Dr. Thilo Beck: «Harte Drogen gehören ins gesellschaftliche Leben eingebunden»

Thilo Beck ist Chefarzt Psychiatrie der Arud, dem Zentrum für Suchtmedizin. Er und seine Institution stehen ein für eine Legalisierung von Drogen wie Cannabis, Heroin oder Kokain. Im Gespräch mit Marco Büsch erklärt Beck, wie er sich das vorstellt und was es bedeutet, süchtig zu sein.
24. November 2018

Die Arud ist ein Produkt ihrer Zeit. Als die Polizei 1991 die offene Drogenszene am Platzspitz zerschlagen hatte, gründeten Sucht-Expert*innen und Ärzt*innen die Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen (ARUD). Heute schreibt sich die Arud nicht mehr mit Grossbuchstaben und nennt sich Zentrum für Suchtmedizin. Der Ansatz bleibt im Kern der gleiche. Der Verein behandelt und unterstützt Menschen, die Schwierigkeiten im Umgang mit legalen und illegalen Suchtmitteln haben: Von Kettenraucher*innen bis zu Heroinabhängigen. Dr. Thilo Beck ist seit den 90er-Jahren mit dabei und mittlerweile Chefarzt Psychiatrie der Arud. Er und die Arud setzen sich ein für einen sinnvollen Umgang mit psychoaktiven Substanzen wie Heroin oder Kokain und gegen eine Stigmatisierung von Suchtkranken.

Die Arud steht ein für eine Legalisierung von psychoaktiven Substanzen wie Cannabis, Kokain und Heroin. Wie stellen sie sich das vor?

Man stellt den Menschen die Substanzen ohne kommerziellen Druck zur Verfügung. Jede Substanz muss zu einem vernünftigen Preis angeboten werden, der nicht so tief ist, dass er neue Kunden anzieht, aber auch nicht zu hoch, um keinen Schwarzmarkt zuzulassen. Die Nachfrage kann in einem gewissen Rahmen über den Preis reguliert werden. Zusätzlich müsste es ein Werbeverbot geben, und die Substanz sollte nicht an jedem Ort 24/7 verfügbar sein, sondern nur an ausgewählten Stellen. Wichtig ist dabei eine kompetente Beratung, die den Menschen zu einem vernünftigen Konsum motiviert.

Ich könnte mir dann als 18-Jährige*r im Laden Kokain und Beratung abholen?

Das mag provokativ klingen, aber wenn man sich die Realität anschaut, dann kann sich jede*r Jugendliche heute easy und schnell Kokain besorgen. Das jedoch ohne Beratung und Qualitätssicherung. Das scheint mir die schlechtere Variante.

In Amerika setzt man momentan beim Cannabis auf die Öffnung des Markts und nicht auf ein staatliches Monopol.

Dort ist der Cannabisverkauf eine neoliberale Angelegenheit. Die freie Wirtschaft produziert die Substanzen und bietet sie an mit dem Ziel, einen grösstmöglichen Umsatz und Gewinn zu machen. Sie werden mit Werbemassnahmen vermarktet und dazu neue Produktformen entwickelt, um weitere Kund*innen anzusprechen beziehungsweise bei der bestehenden Kundschaft den Konsum zu steigern. Das ist eine sehr aggressive Form, Substanzen zu vermarkten.

Wenn es um die Legalisierung von harten psychoaktiven Substanzen geht, meint man eigentlich immer Kokain und Heroin. Es gibt aber unzählige Substanzen mehr.

In der Schweiz sind neue Substanzen kein grosses Thema. Hier werden vor allem Heroin, Kokain, Amphetamin, MDMA und Cannabis konsumiert.

Müssten auch neue Substanzen legal erhältlich sein?

Ja, das müssten sie wohl. Das mag für viele nicht logisch erscheinen, aber wenn eine Substanz auf dem Schwarzmarkt verkauft wird, wäre es immer besser diese Substanz legal anzubieten. Als Staat und Konsumierender ist man immer besser aufgestellt, wenn Substanzen eine gewisse Qualitätssicherung durchlaufen, und Konsumenten adäquat über mögliche Risiken und einen möglichst gesundheitsverträglichen Konsum informiert werden. Der Schwarzmarkt macht das nicht.

