Die journalistischen Meilensteine

Tsüri.ch wird bald vier Jahre alt! In einer fünfteiligen Artikelserie erinnern wir uns an vergangene Zeiten zurück. In diesem ersten Teil der Serie «Tsüri erzählt» beleuchten wir journalistische Meilensteine – vom allerersten Artikel bis hin zu unseren «Lieblingsthemen» wie Velos und Demos.
02. Oktober 2018

Wir haben viel gemacht in den vergangenen Jahren. Zu viel, um es in einen Artikel packen zu können. Deshalb beschränkt sich dieser erste Teil von «Tsüri erzählt» einmal nur auf unsere persönlichen journalistischen «Meilensteine». Weil vieles vergessen geht, wenn wir uns nicht daran erinnern.

1. Der erste Artikel: Wir sind alles Szenis!

Der erste Artikel stammt – wie sollte es anders sein – von Tsüri.ch-Gründungsvater und damaligen Chefredaktor Simon Jacoby. Hässig erklärt er uns, dass es gar keine Hipster und Szenis mehr gäbe, weil mittlerweile alle Hipster und Szenis wären und diese Kategorien sowieso Banane seien. An dieser Grundhaltung hat sich bei Tsüri.ch kaum etwas geändert. Nur die Form hat sich gewandelt. Nicht, dass wir keine Fehler mehr machen würden, aber ein «induviduell» im Lead würden wir heute wohl nicht mehr durchgehen lassen. Um mit dem famosen Ian Constable abzuschliessen: «Das macht doch alles überhaupt kein Sinn, wil au ich nur en Hippie bin.»

2. Der erfolgreichste Artikel: Alun im Sexkino

Der erfolgreichste Tsüri.ch-Artikel aller Zeiten stammt – *Trommelwirbel* – von unserem ehemaligen Geschäftsführer Alun Meyerhans, ist am 30. Januar 2015 erschienen und wurde von weit über 30'000 Personen gelesen. Alun selbst spricht nicht gerne darüber und wünscht sich, wir würden den Artikel nicht nochmals aus der Mottengrube holen. Aber Pech gehabt: Hier ist das gute Stück. Alun im Sexkino – #neverforget.

3. Coup I: Der Pfefferspray-Skandal

An der #refugeeswelcome-Demo vom 9. September 2015 sprayt die Polizei aus naher Distanz einer älteren Frau Pfefferspray ins Gesicht – und Tsüri.ch filmt mit. Das Video von Simon Jacoby verbreitet sich wie ein Lauffeuer, wird über 2'500 Mal geteilt und über 350'000 Mal angesehen. Es ist ein trauriger Erfolg, doch Tsüri.ch ist auf einen Schlag in aller Munde.

Dass dieses Video von Tsüri.ch stammt, ist jedoch kein Zufall. Die kritische Beobachtung der Polizeiarbeit insbesondere bei Demonstrationen und Hausbesetzungen hat bei Tsüri.ch Tradition. Die einseitige Berichterstattung der grossen Medienhäuser wurde in dutzenden Artikeln verhandelt und teilweise widerlegt. Seien es Themen wie eine aggressive 1.Mai-Demo oder Minderjährige im Polizeikessel oder aber auch Kritik am Demonstrieren an sich – Das findet alles seinen Platz auf Tsüri.ch. Sei es Polizeigewalt in der Binz, die polizeiliche Durchsuchung des Koch-Areals oder leider als Opfer der polizeilichen Repression – Tsüri.ch schaut hin. Sogar bei illegalen Partys ist Tsüri.ch zuerst vor Ort, während andere Medien nur übernehmen (siehe Watson oder 20min).

4. Coup II: Eskalation an der ZHdK

In der Historie des Konflikts zwischen der ZHdK und ihren Studierenden ist es wohl nur ein weiteres Kapitel, Tsüri.ch trug jedoch viel zur öffentlichen Wahrnehmung dieses Konflikts bei. Mitte 2016 erscheint unter dem Titel «Eskalation an der ZHdK kurz vor der Diplomfeier: Ist das Kunst oder kann das weg?» ein erster Artikel über die Vorkommnisse an der Zürcher Hochschule – weitere Artikel folgen: «Wird Kritik an der ZHdK einfach übermalt? Student erstattet Anzeige», «ZHdK-Konflikt: Kunststudent rechnet mit Rektor ab» und «5 Schritte zur Eskalation: Darum wurden die ZHdK-Wände bemalt». Dank der Nähe zur dortigen Community, konnte Tsüri.ch praktisch ungefiltert über die Geschehnisse berichten und traf den Nerv des jungen Zürich. Tsüri.ch blieb damals dran und ist weiter dran – auch als die ZHdK im Frühling 2018 kritische Plakate der Studierenden entfernt.

4. Coup III: Das System 20 Minuten

Die kritische Auseinandersetzung mit der kleinen Schweizer Medienwelt gehört bei Tsüri.ch dazu. Die Mutter aller Medienkritik auf Tsüri.ch bleibt wohl Simon Jacobys Stück zum «System 20 Minuten» am 11. Oktober 2016. Grund der Kritik war die (bis heute) anhaltende mehrheitlich einseitige Berichterstattung zur Flüchtlingsdebatte. Der Artikel wurde geklickt, diskutiert, bejaht, gehasst – er liess niemanden kalt. Das Fazit des Artikels behält jedoch auch Jahre danach noch seine Gültigkeit: «So bleibt unklar, weshalb 20 Minuten so berichtet, wie sie es tut. Nur das Wie kann erahnt werden. 20 Minuten nimmt ihre Verantwortung höchstens teilweise wahr und lässt ihre zwei Millionen Leserinnen und Leser Tag für Tag mit hohem Tempo durch eine hohe Anzahl kleiner und grosser Konflikte rasseln».

