzählt «Tranquillo» ruhig und unaufgeregt die scheinbare Methamorphose eines jungen Mannes im Spannungsfeld zwischen Bünzlis und Aktivisten. Dabei kommt der Film mit wenig Musik und einem wenig erfahrenen Schauspielerensemble aus. Auch der winterthurer Hauptdarsteller Tobias Bienz stand erst zum zweiten Mal für einen Langfilm vor der Kamera, überzeugt jedoch durch sein reduziertes Schauspiel. Von der Filmförderung sträflich zurückgewiesen, kompensieren die Macher fehlende Gelder mit viel Herzblut und letztlich einem Zustupf vom Migros Kulturprozent. «Mumblecore» nennt sich dieses aus New York stammende Genre: Kein Budget, viele Innenaufnahmen und ein verschworener Haufen leidensfähiger Mitwirkender.

So stellt der Film das zeitgenössische Städter*innenleben sehr treffend dar. Während der Wintermonate gedreht, gibt sich die weitgehend entvölkerte City wohltemperiert. Es fehlen weder Club Mate noch die links und rechts hochgekrempelten Hosenbeine (weil Velos schliesslich auf beiden Seiten Kettenläufe haben). Obendrauf gibt es den Randständigen, der dir eine Zigarette ausreisst und zum Dank über die Marke motzt. Manches ist reine Fiktion: An Konzerten tanzen Leute, und wenn eine Bekannte dem Peter sagt, sie hätte ihn noch nie in der Mars Bar gesehen, ist das schon fast ein Fall für die Liste mit den Sätzen, die noch nie 1 Zürcher*in gesagt hat.

Zürich auf der Leinwand zelebrieren

Dank guter Kenntnisse über das Rezept des Zürcher Kuchens ist der Film auch geographisch gelungen. Vom Piazza Cella, dem Bullingerhof, der Bäcki oder der sihlfeldisierten Sihlfeldstrasse wurden viele relevante urbane Schnittpunkte bespielt. Erfreulicherweise sind auch zurückgelegte Distanzen plausibel. Gehen die Figuren einige Schritte, bewegen sie sich dabei nicht hunderte Meter. Die meisten Filme über die Limmatstadt kriegen das leider nicht gebacken. Ausser einem Abstecher in die Büx oder die Allmend spielt sich die Geschichte ausschliesslich im Quartier Aussersihl ab. Darauf wurde offenbar grossen Wert gelegt, und das passt schon, denn Zürich ist eine Scheibe: Nicht gross genug, um von der Erdkrümmung tangiert zu werden.

Wider den zwinglianischen Zwängen

Dem Anliegen, die Volkskrankheit Tinnitus greifbar zu machen, wird der Film nur bedingt gerecht. Vielmehr wirkt die Störung wie eine Metapher dafür, etwas nicht mehr hören zu können; es sind schon Leute erblindet, weil sie den Anblick gewisser Personen nicht länger ertrugen. Etwas besser gelingt «Tranquillo» die plakative Kritik am zwinglianischen Arbeitseifer, der von vielen als gegeben hingenommen wird. Und jene, die auszubrechen suchen, wollen dennoch weiterhin dazugehören. Sie möchten sich von der Masse abheben, ohne aus dem Mittelfeld zu ragen. So beackert man ein neues Feld, nur um am Ende wieder aus dem gleichen Topf zu spriessen. Zürich bleibt ein kleines Gärtchen mit zarten Pflänzchen, und doch auch reich an (Spray-)Farben und exotischem Unkraut. Davon ist «Tranquillo» eine gelungene und kurzweilige Momentaufnahme. Und möglicherweise sogar ein künftiges Zeitdokument für die Aspirationen und Befindlichkeiten des wahrscheinlich besten Stadtkreises der Welt.


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Vorpremieren:
Samstag, 7. April 2018, 16:30 Uhr, Schweizer Jugendfilmtage
Sonntag, 8. April 2018, 21:00 Uhr, Riffraff 1

Regulärer Kinostart:
Zürich: Riffraff ab dem 12. April


Bildquellen: Alle Bilder von Mike Matescu, Titelbild: Screenshot/Youtube-Trailer

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