💌 «Züri Briefing» 💌

Das Covid-Testcenter der Zuki ist bereits bei der Piazza Cella angeschrieben. (Alle Fotos: Jenny Bargetzi)

Testen vor dem Feiern – zu Besuch im Testcenter bei der «Zuki»

«Geimpft, getestet oder genesen», so lautet die Vorschrift bei den Zürcher Clubs für Partygäst:innen. Viele Lokale haben darum auf eigene Faust oder in Zusammenarbeit mit Apotheken kleine Testcentren eröffnet. Eines davon steht vor dem Club Zukunft. Eine Reportage.
11. August 2021
Praktikantin Redaktion

«Um Mitternacht vor der Bar3000, Man wird dir alles zeigen», lautet die telefonische Anweisung. Am anderen Ende der Leitung spricht Alain, der Chef des Testzeltes im Hinterhof des Club Zukunft. Er hat dies in Zusammenarbeit mit anderen Testcentren in Zürich und Uster aufgebaut.

Dienerstrasse, drei Tage später, kurz nach Mitternacht: Die Musik dröhnt schon von Weitem, das Testzelt zu finden, ist nicht schwierig. Die Menschenschlange vor der dreiteiligen Zeltkonstruktion bestätigt schliesslich: Hier handelt es sich nicht um den Clubeingang, sondern um das Covid-Testcenter. Unter den Zelten stehen drei Tischreihen, verteilt darauf sind Covid-Schnelltests, Formulare, Nastücher, Abfallsäcke und ein paar Coladosen, um auch bis 4 Uhr morgens durchzuhalten, so die Tester:innen.

Im lauten Getümmel, zwischen Partyhungrigen ganz am hinteren Ende des Zeltes steht Holly, die Testleiterin.

Trotz des hohen Andrangs sind die Angestellten freundlich. Dabei arbeitet das zehnköpfige Team bestehend aus Holly und einem weiteren Administrator, zwei medizinisch ausgebildeten Mitarbeiter:innen und sechs weiteren Helfer:innen, schon seit 21 Uhr. Weitere drei Stunden liegen noch vor ihnen. Der grosse Ansturm sei kurz vor Mitternacht gewesen, den nächsten erwarten sie um etwa 1 Uhr, sagt Holly.

Solch provisorischen Covid-Testcentren hätten die Clubs oder die Verantwortlichen auf Eigeninitiative errichtet, schreibt die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich auf Anfrage. «Zum Betreiben eines privaten Testcenters braucht es keine spezielle Bewilligung, vorausgesetzt, die verantwortliche Person verfügt über eine Berufsausübungsbewilligung für Medizinalpersonen oder es liegt eine Institutionsbewilligung der Gesundheitsdirektion vor», heisst es weiter. Dabei könne pro Tag jede Person mit Niederlassung in der Schweiz ein Covid-Test über die Krankenkasse dem Bund in Rechnung stellen, erklärt Lorenz Schmid, der Präsident des Apothekerverband des Kantons Zürich.

«Man kommt schon in einen Stress, aber man gewöhnt sich dran», meint Holly. Sie selbst testet nicht, sondern ist für die administrativen Arbeiten zuständig.

Der Ablauf der Covid-Tests vor einem Club ist simpel: ID und Krankenkassenkarte vorweisen, Anmeldeformular ausfüllen, sich von einem:r medizinisch ausgebildeten Mitarbeiter:in testen lassen und nach etwa 20 Minuten die Swiss-Covid-App aktualisieren.

Fliessbandarbeit?

Jein. Jedenfalls wird bereits nach den ersten Minuten klar, dass ein solcher Testdurchlauf nicht immer nur reibungslos vonstatten geht. Je länger der Abend wird, desto heiterer wird die Stimmung. Die Testwilligen werden laut, ungeduldig und vor allem nachlässig. Masken werden abgezogen, man drängelt sich vor und zwischen dem Lärm ist die Bitte eines Partygängers an einen Tester zu hören, das Stäbchen doch bitte nur leicht in die Nase zu stecken. Er sei eben sehr empfindlich.

Dass die Nachtschwärmer:innen ihr Resultat bereits nach 20 Minuten erhalten, ist nur durch den Antigen-Schnelltest von Roche möglich. Der Test ist seit Anfang April in den Schweizer Apotheken gegen Vorweisen einer Krankenkassenkarte kostenlos verfügbar. Rund 20 Millionen Tests wurden bisher abgegeben, die Nachfrage nimmt mittlerweile kontinuierlich ab, berichtet das SRF Regionaljournal.

Als «zuverlässiger Antigen-Schnelltest» vermarktet ihn das Produktions- und Pharmaunternehmen Roche, als «Scheinsicherheit» oder «nicht reliabel» bezeichneten ihn die Kritiker:innen. Kurz nach deren Zulassung im April stellte ein Journalist an einer Pressekonferenz des BAG die Frage, wie sinnvoll ein solcher Test bei asymptomatischen Krankheitsverläufen sei. Denn nur jede dritte Person, die das Virus in sich trägt, aber keine Symptome aufweist, wird von dem Selbsttest tatsächlich als positiv erkannt.

Die Leiterin der Sektion Infektionskontrolle des BAG, Virginie Masserey, entgegnete daraufhin, die Tests seien lediglich eine zusätzliche Massnahme für gewisse Situationen, um schnell Resultate zu erhalten. Man werde dadurch nicht alle ansteckenden Fälle aufdecken können, aber zumindest jene, die eine grosse Virenlast hätten und somit am ansteckendsten seien, so Masserey weiter. Der Bund schreibt zeitgleich, dass die Selbsttests ausschliesslich als präventive Einzeltests eingesetzt werden sollen, da sie ein weniger verlässliches Resultat liefern. In der Zwischenzeit wurde die Verlässlichkeitsrate der Tests nach oben korrigiert.

