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An Timea wollten schon viele vorbei. Bild: Annika Müller

Timea: «Ich gehe nicht gerne in den Ausgang»

Timea arbeitet seit sechs Jahren als Selekteurin im «Gonzo». Mit Tsüri.ch spricht sie über die Abende an der Türe, ihre ungarischen Wurzeln und ihre Freizeit fernab von Nachtleben und Rambazamba.
23. Juli 2020
Praktikantin Redaktion

Vor dem Eingang des Zürcher Clubs Gonzo, wo Timea Horváth (29) viermal die Woche die halbe Nacht verbringt, kann sie alles und jede*n beobachten. Dort fühlt sie sich wohl. Unten im Club zu tanzen und Zeit zu verbringen, ist nichts für sie. «Ich weiss nicht, was ich dort machen soll: Es ist mir zu laut, alle schreien mich an und ich bin auch nicht die grosse Tänzerin.» Trotzdem ist sie mit ihrer Arbeit als Selekteurin stark mit dem Zürcher Nachtleben verwoben. Jeden Abend versuchen hunderte von Langstrassen-Besucher*innen an ihr vorbei die Treppe hinunter in den kleinen unterirdischen Keller zu gelangen, wo kein Techno und kein House, sondern funky R’n’B und Hip-Hop-Beats die Wände zum vibrieren bringen. «Es ist ein special Vibe dort unten. Alle sind immer sturzbetrunken, aber irgendwie passiert nie etwas Schlimmes», sagt Timea lachend über den Club. Auch sie hat früher zu den Partygänger*innen gehört, die sich in den Clubs tummeln. Das sei aber schon länger her.

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Der Kampf um den Einlass

Dass sie selbst oft ausging, ist eine Voraussetzung für ihren Job: «Der Sinn der Selektion ist auch, jemanden zu haben, der*die eben nicht wie ein*e Türsteher*in aussieht, der*die mehr als das Gesicht vom Nachtleben fungiert und weiss, wie es dort zu und hergeht.» So könne man sich besser in die Leute hineinversetzen, die vor der Türe stehen. Man wisse einigermassen wie man sich selber verhalten würde. Türsteher*innen seien meistens nicht aus der Ausgangsszene und hätten daher auch weniger Geduld mit betrunkenen Leuten.

Weil sie vor allem für die Kommunikation zuständig ist, trage sie auch keinen Pfefferspray. Sie musste zwar extra einen Pfefferspray-Kurs belegen, es reiche ihr aber, dass die Jungs, welche mit ihr an der Türe sind, einen auf sich tragen. Sie ist vor allem dazu da, mit den Leuten zu sprechen und zu diskutieren, wie sie sagt. Denn zu grosse Männergruppen ohne Frauenbegleitung haben es beim Einlass schwieriger, Betrunkene auch. «Wenn jemand zu betrunken ist oder gar einschläft, müssen wir diese Person so oder so hinaus begleiten. Meine Aufgabe ist es, dieser Person beizubringen, dass sie gehen muss und ihr den Grund dafür zu erklären.» Zu 80 Prozent sagen diese Leute dann «Nei ich bin gar nöd betrunke» aber schwankten gleichzeitig umher und lallen.

Wir haben Timea beim Viadukt getroffen. Bild: Annika Müller

Timea ist der Meinung, dass man praktisch alles auf humane Art und Weise ausdiskutieren kann. Sie handle selten unfair oder nutze ihre Macht an der Türe aus. Trotzdem bekommt sie regelmässig einiges zu hören. «Wenn ich Männer nicht reinlasse, heisst es, ich sei sexistisch, eine Fotze, eine Nutte – es ist immer das Gleiche. Solche Beschimpfungen gehen beim einen Ohr rein, beim anderen wieder raus. Was soll ich mich darauf gross einlassen, sie sind betrunken.» Timea bestätigten Beschimpfungen dieser Art nur darin, jemanden nicht reinzulassen: «Wenn du so mit einer Frau redest, die Nein zu dir sagt, ist das ein guter Grund nicht in den Club zu kommen.»

Wenn ein Typ hier stehen würde, würdest du den auch nicht anfassen.
Timea

Früher seien solche Vorfälle öfters vorgekommen. Was ihr aber auffällt: «Männer sind oft diejenigen, die mich anfassen wollen, wenn ich mit ihnen diskutiere. Ich drehe mich dann immer gerade weg. Darauf kommt oft ein: He alles easy gell. Darauf sage ich dann: Nein, wenn ein Typ hier stehen würde, würdest du den auch nicht anfassen.» Da sie den Job schon seit sechs Jahren mache, kennen sie die meisten Clubgänger*innen mittlerweile und es werde ihr grundsätzlich mit Respekt begegnet: «Ich höre oft, dass Leute Angst vor mir haben», sagt sie mit einem Zwinkern.

Zwischen Zürich und Budapest

Während dem Lockdown habe sie gemerkt, dass sie zwar das Nachtleben nicht vermisse, aber das Arbeiten in der Nacht. Mit knapp 18 hat Timea im Club Escherwyss angefangen an der Garderobe zu arbeiten, danach in der Zukunft, im Café Gold an der Türe, im Hive und seit sechs Jahren nun im Gonzo. Die Arbeit in der Nacht gehört zu Timea: «Auch als ich einen Hundertprozent-Job hatte, habe ich am Wochenende im Nachtleben gearbeitet.»

