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«Luxus» Teil 2: Räumliche Vielfalt als Luxus

Jens Knöpfel, Tamino Kuny, Clara Richard, Meghan Rolvien, Alice Tripet und Julian Wäckerlin studieren Architektur an der ETH Zürich. Für Tsüri.ch verfassen sie drei Gastbeiträge, in denen sie den Begriff «Luxus» verhandeln. Denn was ist «Luxus» wirklich? Und was bedeutet «Luxus für alle»? Anhand dieser Fragen wollen sie zurück zum Kern der Architektur finden und hinterfragen, wie wir eigentlich leben wollen.
18. April 2019

Viele architektonische, soziale und ökonomische Probleme, die das Leben in den Städten zunehmend belasten, haben mit der Bodenfrage zu tun. Probleme wie soziale Entmischung, zunehmender Verkehr und Zurückdrängung von öffentlichen und halb-öffentlichen Räumen sind zwar alle nicht neu. Diese aber immer intensiver werdenden Phänomene lassen sich vor allem dadurch erklären, dass der Grund und Boden in Städten immer mehr zum reinen Spekulationsobjekt wird und den Gesetzen des Marktes unterliegt. Die Architektur wird immer mehr zu einer Ware, bei der vergessen geht, dass sie sowohl für das Wohlbefinden Einzelner als auch der Gemeinschaft mitverantwortlich ist.

Wohnhaus oder Hotel?

Wenn man durch Zürich läuft, ob im Seefeld oder an der Europaallee, ist man vielleicht erst einmal beeindruckt von all den hippen Designer-Geschäften, den vielen Galerien, Restaurants und nachhaltigen Bio-Läden, die in den Erdgeschossen grosser Neubaukomplexe wie Pilze aus dem Boden schiessen. Schweift der Blick aber nach oben, so sieht man ein Gebäude ohne Charakter. Eine gut designte Hülle, in der man sich nicht vorstellen kann, wie sich hier das wahre Leben abspielen soll. Auch die Eingangshallen gleichen eher einer teuren Hotellobby als einem Wohnhaus. Alles ist schön und sauber, die Komplexität des gesellschaftlichen Zusammenlebens und Individualität aber werden ausgeblendet. Wo bleibt der soziale Austausch, die Spuren des Alltäglichen, das Natürliche, die Freiheit? Unabhängig davon, dass wir uns eine solche Wohnung nie werden leisten können, fragen wir uns, ob wir überhaupt je in einem solchen Gebäude würden wohnen wollen.

Gerade in einer Gesellschaft, in der die klassische Kleinfamilie in der 4.5-Zimmer-Wohnung zur Minderheit geworden ist und in der Wohnen und Arbeiten immer mehr verschmelzen, werden immaterielle Werte auf sozialer Ebene viel wichtiger. Damit ist nicht gemeint, dass man in Genossenschaften leben und sich alle eine Küche teilen sollen – im Gegenteil: Der private Rückzugsort ist heute wichtiger denn je.

Gemeint sind Räume, die unterbewusst zu unserem Wohlbefinden beitragen. Wenn man untersucht, warum ein bestimmter Ort ein gutes Gefühl hervorgerufen hat, so stösst man oft auf räumliche Strukturen und inwiefern diese das Zusammenleben beeinflussen. Vor allem die Art und Intensität der menschlichen Interaktion spielen eine Rolle für das entstandene Gefühl.

Wenn in Städten viele Menschen auf kleinem Raum leben, ist es die Organisation des Raumes, die Freude oder Missfallen erregt. Eine wichtige Rolle haben hierbei die Zwischenräume: Orte der Begegnung, die weder privat noch vollständig öffentlich sind – wie zum Beispiel Hauseingänge, Treppenhäuser, Vorplätze, Balkone. Ihre Bedeutung wird bei der Stadtplanung seit langer Zeit vernachlässigt. In einem Haus zu leben, ohne andere Bewohner*innen je zu treffen oder gar zu kennen, führt gezwungenermassen zu fehlender Identifikation mit dem Haus. Nachbarschaft ist nicht nur in ländlichen Regionen von Bedeutung.

