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«Luxus» Teil 3: Dichte ist sozialer Luxus

Jens Knöpfel, Tamino Kuny, Clara Richard, Meghan Rolvien, Alice Tripet und Julian Wäckerlin studieren Architektur an der ETH Zürich. Für Tsüri.ch verfassen sie drei Gastbeiträge, in denen sie den Begriff «Luxus» verhandeln. Denn was ist «Luxus» wirklich? Und was bedeutet «Luxus für alle»? Anhand dieser Fragen wollen sie zurück zum Kern der Architektur finden und hinterfragen, wie wir eigentlich leben wollen.
20. April 2019

«Dichte» ist ein Schlagwort, das immer häufiger auftaucht. Auch in Kombination mit anderen Wörtern, etwa mit «Stress» in «Dichtestress», 2014 zum Unwort des Jahres gekürt. Dieser Begriff wurde damals – und wird es auch heute noch – vom politisch rechten Lager dazu verwendet, den vermeintlichen Leidenszustand der städtischen Bevölkerung der Schweiz zu diagnostizieren. «Dichtestress» kommt vom angeblich allgegenwärtigen Gefühl von «zu vielen Menschen an einem Ort» und wird dazu verwendet, die Begrenzung der Zuwanderung in die Schweiz zu propagieren (vgl. «Masseneinwanderungs-» und «Ecopop»-Initiativen).

Dichte ist in dieser Wortkombination negativ besetzt – zu Unrecht. Wir wollen Dichte als etwas Positives vermitteln und sie im Zusammenhang mit dem Begriff «Luxus» untersuchen. Denn Dichte ist sozialer Luxus.

Politisches Werbeplakat der Begrenzungsinitiative: eine falsche Vorstellung von Dichte wird vermittelt

Blickt man auf das Plakat der «Begrenzungsinitiative», sieht man folgendes: Auf dem roten Grund der Schweiz sind dort, wo eigentlich Zürich, Basel und Bern sein sollten, schwarz-weiss gerasterte Hochhäuser errichtet worden. Davor warten zuwandernde Menschenmassen, die anscheinend keinen Unterschlupf finden. Komplettiert wird das Ganze von einer Autoflut und einer schwarzen Wolke.

Die schwarz-weiss gerasterten Fassaden suggerieren Anonymität. Doch kennt man sich nicht gerade besser, wenn man näher zusammenlebt?

Auf dem Plakat stehen die einzelnen Menschen in der Masse entweder regungslos nebeneinander oder sie hasten ziellos aneinander vorbei. Warum findet hier keine soziale Interaktion statt? Bedeutet Dichte denn nicht mehr soziale Reibung? Und das meinen wir durchaus im Guten.

Dann die Autos. In einer dichten Stadt liegen Wohnen, Arbeiten und Freizeit viel näher beieinander – ja, diese sowieso unzeitgemässe funktionale Trennung lässt sich nur durch eine gewissen Dichte überwinden. In der Stadt der kurzen Wege spielt das Auto sowieso keine Rolle mehr.

Die auf dem Plakat dargestellte Stadt ist asozial. Die Stadt, so wie wir sie uns wünschen, ist aber sozial. Die hier dargestellte Stadt hat tatsächlich nichts mit Dichte und schon gar nichts mit Luxus zu tun, so wie wir ihn verstehen. Es ist also an der Zeit, diesem Blick einen zweiten entgegenzustellen und zu zeigen, warum Dichte sozialer Luxus ist.

Es soll hier nicht darum gehen, prominente Beispiele wie die Kalkbreite zu loben oder Rezepte für die Verdichtung von Zürich zu finden. In einer Stadt wie Zürich gibt es unzählige Alltagsmomente, die Dichte als sozialen Luxus charakterisieren.

Situation Eins.

Lindenplatz, mitten am Nachmittag. Man wechselt vom 80er Bus auf das 2er Tram, mit kurzer Wartezeit; nutzt die paar Minuten, um am Kiosk an der Ecke eine Apfelschorle zu kaufen. Wechselt einige Worte mit der Gruppe Männer, die am Plastikstehtisch neben dem Kiosk Bier trinken, den ganzen Tag lang, während man auf das Wechselgeld wartet. Steigt dann ins Tram.