Timeas Eltern sind aus Ungarn, weshalb sie sich stark mit dem Land und vor allem mit Budapest verbunden fühlt. Von der ersten bis zur sechsten Primarklasse hat sie samstags eine ungarische Schule in Oerlikon besucht, in der sie viel über die ungarische Geschichte und Kultur gelernt hat. Vor sieben Jahren, als sie Filialleiterin im Jamarico war, ist sie für ein halbes Jahr nach Budapest gegangen, um eine Weiterbildung als Stylistin zu machen. Drei bis viermal im Jahr geht sie zurück und spielt immer mal wieder mit dem Gedanken, definitiv dorthin zu ziehen. Gute Freund*innen lebten in der Stadt an der Donau und auch das Nachtleben gefällt ihr. «Es gibt viele Ruin Bars, alte Gebäude, kurz vor dem Abriss, die zu einem Club umfunktioniert wurden. Vor zehn Jahren rutschte das Ganze aber ziemlich in den Mainstream, weil auch Tourist*innen angefangen haben dort hinzukommen.»

Monopoly spielen statt schlafen

Das Gefährliche an der Arbeit in der Nacht sei, dass man halt oft hängen bliebe. Dann trinkt man da und dort noch ein Bier. Heute freue sie sich nach Feierabend eher auf Zuhause. Es ist ihr wichtig, dass sie Sonntags ihren Ruhetag hat. Die Arbeit sei sehr intensiv, an der Langstrasse sei immer sehr viel los. «Am Sonntag möchte ich mir einen schönen Tag machen, Zuhause bleiben mit meinen Liebsten und gut essen. » Über die Jahre sei sie eher ein Morgenmensch geworden. Sie steht gerne früh auf und geht dann rennen.

«Ich brauche nicht viel Schlaf», erzählt sie. Vier Stunden reichten ihr normalerweise. Auch nach dem Arbeiten sei sie immer zwischen neun und zehn Uhr wach. Während dem Lockdown hätte sie gar nicht arbeiten können. Anfangs habe sie die Situation überfordert, aber dann hätte sie gemerkt, wie viel Zeit sie jetzt hat. Sie sei mit Freund*innen viel Zuhause gewesen. «Am Anfang wussten wir nicht was machen, dann haben wir mit Gesellschaftsspielen angefangen.» Uno, Monopoly, Cards Against Humanity. Stundenlang hätten sie gespielt und dazu Rosé getrunken. «Wir haben eine regelrechte Spielsucht entwickelt.» Einmal hätten sie 14 Stunden am Stück Monopoly gespielt. Jemand sei zwischendurch schlafen gegangen. Timea und eine andere Freundin aber seien wach geblieben. Sie habe während Corona auch ihr Liebe zum Puzzeln wiederentdeckt. «Einmal habe ich so lange gepuzzelt, bis ich gemerkt habe, dass es schon wieder hell wird.»

Jede*r macht halt sein*ihr Ding, aber trotzdem sind wir alle zusammen.
Timea

Es sei wie ein «Nachhause kommen» gewesen, als Timea das erste mal nach dem Lockdown wieder gearbeitet habe. «Wir sind eine kleine Familie. Jeder hat seine Macken, aber die sind okay.» Es sei einfach die Gonzo-Familie dort im Keller unten. Darum sei sie auch so gerne dort. «Jede*r macht halt sein*ihr Ding, aber trotzdem sind wir alle zusammen.»

Während dem Lockdown. Bild: Elio Donauer

Wenn man Timea fragt, was sie denn den ganzen Abend mache, sagt sie lachend «Umestah und rauche.» Das Rauchen ist aber wohl die einzige Konstante in ihrer Arbeit. «An der Langstrasse passiert so viel: Ich mache zwar jede Nacht das Gleiche, aber jeder Abend ist anders.»


Was gefällt dir an Zürichs Nachtleben, was nicht?

«Das Schöne ist definitiv der Zusammenhalt. Wenn ich nach dem Arbeiten weitergehen will, bin ich immer willkommen. Jeder Club lässt mich nach Feierabend noch kurz auf ein Bier runter. Dafür, dass wir so eine kleine Stadt sind, läuft so viel. Es gibt Outdoorpartys und Veranstaltungen in der Roten Fabrik, die ich sowieso einen super Ort finde. Im Sommer macht man in dieser Stadt eben Party. Ich weiss nicht was das an Zürich ist, aber alle Leute lieben es.

Da ich nicht wirklich weg gehe, weiss ich nicht, was so läuft. Die Langstrasse ist mir zu turbulent geworden. Früher war es friedlicher, obwohl es noch nicht so gentrifiziert war. Wenn ich jetzt heilmaufe, bin ich schockiert darüber, wie sich die Leute dermassen abschiessen. Als ich letzten nach Feierabend nach Hause gegangen bin, sah ich überall Kastenwägen und Blaulichter. Ich habe das Gefühl es wird immer extremer.»

Portraitserie – Frauen des Nachtlebens
Das Nachtleben gilt als Männerdomäne – zu Recht: Der Frauenanteil in den Bar- und Club-Berufen ist sehr gering. Wir haben sieben Frauen getroffen, die die Nächte in der Stadt prägen. Die Frage «Was magst du am Zürcher Nachtleben, was nicht?» haben wir jeder gestellt. Ansonsten haben wir mit ihnen über Platten, Wein und den Alltag fernab der Nacht geplaudert.

1. Zarina Friedli – Kollektiv F96
2. Zinet Hassan – DJ Verycozi
3. Nathalie Brunner – DJ Playlove
4. Jenny Kamer – DJ und Bookerin Zukunft
5. Timea Horváth – Selekteurin Gonzo
6. Vera Widmer – Besitzerin Playbar
7. Valentina – DJ MS HYDE und Veranstalterin Konzerte Bar3000

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