Die Basler FDP hat im August für Aufmerksamkeit gesorgt mit der Forderung, auch härtere Drogen zu legalisieren. Die Mutterpartei war jedoch nicht einverstanden damit. Dennoch: Kam die Forderung aus dieser Ecke überraschend für Sie?

Nein, die FDP ist eine liberale Partei, welche sich dafür einsetzt, dass Menschen ihr Leben so gestalten können, wie sie das für richtig halten, sofern man nicht andere massgeblich einschränkt. Bei diesen Prinzipien sind Psychiater*innen und Suchtmediziner*innen der FDP sehr Nahe.

Kann es sein, dass es bei der Legalisierungsfrage gar nicht so sehr einen Links-Rechts-Graben gibt, sondern vielmehr einen Stadt-Land-Graben?

Eine Mehrheit unterstützt solche Ansätze, überraschenderweise unabhängig davon, ob in der Stadt oder auf dem Land. Dies hat eine repräsentative Umfrage des Fachverbandes «Sucht» 2017 ergeben, in welcher wir wissen wollten, wie die Schweiz zur Regulierungsfrage steht.

Im Kokain-Report der WOZ wurden sie mit folgenden Worten zitiert: «Unter dem Druck der damaligen Schreckensbilder hat die Drogenpolitik Fortschritte gemacht. Dann sind die Bilder verschwunden, und die Politik hat sich anderen Dingen zugewandt.» Braucht es weitere Schreckensbilder, damit die Politik wieder handelt?

Leider funktioniert die Politik so. Man setzt nur dort an, wo es brennt. Der Schwarzmarkt im Bereich des Substanzkonsums funktioniert für die breite Öffentlichkeit so störungsfrei, dass politisch wenig Motivation besteht, da etwas zu tun. Für mich ist das natürlich frustrierend, da ich mich schon lange mit der Thematik befasse. Ich würde mir wünschen, dass wir als Gesellschaft einen Schritt vorwärts machen. Psychoaktive Substanzen werden zu sehr verteufelt, als dass man sich rational mit der Thematik befassen könnte. Was aber heute in der Schmuddelecke stattfindet und gesetzlich verfolgt wird, sollte sinnvoll in das gesellschaftliche Leben eingebunden werden.

Sind Alkohol- und Tabakkonsum sinnvoll in die Gesellschaft eingebunden?

Menschen haben die Tendenz sich zu schädigen, oder anders gesagt: Ein aktives, genussvolles und erfülltes Leben birgt immer Risiken in sich. Man kann also nicht allen Schaden vermeiden, wenn man am Leben teilnehmen will. Wenn man aber die Regulierungen bezüglich Alkohol und Tabak anschaut, sind wir wohl zu liberal. Die Schweiz hat im internationalen Vergleich beispielsweise sehr schwache Tabakregulierungen und damit eine der höchsten Konsumprävalenzen. Diese Substanzen sollten teurer sein und weniger stark beworben werden.

Vielfach wird lediglich auf die schlimmen Auswirkungen von Substanzkonsum hingewiesen mit der Aufforderung aufzuhören. Ist eine solche Prävention wirkungsvoll?

Ich halte das für einen inkompletten Zugang zu dieser Thematik. Klar ist es wichtig, Menschen über mögliche Gefahren zu informieren. Den Menschen aber zu sagen, sie dürften etwas nicht machen, scheint mir nicht zielführend. Wir lernen in der Psychotherapie, dass man Menschen zu einem gesunden Lebensstil motiviert. Verbote ziehen in diesem Bereich oft eine «Trotzreaktion» nach sich und können die angestrebte Verhaltensänderung damit erschweren oder sie führen zu einer wenig nachhaltigen Anpassung unter Druck. Dabei muss man akzeptieren, dass Menschen sich auch für einen anderen Lebensstil entscheiden können, ohne sie zu verurteilen.

Die Mehrheit der Menschen konsumiert Substanzen kontrolliert.
Dr. Thilo Beck

Ab wann schlägt Konsum in Sucht um?

