Das Theater, das aus der Alternativlosigkeit kam

Das neue Theater-Projekt von Extraleben verschreibt sich einer Suche nach der Alternativlosigkeit.
01. März 2017

In der Gruppe 0 hatten sich im Frühsommer 2016 zwölf Künstler zusammengefunden. Was sie verbindet: ein Weltempfinden der systemischen Ohnmacht. Deshalb hatten sie sich einer Suche verschrieben: die Suche nach einem Widerstandskörper.

Im Herbst verliess die Gruppe 0 den Denkraum und agierte als Guerilla 0. Sie überprüfte ihren Suchfortschritt mit Guerillaaktionen im Raum Zürich und Medienmitteilungen auf der Tsüri.ch. Breitere Resonanz erlangte die Gruppe 0 mit der Entführung der Rütliwiese. Ihre Aktionen setzten Reize, die Gegebenes hinterfragen. Die bestehende Ordnung ist keine Notwendigkeit, sondern Gewohnheit. Aus dieser Phase geblieben ist eine Telefonnummer: 076 232 44 88. Wenn man da anruft, wird einem was erzählt. Geblieben ist auch die Beschleunigung. Sie kommt in die Gessnerallee.

Die Gruppe 0 füllt die Gessnerallee mit einem Gleichnis ihrer Suchbewegung. Die Körper darin vollziehen Gesten des Widerstands innerhalb einer starren Ordnung. Körper in Aufreibung: Sie begehren auf, singen, fallen oder halten aus. Dabei werden sie Zeichen, stellen sich aus und begegnen der sterilen Ordnung mit organischem Material. Ihr Widerstand ist Aufladung, ist Komposition, bildet das Inititationsritual für eine Bewegung, die Bestand haben wird.

Wenige Tage vor der Premiere haben wir die drei Künstler Benjamin Burger, Benjamin von Wyl und Tobias Bienz zum Interview getroffen.

Warum seid ihr so pessimistisch? Uns geht es doch gut.
Benj:
Deinem Kopf geht es auch nicht gut.

Ah ja?
Benj:
Im Alltag geht es dir vielleicht schon gut... Wir haben uns auf eine geistige und mentale Suche nach Visionen gemacht und realisiert, dass unsere Haltung zur Welt nicht zusammenhängend ist: Ein bisschen Hedonismus, ein bisschen kritisches Denken, alles so gemixt wie es grad bequem ist.
Ben: Warum denkst du, dass wir eine pessimistische Sicht haben?

Weil ihr euch der Alternativlosigkeit verschrieben habt.
Ben:
Unser Antrieb ist nicht der Pessimismus, sondern eben genau der Optimismus. Sonst hätten wir diese Suchbewegung, mit der wir aus der Alternativlosigkeit herauskommen wollten, nicht auf uns genommen.

Habt ihr etwas gefunden?
Benj:
Wir haben kein Manifest mit Lösungen, aber treten ganz stark für das Handeln ein. Aus einer paranoiden Selbsthilfegruppe, die sich der Ohnmacht unterworfen hat, sind Menschen geworden, die ihre Existenz handelnd füllen wollen und können.

Diese Suche brachte euch dazu, Teile der Rütli-Wiese zu klauen?
Benj:
Nein, damit wollten wir einen Suchfortschritt zeigen. Denn wir realisierten, dass wir die gesellschaftlichen Symbole hinterfragen müssen. Dazu passt die Rütli-Wiese perfekt: Sie steht für 1291, den Rütli-Rapport, für die Schweiz und steht im Fokus des ganzen Landes - und ist doch nur eine Wiese! Insofern war der Klau der Wiese eine Beispielhandlung.

Ich verstehe noch nicht ganz: Ihr habt euch auf die Suche gemacht, von einem Nullpunkt nach Alternativen.
Benj:
Der Ausgangspunkt war die empfundene Alternativlosigkeit, die wir in einer ersten Phase ausgelegt und in einer zweiten umarmt und Widerstandskörper gesucht haben.

Mit dem Wiesen-Klau habt ihr Widerstand gesucht?
Benj:
Wir wollten vor allem bewirken, dass die Zeitungen unseren Brief abdrucken, denn darin formulierten wir das erste Mal eine Art Vision. Wir hatten zum ersten Mal das Gefühl, dass wir eine Handlungsrichtung gefunden haben, in die es sich für eine bessere Gesellschaft zu gehen lohnt. Das Denken soll sich von vorgefertigten Kategorien lösen.

