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Alle Fotos: Cristiano Remo

Theater Neumarkt: Mit Barock-Röcken in die neue Spielzeit

Das Theater Neumarkt lud zu einer seiner legendären Medienkonferenzen. Wir waren dort und verraten dir hier, was das Theaterhaus in der kommenden Spielzeit nebst Hyper-Pop-Oper und Gletscher-Requiem alles plant und wie die drei Intendantinnen es geschafft haben, die Besucher:innen trotz Corona wieder an das Theater anzunähern.
23. Juni 2021
Freier Journalist

Wären Medienkonferenzen immer so wie die des Theater Neumarkts am Montag, dann würden auch mehr Leute kommen. Angekündigt als «Medien-Picnic» lud das Neumarkt auf der Werdinsel zur Präsentation ihrer neuen Spielzeit. Ganz in der Tradition des «Unbedingten Theaters», dem sich das Intendantinnenteam verschrieben hat, war auch dieser Event durchinszeniert.

Das gesamte Team des Neumarkt verkleidete sich nämlich stilecht in barocken Kleidern wie zu Zeiten von Marie Antoinette. Dazu gab es Kaffee im vergoldeten Porzellan, Tee auf Silbertabletts und Macarons in der Etagere. In diesem Setting verkündeten die drei Intendantinnen Hayat Erdoğan, Tine Milz und Julia Reichert also die Produktionen der neuen Spielzeit. Und die News, dass der Vertrag der drei um weitere zwei Jahre verlängert wurde, sie also bis 2025 in Zürich bleiben.

Eröffnet wird erneut mit einem Blick auf die Geschichte des Hauses. Im 19. Jahrhundert war das Neumarkt eine Töchterschule – also eine «Disziplinierungsanstalt, in der junge Frauen auf ihre von der kapitalistischen Arbeitsteilung zugewiesenen Rollen als unbezahlte Reproduktionsarbeiter:innen und Ehefrauen vorbereitet wurden», wie es in der Spielzeitvorschau heisst. Gemeinsam mit dem Performancekollektiv THE AGENCY wird das Neumarkt zwei Wochen lang zur immersiven Töchterschule im 21. Jahrhundert umgebaut: Das Publikum wird in dreistündigen Slots Schulstunden zu Geburt, Feminismus und Leihmutterschaft besuchen können.

Hyper-Pop-Oper, «Gletscher-Requiem» und Faber

Ebenfalls im Eröffnungsreigen ist eine Koproduktion mit dem Theaterspektakel und der Q Theatre Company und dem Theater Commons in Tokyo. Die junge japanische Regisseurin und Autorin Satoko Ichihara nimmt sich Puccinis (misogyner) Klassikeroper «Madama Butterfly» an und dreht in ihrer Adaption den Spiess um: Aus Sicht einer alleinerziehenden Mutter fragt sie sich, wie sich das Fremde zu japanischen Schönheitsidealen verhält.

Vielleicht entwickelt das Neumarkt auch eine neue Form des Musiktheaters: Als Hyper-Pop-Oper angekündigt, wird «Porno mit Adorno» im Januar 2022 den Kulturpessimismus des vielleicht wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts Theodor W. Adorno auf die Bühne bringen – gemeinsam mit dem Zürcher Popsänger Faber.

Was gibt es noch? Das «Gletscher-Requiem» in der Regie von Franz-Xaver Mayr wird ein Abschiednehmen sein von dem unweigerlichen Verschwinden der Gletscher und soll ein Versuch darstellen künstlerisch Räume zum Trauern zu schaffen.

Das Neumarkt ist ausserdem vertreten an der Architekturbiennale in Venedig und zwar mit dem Projekt «100 Ways To Say We», welches ein «spekulativ-utopischer Blick auf die Möglichkeiten eines maximal grossen Wir» werfen soll. Im November 2021 wird das Projekt, welches von 100 Beitragenden aus der ganzen Welt und mit den unterschiedlichsten Hintergründen realisiert wird, an diversen Orten in Venedig stattfinden und später als Internet-Projekt allen zugänglich gemacht.

Die drei Intendantinnen haben das Neumarkt innerhalb der kurzen Zeit zu dem interessantesten Theater in Zürich, vielleicht sogar im deutschsprachigen Raum gemacht.