Von einem süchtigen Konsumverhalten spricht man, wenn der Konsum trotz möglicher Bemühungen so aus dem Ruder läuft, dass die Gesundheit und die Lebensführung massgeblich beeinträchtigt werden. Es gibt verschiedene Formen von Konsum, welche fliessend und in unterschiedlicher Ausprägung in süchtiges Verhalten umschlagen können. Viele Faktoren beeinflussen dieses Verhalten und dementsprechend gibt es auch viele Möglichkeiten, es zu verändern. Wichtig ist grundsätzlich zu verstehen, dass psychoaktive Substanzen nicht per se süchtig machen: Viele gehen davon aus, dass bei gewissen Substanzen jede*r abhängig wird. Das stimmt einfach nicht. Die Mehrheit der Menschen vermag alle Substanzen kontrolliert zu konsumieren.

Ist Sucht eine Krankheit oder ist sie selbstbestimmt?

Ein Teil der Menschen spricht genetisch mitbedingt empfindlicher auf den Konsum von Substanzen an. Ein weiterer Risikofaktor ist vom Umfeld abhängig. Wenn man zum Beispiel als Kind in schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen ist und nicht beigebracht bekommen hat, wie man konstruktiv mit Konflikten umgeht und wie man sich Sorge trägt, ist man tendenziell gefährdeter. Diese Risikofaktoren sind nicht selbstbestimmt. Unsere Gene haben wir uns nicht ausgesucht und nicht alle haben das Glück, in einem behüteten Umfeld aufzuwachsen. Das kann potenziell jede*n von uns treffen. Die Betroffenen müssen Unterstützung bekommen, um zu lernen, soweit wie möglich mit dieser erhöhten Anfälligkeit umzugehen.

Zu einem verminderten Konsum oder gar Abstinenz zu finden, ist ein langwieriger Prozess. Wie schafft man es, die Leute zu motivieren?

In den 90er-Jahren, der Epoche der Heroinepidemie mit Platzspitz und Letten gab es HIV- und Hepatitis C-Epidemien unter den süchtigen Menschen. Viele von ihnen starben. Trotzdem konnten wir in ihnen keine Veränderung auslösen. Bis wir gemerkt haben, dass wir mit Druck nicht weiterkommen. Man muss die Umstände der Leute ändern; auf die Faktoren Einfluss nehmen, welche ihren Konsum so hoffnungslos machen. Erst dann können sich die Menschen neu orientieren und überlegen, was sie mit ihrem weiteren Leben anfangen wollen.

Es gibt aber Opiatsüchtige, welche wenig Versuche unternehmen, weniger zu konsumieren. Sollte man das einfach hinnehmen?

Das ist diese Klischeevorstellung des kaputten, kranken Junkies, der hoffnungslos konsumiert und das nicht ändern kann. Diese schwerstgeschädigten Menschen sind nicht wegen ihres Opiatkonsums dermassen krank. Ihr Zustand ist die Folge einer jahrelangen Schädigung, welche sie durch ein Leben in einem illegalen Umfeld erfahren haben, durch den Stress, die Ausgrenzung, die Verfolgung, durch Infektionen und schlechte Ernährung. Das zieht Beeinträchtigungen nach sich, die nicht mehr heilbar sind. Und da tragen wir als Gesellschaft eine grosse Mitverantwortung, da wir diese schädigenden Bedingungen massgeblich verursacht haben. Hätte man schon in den 70er-Jahren, vor Beginn der Heroinepidemie Opiate medizinisch zur Verfügung gestellt oder reguliert, wären nicht so viele Menschen so schwer erkrankt und geschädigt worden.

Ist es mittlerweile sozial akzeptierter sich Hilfe zu holen?

Ich denke, dass die Arud als Institution diese Ausstrahlung hat. Jede*r soll sich bei uns melden können. Wir verurteilen niemanden. Vielen Patient*innen hilft das, weil sie sich in anderen Beratungen diskriminiert gefühlt haben. Wir haben zwei Eingangsbereiche. Einen für die stark Betroffenen, denen man auch eher ansieht, dass sie ein Substanzproblem haben. Und einen für die Menschen, welche stabiler sind. Diese behandeln wir in einem Rahmen, wie das in jeder Arztpraxis geschieht. Der Besuch der Arud soll für jede Zielgruppe angenehm, stressfrei und diskret möglich sein.