Plötzlich kommt im Testcenter des Clubs Hektik auf, ein Mitarbeiter sucht Anmeldeblätter. «Benutze die Hinterseite, sie sind auf dem Weg. Sollten gleich hier sein», meint Holly. Per Telefon bestellen die Angestellten Material bei der Zentrale nach, diese würden den Nachschub schnell liefern. Trotz Zusammenarbeit einiger Zentren, ist jeder Standort selbst für den richtigen Materialbestand und die Anzahl Mitarbeiter:innen zuständig. Werden sie von den Nachtschwärmer:innen überrennt, müssen sie eigeninitiativ reagieren und wenn nötig, weitere Helfer:innen aufbieten. Jedoch gebe es einen grossen Mitarbeiter:innen-Pool, erklärt Holly. Einige davon seien von Alain selbst rekrutiert worden, einige kämen von anderen Testcentren. «Es macht Spass, das Team ist cool, alle sind jung und es läuft immer was», erzählt sie. Wenn Holly nicht gerade im Testzelt steht, studiert sie Psychologie an der Uni. Ein etwas anderer Nebenjob also. «Wir werden an den verschiedensten Standorten eingesetzt, zum Beispiel Basel, Chur, Baden oder auch mal vor einem Fussballstadion wie heute im Letzi», so Holly weiter.

Die Interesse an den Schnelltests dürfte sich nun auch weiter minimieren. Bereits zu Beginn der Woche hat die Zürcher Regierungspräsidentin Jacqueline Fehr im Interview mit dem Tagesanzeiger das Ende der «Gratistests für reine Freizeitaktivitäten in rund zwei bis drei Monaten» gefordert. Wer sich testen lassen will, soll das künftig auf eigene Rechnung tun. Mit dieser Strategie liebäugelt nun auch der Bundesrat und baut Druck auf, um die Impfquote weiter zu erhöhen. Der Bundesrat wird sich nun mit den Kantonen absprechen, ob ab Oktober die Gratistests für Personen ohne Symptome wegfallen, wie er an der heutigen Medienkonferenz mitgeteilt hat.

Das Testcenter war voraussichtlich bis 11. August geplant, je nach Bedarf werde der Betrieb noch länger aufrecht erhalten.

Die Gesundheitsdirektion Zürich werde sie sich in der Diskussion zur künftigen Teststrategie dann einbringen, wenn es soweit ist. Inwiefern sie aber das Vorhaben von Fehr unterstützen, dazu wollte sich die Direktion indes nicht äussern. Schmid hält wenig von der «Bestrafungsmassnahme» von Fehr. Der Apothekerverband überlege sich stattdessen weitere Anreizsysteme, um die meist jungen Menschen von der Impfung zu überzeugen. Die meisten davon seien dabei keine Impfgegner:innen, sondern überwiegend uninformiert oder uninteressiert. Ein Walk-in-Angebot vor den Clubs mache mehr Sinn.

Zurück im Zelt, stapeln sich die Anmeldepapiere auf dem Tisch. Etwas weiter vorne in der Schlange wartet Irina. Sie ist Medizinstudentin und erzählt, dass sie wegen ihren Prüfungen die Impfung verschieben musste. Zum Testen hat sie eine klare Meinung: «Ganz ehrlich, ich finde es macht keinen Sinn. Die kratzen an der Nasenhaut und gehen überhaupt nicht tief rein. Aber was soll’s, ich will ja auch in den Club rein. Aber wirklich gut finde ich das Ganze nicht.»

Ein paar Schritte weiter zwängen sich drei junge Menschen unter einen Schirm. Die Frau in der Mitte ist ungeimpft und wartet auf den Abstrich. Die Impfstoffe seien ihrer Meinung nach zu wenig erforscht, also steht sie lieber hier an. «Ich lasse mich das erste Mal so testen. Aber es ist etwas mühsam und ich denke, ich werde ich es sicher nicht jedesmal machen.»

Vor dem Club meint ein etwa 20-Jähriger, der gerade von einem anderen Testcenter kommt, dass es hier viel besser organisiert sei. Eineinhalb Stunden hätten sie warten müssen, weil ein Chaos mit der Datenerhebung herrschte. Er gehe jetzt rein, meint er und verschwindet in der Menge vor dem Club.

Von der positiven Grundstimmung ist einige Tage später nur noch wenig zu spüren. Wie Alain am Telefon erzählt, sei man müde und das Ganze lohne sich kaum noch. Vor allem die Personalsuche für die Schichten in der Nacht, speziell an der Langstrasse, gestalte sich schwierig. Darüber, wie viele Personen vor der Zukunft durchschnittlich in einer Nacht positiv auf Corona getestet werden, gibt sich der Leiter des Testcenters schweigsam.

Die Meinungen sind gespalten, die Stimmungen schwanken. Während einige ungeimpfte Partygänger:innen froh sind über die zusätzlichen Möglichkeiten, zeigen sich andere genervt. Ungeklärt bleibt, inwiefern die Bemühungen also tatsächlich etwas bringen oder ob man doch mehr das Risiko gegen das Glück antreten lässt.

Fest steht; auf langfristige Sicht sind die vorübergehend eingerichteten Testzelte nicht gedacht. Wann und wie sich die Situation verändert, wird sich zeigen.

Kommentare

Nöd Jetzt!