Theater in umgebauten Wellness-Bereich mit Sauna verwandelt

Seit knapp zwei Jahren wird das Theater in der Altstadt jetzt von den drei Intendantinnen geleitet. Alle haben lange Erfahrungen mit und in der Theaterszene und sind im weitesten Sinne Dramaturginnen: Hayat Erdoğan leitete davor den Dramaturgie-Studiengang an der Zürcher Hochschule der Künste, Tine Milz war Dramaturgin an den Münchner Kammerspielen und anderen Häusern und Julia Reichert leitete das Schauspiel am Luzerner Theater ad interim und war auch schon am Neumarkt als Dramaturgin engagiert.

Die drei Frauen haben das Neumarkt innerhalb der kurzen Zeit zu dem interessantesten Theater in Zürich, vielleicht sogar im deutschsprachigen Raum gemacht. Here's why.

Schon die Eröffnung im September 2019 war ein Coup: Sie luden im Rahmen der Eröffnungsproduktion «They Shoot Horses, Don’t They?» zur Medienkonferenz im Hauptbahnhof, auf der sie behaupteten, der Schweizer Waffenhersteller Ruag würde sich ein Rebrand zu Ruag Green geben, wolle nachhaltig werden und künftig auf Waffenhandel verzichten. Die offensichtliche Falschmeldung hielt sich mehrere Stunden, bis die Ruag selbst einschritt und aufklärte. Bei der Aktion ging es nicht um Aufmerksamkeit durch einen Coup, sondern durchaus um künstlerische und politische Positionierung der neuen Leitung, sagt Erdoğan. Diese politische Positionierung zieht sich zwar durch das Programm und die Identität des Neumarkt – wird aber nicht zu Aktivismus.

Oder im Februar 2020, als sie das Haus umbauten zum Wellness-Bereich mit Sauna und Rahmenprogramm. Und das nicht ohne Grund: Das Neumarkt war in seiner bewegten Geschichte zwischenzeitlich ein Sanatorium. Auch während des letzten Jahres verschwand das Theaterhaus nicht von der Bildfläche, wie etwa andere Häuser in Zürich, sondern schaffte es, die spezielle Situation für kreative Projekte zu nutzen.

Die Koproduktion Nouvelle Nahda mit dem freien Produktionszentrum Station Beirut etwa, die im April 2020 zur Aufführung hätte kommen sollen, wurde zunächst zu einer umfassenden Online-Publikation, später zu stadtweiten Plakaten von Fotos der Explosion im August im Beiruter Hafen und schliesslich zu einem Film, der jetzt auch in den Kinos läuft.

Erdoğan, Milz und Reichert haben einen neuen Leitungsstil etabliert, der auf Machtausübung und Arroganz verzichtet, wie Mitarbeiter:innen ihnen gegenüber äusserten.

Oder die Performance Supermarket im Mai 2020: Per Open Call wurden Künstler:innen gesucht, die eine 15-minütige Show konzeptionierten, die in einem Glaskasten vor sechs Menschen gleichzeitig gezeigt wurde. Nach jeder Viertelstunde wechselte das Publikum und wenn man wollte, konnte man erneut einen Jeton kaufen und nochmals eine Kurzperformance anschauen. Dieses wohlproportionierte Annähern an das Theater, was die Monate davor fehlte, war genau richtig, um wieder Lust auf mehr zu machen. Erdoğan, Milz und Reichert haben einen neuen Leitungsstil etabliert, der auf Machtausübung und Arroganz verzichtet, wie Mitarbeiter:innen ihnen gegenüber äusserten. Gerade vor dem Hintergrund, wo in vielen anderen deutschsprachigen Häusern immer mehr Skandale des Machtmissbrauchs ans Licht kommen, sei es der Intendanz wichtig, einen Umgang zu etablieren, der auf Augenhöhe beruht.

Das äussert sich auch in der Entlöhnung: Die Gagen aller Künstler:innen sind mit einem transparenten und egalitären System geregelt. Auch nach aussen hin gab es Veränderung – mit dem Wahlpreismodell können alle Besucher:innen selbst entscheiden, ob sie 15, 30 oder 45 Franken für ein Ticket ausgeben wollen. Wir können also gespannt sein auf eine weitere vielversprechende Spielzeit im Neumarkt.

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