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«Die Entstehungsgeschichte des Filmfestivals ist ziemlich politisch» (Bild: Lydia Lippuner)

Tibet Film Festival: «Das Filmen ist eine Form des Widerstands»

Wir haben die Organisatorin des Tibet Film Festivals, Tenzin Losinger, im Kosmos getroffen, wo das Festival vom 12. bis 14. September bereits zum zehnten Mal stattfindet. Im Interview erklärt die gebürtige Tibeterin, wie sie von Zürich aus tibetische Filme findet und welchen Risiken sich die Filmschaffenden aussetzen.
10. September 2019
Redaktorin

Vom 12. bis 14. September findet zum zehnten Mal das Tibet Film Festival in Zürich statt. Wie kamt ihr dazu das Festival zu starten?

Im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking nahm ein Tibeter die Kamera in die Hand und befragte die Leute. Daraus entstand ein 20-minütiger Film und schliesslich auch das Tibet Film Festival. Es war also schon zu Beginn eine Form von Widerstand.

Damit sind wir bereits mitten im Thema. Ist das Festival vor allem politisch?

Die Entstehungsgeschichte des Filmfestivals ist ziemlich politisch, doch mittlerweile gibt es auch gesellschaftliche Themen in den Filmen. Ein Film kann also auch einmal einfach eine Liebesgeschichte abhandeln. Auch in einer solchen Geschichte können viele Aussagen über das Leben der Tibeter*innen in Tibet dahinter stecken. Das Ziel ist einfach, dass die Menschen ihre Geschichte selbst erzählen können und nicht nur der fremde Blick zählt.

Die meisten grösseren Filmproduktionen über den Tibet wurden bisher von Nicht-Tibeter*innen realisiert.

Ja, und so wird der Tibet oft als mystisch und buddhistisch dargestellt. Doch da ist mehr dahinter. Um das darzustellen, braucht es eigene Filme und eine eigene Filmsprache. Erst dann ist ein fremder Blick hilfreich.

Statt im Tibet findet das Filmfestival nun in Zürich und in Dharamsala in Indien statt.

Wir bringen Filme direkt aus Tibet in die Schweiz. Auch für uns Exil-Tibeter*innen ist das gut. Ich bin Tibeterin und war beispielsweise noch nie in Tibet. Durch die Filme erhalten wir selbst einen neuen Blick auf das Leben im Tibet.

Verstehen Sie das Tibet Film Festival vor allem als Hilfe für die Exil-Tibeter*innen um die fremde Heimat kennenzulernen oder als politisches Statement für Aussenstehende?

Beides. Sicher nicht nur für Exil-Tibeter*innen sondern auch für ein diverses und internationales Publikum. Es gibt einen Filmemacher der bereits u.a. anspruchsvolle Autor*innenfilme geschaffen hat. Doch nicht allen sagt diese Art von Film etwas, das ist überall so. Wichtig ist uns, dass das Filmfestival für ein diverses Publikum zugänglich ist. Deswegen sind wir auch froh, dass wir im Kosmos sein können. Durch diese Plattform erhalten die tibetischen Filme eine grössere Leinwand.

Worauf legen Sie mehr wert, dass der Film schön und professionell gemacht ist oder dass er eine politische Botschaft hat?

Da das Filmen im Tibet noch in Kinderschuhen steckt, zeigen wir auch Filme die noch ein wenig trashig sind, beispielsweise Filme von Erstfilmer*innen. Diese nehmen wir aber trotzdem ins Programm. Wir sind noch nicht Hollywood oder das Iranische Kino. Wir sind noch mitten im Lernprozess und entsprechend wollen wir auch die ganze Bandbreite an Filmen zeigen.

Wir fragen, telefonieren und suchen. Doch es ist nicht einfach.
Tenzin Losinger

Wie fördern Sie die Filmemacher*innen, damit sie aus den Kinderschuhen herauswachsen?

Wir haben beispielsweise einen Wettbewerb für Kurzfilme. Das ist Talentförderung für Junge. Wir haben auch einmal einen Workshop angeboten. Doch das ist alles auch eine Ressourcenfrage. Gerade in der zweiten Generation der Migrant*innen möchten die Eltern nachvollziehbarerweise, dass die Kinder etwas Rechtes machen. Beispielsweise in der Bank arbeiten.