Wir alle kennen den typisch Zürcherischen Balkon zum Innenhof hinaus, oft gerade gross genug, um eine Zigarette zu rauchen oder den Müll rauszustellen. Im Sommer geniesst man zwar die Möglichkeit – wenn auch nur auf engstem Raum – draussen zu sitzen, für mehr reicht es aber nicht. Falls mehr Platz benötigt wird, gäbe es ja noch den Innenhof! In dem man sich aber nicht wirklich entspannen kann, wenn die vielen kleinen Balkone einen wie Augen anstarren.

Bild: Siedlung Brahmshof, Kuhn Fischer Partner

Durchlässigkeit für alle

Anders haben wir es in der Siedlung Limmatwest oder im Brahmshof erlebt. Die Projekte wurden beide in den 90er-Jahren vom Architekturbüro Kuhn Fischer Partner entworfen. Diese Gebäude sind keine gut designten Hüllen, sondern durch gerüstartig vorgestellte Lifttürme und Laubengänge aus günstigen Materialien geprägt. Bewohner*innen oder Besucher*innen bewegen sich durch diese Struktur wie durch die Gassen einer Altstadt. Es gibt einen vielseitigen Wohnungsmix von kleinen Studios bis zu mehrstöckigen Maisonetten. Dadurch, dass vor den Wohnungen eine räumliche Schicht von Zugangswegen und Balkonen liegt, fühlt man sich im Innenhof viel weniger direkt beobachtet. So werden auch die Zwischenhöfe viel beliebter und der Aussenraum kann wie eine Erweiterung des privaten Wohnraums aktiv genutzt werden.

Eine solche offene Bauweise ist nicht nur für die Bewohner*innen selbst von Vorteil. Besonders bei der Limmatwest-Siedlung spürt man, dass öffentliche und private Räume keine Gegensätze darstellen müssen, sondern dass beide voneinander profitieren können. Da es fast keine Abgrenzungen wie Hecken oder Zäune gibt, fliessen die Räume ineinander über.

Diese Beispiele beweisen, dass guter Wohnraum und dessen Architektur eben nicht nur wie eine Ware behandelt werden kann, sondern dass dahinter noch ein viel komplexerer sozialer Aspekt steckt: dem Streben nach einem guten Zusammenleben der Menschen. Nachhaltige Stadtentwicklung ist dann umsetzungsfähig, wenn ein Mehrwert für alle Beteiligten entsteht und auch die sozialen Rahmenbedingungen des jeweiligen Ortes berücksichtigt werden. Diese Aufgabe verlangt nach mehr als nur Hüllen-Designern.

Text: Alice Tripet

Titelbild: Siedlung Limmatwest, Kuhn Fischer Partner

«Luxus» Teil 3: Dichte ist sozialer Luxus

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Die Autor*innen
Jens Knöpfel, Tamino Kuny, Clara Richard, Meghan Rolvien, Alice Tripet und Julian Wäckerlin sind eine Gruppe von Architekturstudent*innen an der ETH Zürich. Im vergangenen Herbstsemester haben sie sich am Lehrstuhl von Professorin Anne Lacaton unter dem Titel «Inhabiting: Freedom, Pleasure and Luxury for all» mit Wohnungsbau in Zürich und Wohnen ganz allgemein beschäftigt. Sie haben für das von den SBB umstritten projektierte Neugasse-Areal ein Alternativprojekt ausgearbeitet. Ihr Vorschlag: eine Umnutzung des bestehenden Depots zu Hallenwohnungen, ein Wohnhochhaus für alle und ein gen Stadt durchlässiger Wohnblock. Dabei ging es darum, Wohnqualitäten wie freie Aussicht, viel Raum und örtliche Gegebenheiten zu kombinieren und die dafür notwendigen architektonischen Eingriffe auf ein Minimum zu reduzieren. Verdichtung und mehr Raum für alle sind für sie dabei kein Widerspruch, sondern Fundament einer sozialen Stadt.

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