Was ist denn der gesuchte Widerstand?
Ben:
Es geht nicht immer um Widerstand als Bewegung, die etwas zurückfordert oder gar Fronten aufbaut, sondern um zu verstehen, wie der gesellschaftliche Zusammenhang funktioniert, in den wir eingebettet sind.

Nach all dieser Analyse und Reflexion schreibt ihr nun daraus ein Theater?
Tobias:
Dave Eleanor schrieb Musik extra für den Abend. Die performt er als Teil der Inszenierung, aber es ist keine Theatermusik, sondern sein “eigener Zugang zur 0”, seine Recherche. Das ganze Projekt der Gruppe 0 umfasst sehr viele Aktionen, die immer auch Teil der Recherche waren und sind. Was nun im Theaterraum passieren wird, ist auch eine solche Rechercheaktion.

Was ist dabei herausgekommen?
Tobias:
Ha! Das siehst du an der Premiere am 2. März.
Benj: Für den Theaterraum mussten wir eine andere Form finden, ein Gleichnis oder eine Parabel. Es entsteht eine Welt, in der wir unsere Existenz aushalten müssen.

Wollt ihr wie bei eurem letzten Stück A Lovely Piece of Shit dem Publikum einen Spiegel vorhalten?
Tobias:
What?! Damals meinten wir vor allem uns selber und suchten ein Publikum, das zu uns passt und nicht die immer gleiche Theaterbubble bedient. Auch hier meinen wir zuallererst uns selbst. Durch unser Handeln ist auch das Publikum gezwungen, sich irgendwie dazu zu verhalten.
Ben: Es ist nie die Absicht, jemandem einen Spiegel vorzuhalten, viel eher wollen wir eine Selbstreflexion begünstigen.

Ich verstehe noch nicht ganz, was wirklich Sache ist und worum es euch geht.
Tobias:
Die Suchbewegung begann mit einer systemischen Ohnmacht: Mir selber kann es zwar gut gehen, aber mit jeder meiner Bewegungen geht es der Welt schlechter. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.
Ben: Genau, und selbst das Dagegensein heisst, dafür zu sein. Eine Sache abzulehnen heisst, eine Million Dinge zu befürworten. Die totale Negation ist nicht möglich. Und genau das ist der Bodensatz der Alternativlosigkeit. Zudem unterliegst du einer gängigen aber unnützen Forderung: Die Menschen rufen immer viel zu schnell nach Antworten. Alle wollen Utopien als Handlungsmotiv. Dabei haben wir unsere Suche bei uns selbst begonnen, bei der Erforschung des eigenen Habitus.

Und da seid ihr jetzt?
Ben:
Wir haben festgestellt, dass wir das System sind, gegen das wir sind. Damit sind wir gegen uns, weil wir das System reproduzieren. Wir müssen aber das System reproduzieren, sonst könnten wir nicht leben! Wenn diese Ordnung wegfällt, kollabieren wir.

Das habt ihr jetzt herausgefunden oder schon gewusst?
Benj:
Das eigene Denken ist immer in Kategorien gezwängt. Und das gleiche passiert mit dem Theaterraum auch: Die Gessnerallee hat Grenzen, die uns einengen und damit müssen wir umgehen. Das ist eine banale Schlussfolgerung, klar, aber wir haben diesen Weg wirklich durchlebt und uns der Suche ausgesetzt.

Der alternativelose Track von Dave Eleanor

Wollt ihr diese Prozesse auch beim Publikum auslösen?
Tobias:
Ich finde es anmassend zu sagen, dass wir dies oder jenes auslösen wollen.

Was ist eure Wunschvorstellung, was eure Premiere am 2. März mit mir macht?
Benj:
Ich wünsche, dass du aus diesem Raum gehst und dich zuerst sehr wohl fühlst. Dann gehst du schlafen, stehst am nächsten Morgen auf, trittst auf deinen Balkon und siehst den Raum in der Welt.

Ist also die Wiedererkennung des Raumes, in dem ich den vergangenen Abend verbrachte, das Ziel?
Ben:
Nein, der Abend will etwas aufzeigen. Nicht: Dies oder das ist die Lösung, sondern eine Erfahrung vermitteln.

Jetzt verstehe ich es viel besser.
(Benj lacht laut.)

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