5. Coup IV: Sexuelle Belästigung an der ETH

Tsüri.ch-Redakteur Jonas Stähelin landet Ende Juni 2018 mit seiner Recherche: «Sexuelle Belästigung? ETH ermittelt gegen Professor» einen Primeur. Blick.ch und 20 Minuten nehmen den Fall des ETH Professors, der unter anderem Oben-Ohne-Bilder an Studentinnen schickte, am selben Tag auf die Front. Der Artikel hat jene überrascht, die nichts mit der Architekturszene zu tun haben. Die aus der Branche atmeten auf: «Endlich ist es raus.» Denn dort wissen alle, wer der beschuldigte Professor ist. Tsüri.ch bleibt dran: Nach einem Monat kann die ETH noch immer keine Fortschritte melden... Erst am 13. September meldet die ETH, dass sie eine Disziplinaruntersuchung einleitet. (siehe auch NZZ).

6. Tsüri.ch war und ist immer politisch

Tsüri.ch war immer mehr als nur Lieferant für Ausgehtipps oder eine Wahlurne für das beste Brunch-Lokal. Natürlich muss das auf Tsüri.ch auch Platz haben, ebenso wichtig waren uns jedoch immer die Hilfe zur Meinungsbildung über stadtpolitische relevante Themen wie Abstimmungen (Abstimmung vom 28. Februar 2016, 12. Februar 2017, 21. Mai 2017 und 24. September 2017) oder die Wahlen 2018.

Aber wir wurden auch selbst aktiv. Lange bevor der Hashtag «metoo» durch die sozialen Medien dieser Welt geisterte, schrieben wir über sexuelle Belästigung im Alltag und brachten das Luisa-Projekt nach Zürich (siehe auch Limmattaler Zeitung, nau.ch oder letemps).

6. Unser Lieblingsthema: Velos (neben Drogen und Demos)

Seien wir ehrlich, während es in den wilden Anfangszeiten mehrheitlich um Drogen und Demos ging, entwickelte Tsüri.ch immer mehr auch eine Liebe zum Thema «Velo». Sei es die Veloinitiative 2015, welche nun in abgeänderter Form vors Volk kam. Die kritische Berichterstattung zu den Veloabstellplätzen auf der Hardbrücke, den Velowegen am Albisriederplatz (und hier) oder der Velodemo (Velo U-N-D Demo! Was gibt es besseres?) war auch in den Anfangstagen ausgeprägt. Die Probleme sind heutzutage immer noch die gleichen, erweitert nur durch die Veloverleih-Debatte: «Achtung Datenkrake! oBike sammelt Nutzerdaten und verkauft diese», «4,5 Gründe, warum die oBikes mega nice sind», «10 Beispiele: So nutzt du das oBike richtig! ;)» und «Züri Velos: Wird dieses neue Verleihsystem überleben?». Tsüri.ch bleibt am Thema dran – weil ihr Velos mögt und wir auch.

7. Ausserhalb von Zürich ist für uns alle Neuland

Die Stadt Zürich bot uns eigentlich stets genügend Material, um unsere Website zu füllen. Für euch haben wir uns dennoch vereinzelt ins Ausland gewagt: An die Badenfahrt oder an die Winterthurer Musikfestwochen. Manchmal sogar bis nach Berlin oder Teheran. Trotz unserer Unsicherheiten ausserhalb unserer Bubble, habt ihr es uns stets gedankt, merci dafür!

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8. Wir zeigen Ehrlichkeit

Wir waren nicht immer die besten Verkäufer*innen der Marke «Tsüri.ch». Davon zeugen die vielen Kleber auf den Laternenpfählen und Veloständern dieser Stadt (siehe Bild) auf denen «Tsüri» ohne «.ch» steht.

Wir haben viel über die Stadt berichtet und selten genug über uns. Wir waren oft sehr zurückhaltend, sodass es Stimmen gab, welche dachten, Simon Jacoby schmeisse «Tsüri.ch» ganz alleine. Das ist natürlich Quatsch – mittlerweile haben wir gar eine Seite, auf der wir die Redaktion vorstellen. Wir haben uns gebessert und euch an unserem Schaffen im Hintergrund teilhaben lassen. So haben wir beispielsweise darüber berichtet, dass unsere Reichweite auf Facebook zusammenbricht und wie du uns trotzdem weiter folgen kannst. Zuletzt gab es gar ein Update zum neuen Team. Wir geben unser Bestes, euch offen und transparent gegenüberzutreten. Wenn wir es versäumen euch etwas mitzuteilen, liegt dies oft nicht am fehlenden Willen, sondern an den fehlenden Ressourcen. Hier kommst du ins Spiel: Wenn du uns und unsere Arbeit magst, wären wir froh, du würdest über eine Tsüri-Mitgliedschaft nachdenken. Wer berichtet denn sonst so schön über Partys, Demos und Velos, wenn nicht wir?

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