Ist unsere Gesellschaft noch nicht so weit, dass nur ein Eingang nötig wäre?

Das kann man so sagen. Wir würden uns wünschen, dass wir ein Angebot für alle hätten. Aber das würde bedingen, dass wir in unserer Gesellschaft zunächst einen normaleren Zugang zum Substanzkonsum finden und Betroffene mit problematischem Konsum weniger stigmatisiert werden. Vor allem würde es auch bedingen, dass sich die Menschen nicht untereinander stigmatisieren. Es ist aber eine Realität, dass der Banker nicht mit dem schwer Opiatabhängigen im selben Wartebereich sitzen will.

Wir beobachten eine Entwicklung zur Individualisierung und Vereinsamung der Menschen.
Dr. Thilo Beck

Die drei Zürcher Zentren der Arud wurden zusammengezogen in ein Ambulatorium neben dem Hauptbahnhof. Ist man an dieser Stelle nicht viel exponierter?

Mitarbeitende wie auch Patient*innen schätzen die zentrale Lage. Mit den verschiedenen Eingangsbereichen können wir zudem eine diskrete Behandlung anbieten. Bis jetzt hat sich niemand beklagt, er*sie fühle sich exponiert. Wir sind auch sehr erfreut, dass unser Zuzug im Quartier keine grösseren Irritationen ausgelöst hat. Der Anteil Menschen, denen man ihre Substanzproblematik ansieht, hat im Quartier vielleicht etwas zugenommen, aber in einer grösseren Stadt im Allgemeinen und um den Hauptbahnhof im Speziellen ist auch ohne unsere Präsenz damit zu rechnen, dass man psychisch und sozial desintegrierte Menschen antrifft.

Zieht man mit einer Zentralisierung nicht auch mehr Dealer*innen an, welche vor der Arud ihren Stoff verkaufen?

In Zürich ist der Markt so gut organisiert, dass es unsere Plattform für diesen Handel nicht braucht. Unsere Klient*innen können sich ihren Stoff anderweitig besorgen. Dank der Vier-Säulen-Politik können wir als Massnahme der Schadensminderung mit der Kontakt- und Anlaufstelle zudem einen neutralen, diskreten und sicheren Ort zum Konsumieren anbieten. Der*die Konsument*innen können sich also ohne offene Szenenbildung organisieren.

Stellen Sie Veränderungen bezüglich psychischer Erkrankungen fest?

Wir beobachten eine Entwicklung zur Individualisierung und Vereinsamung der Menschen. Es wird immer mehr Leistungsdruck auf das Individuum ausgeübt. Wir leben schneller als früher. Für das menschliche Gleichgewicht ist das eine Belastung. Zudem brechen Strukturen auf, sei es das Gemeinschaftsgefühl in der Gemeinde oder die Familienstruktur. In dieser Transformationsphase der Gesellschaft fehlt es den Menschen oft an Sicherheit, Orientierung und innerer Stabilität, sie leiden unter Stress.

Drängt unsere Leistungsgesellschaft die Menschen in eine Suchtproblematik, ohne ihnen die entsprechende Hilfe zu geben?

Der Substanzkonsum kann durchaus ein Versuch der Betroffenen sein, mit dem Druck umzugehen. Es wäre wünschenswert, wenn die Menschen ihr Leben so leben könnten, dass es ihrer Gesundheit nicht abträglich ist. In unserer heutigen Gesellschaft ist das nicht immer möglich. Wir sollten uns alle dafür einsetzen, Verhältnisse zu schaffen, die uns Menschen ein Leben gemäss unseren Bedürfnissen und unseren Möglichkeiten erlauben. Damit wäre ein grosser Risikofaktor für problematischen Substanzkonsum entschärft. Zudem sollten wir Menschen, welche die Kontrolle über den Konsum verlieren, nicht verurteilen, sondern mit therapeutischen Angeboten solidarisch unterstützen.

Titelbild: Conradin Zellweger

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