Etwas Rechtes, also nichts Kulturelles oder Künstlerisches. Kommen Ihre Eltern ans Filmfestival?

Sie kamen bisher immer ans Festival. Ich empfehle ihnen dann jeweils einen Familienfilm.

Wie finden Sie von Zürich aus an authentische, tibetische Filme?

Wir fragen, telefonieren und suchen. Doch es ist nicht einfach, deshalb müssen wir auch manchmal einen Film vom letzten Jahr widerholen. Da es keine tibetische Produktionsfirma gibt, müssen wir immer über die Produktionsfirma in China gehen. Da können wir nicht sagen, dass wir ein Tibet Film Festival sind. Denn manchmal wird ein Film sogar zurückgezogen, weil es ihnen zu heikel ist. Deshalb lege ich dann eher den Akzent auf die Schweiz und erkläre einfach, dass wir in Zürich Filme über Tibet zeigen.

Ist es gefährlich für tibetische Filmemacher*innen einen Film zu veröffentlichen?

Man kann im Tibet natürlich nicht einfach die Kamera hinhalten wie in anderen Ländern. Beispielsweise beim Film «Leaving fear behind» kam der Filmemacher Dhondup Wangchen – dem das Tibet Film Festival gewidmet ist – nachher ins Gefängnis. Doch gerade weil es schwierig ist, merkt man bei etablierten Filmemacher*innen, dass die Filmsprache viel subtiler ist. Durch die Einschränkung müssen die Filmemacher*Innen kreativer sein, um ihre Botschaft zu vermitteln. So kann durch eine banale Geschichte viel vermittelt werden. Die Filme aus dem Exil sind da ganz anders: Sie wirken emotionaler.

Könnten die Filmschaffenden das Rohmaterial nicht direkt nach Zürich senden und Sie schneiden es hier und umgehen so die Produktionsfirma?

Nein, das wäre unmöglich. Und sowieso muss man bei jeder politischen Äusserung, sei es durch einen Film oder ein Buch, mit Folter, Haft oder sogar dem Tod rechnen. Bei «Leaving Fear Behind» gelang es dem Filmemacher, das Filmmaterial aus Tibet herauszuschmuggeln. Aber er, und alle die involviert waren, riskierten alles.

Hat sich das Risiko gelohnt?

Mit dem Film konnte man bereits Einiges erreichen und er wurde an vielen Orten gezeigt. Denn die Chines*innen zeigen nur, was sie Gutes für Tibet tun. Doch davon spüren viele Tibeter*innen nichts. Der Preis war jedoch extrem hoch. Er (Anmerkung der Redaktion: der Filmemacher) wurde sechs Jahre lang inhaftiert und seine Familie wurde auseinandergerissen. Auch Golog Jigme, der am Film mitgewirkt hat, wurde mehrmals inhaftiert und gefoltert.

Hat sich das Filmen als Protestaktion durchgesetzt?

Das Filmen ist, gerade in Ländern in denen Unterdrückung herrscht, oft eine Form von Widerstand. Aber das ist in Tibet noch nicht so stark verbreitet, weil es kein einfaches Unterfangen ist und es wenige Menschen wie Dhondup Wangchen gibt.

Wie beliebt ist das eher politische Filmfestival in der Exil-Gemeinde der Tibeter*innen?

Ja, langsam wird es bekannt. Doch es ist noch ein weiter Weg. Für ein musikalisches Fest ist es wesentlich einfacher tausende Leute einzuladen.

Zum Schluss: Welchen Film muss man am Tibet Film Festival unbedingt gesehen haben?

«The Sweet Requiem», das ist ein Film von einem indisch-tibetischen Filmepaar. Sie kommen ebenfalls ans Festival. Der Film hatte seine Premiere am Toronto International Film Festival. Ebenso spannend ist «Rituals of Resistance», ein Dokumentarfilm, der verschiedene Formen von Widerstand ins Auge fasst. Auch hier wird das Filmemacherpaar aus den USA anwesend sein.


member ad

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