Beim Lindenplatz: nur Dichte kann solche urbane Situationen im Alltag hervorbringen (Bild: Taylan Uysal, Medienarchiv ZHDK)

Zugegeben, beim Lindenplatz würde man vielleicht nicht direkt an Dichte denken. Doch indirekt betrachtet handelt es sich wohl um einen der urbansten Orte Zürichs. Nur in dichten Städten herrschen die Rahmenbedingungen dafür, dass wir im Alltag Menschen über den Weg laufen, denen wir sonst nicht begegnen würden. Dichte ist sozialer Luxus, weil erst sie die heterogene Durchmischung verschiedenster Bevölkerungsgruppen provoziert und diese sich dann auch tatsächlich begegnen.

Situation Zwei.

Auf der Josefwiese, an einem Sommerabend. Die Wiese ist prall gefüllt mit Menschen – nahezu überfüllt. Es gibt Familien mit Kinderwägen. Jugendliche, die bereits betrunken sind und ihre Musik immer lauter aufdrehen. Student*innen, die ihren Einweggrill anfeuern und sich über die laute Musik der Jugendlichen nerven. Ein altes Ehepaar, das über die Wiese geht und sich über all die vielen jungen Leute freut, bis ein Kind die alte Frau umrennt.

Auf der Josefwiese: die unterschiedlichsten Nutzergruppen leben eine gemeinsame Kultur der Dichte (Bild: Pétanque Club Zürich)

Ja, Dichte bedeutet auch Konflikte. Aber Konflikte dieser Art sollten wir begrüssen in einer Zeit, in der urbane Räume immer mehr geglättet, konfliktfrei gemacht werden. Eine Gesellschaft zeichnet sich mitunter dadurch aus, wie sie ihre Konflikte bewältigt. Dichte ist sozialer Luxus, weil erst soziale Reibung ein kollektives Bewusstsein formt und damit die Grundlage für jede politische Kultur legt.

Situation Drei.

In der Siedlung Riedtli, am 1. Januar. Den ganzen Tag über stossen Nachbar*innen auf das neue Jahr an. Es ist ein Kommen und Gehen. Auch Gäste von ausserhalb sind dabei. Nicht alle Leute kennen sich, doch man wird einander vorgestellt. Begegnungen führen vom Hof ins Treppenhaus ins Wohnzimmer, manchmal auch in anderer Reihenfolge.

In der Wohnsiedlung Riedtli: auch beim Riedtli-Fest wird Dichte jeweils erlebbar (Bild: Riedtli-Verein)

Es ist klar, Dichte wird nur dann sichtbar, wenn die Bevölkerung eines Siedlungsraumes eine kritische Grösse erreicht. Das gilt sowohl für die Bevölkerung einer Stadt als auch für die Einwohner*innen eines Quartiers oder die Bewohner*innen einer Wohnung. Dichte ist sozialer Luxus, weil erst sie Formen des Zusammenlebens ermöglicht, die sich im Kollektiv und nicht nur in den klassischen Wohnformen abspielen.

Diese Situationen zusammengefasst, interpretieren wir Dichte vor allem als soziale Grösse, die beschreibt, wie sich das Zusammenleben der Menschen in einer Stadt gestaltet. Am Anfang jeder Architektur und jeder Stadt sollte eine Vorstellung sozialen Zusammenlebens und keine rein numerisch verstandene Ausnützungsziffer stehen.

In den letzten beiden Artikeln haben wir die Luxus-Lüge dementiert und Luxus als räumliche Vielfalt definiert. Der soziale Luxus der Dichte gesellt sich nun zum Luxus-Trio. Von diesem Luxus wollen wir mehr!

Text: Tamino Kuny

Titelbild: Florentina Walser

«Luxus» Teil 1: Die Luxus-Lüge

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Die Autor*innen
Jens Knöpfel, Tamino Kuny, Clara Richard, Meghan Rolvien, Alice Tripet und Julian Wäckerlin sind eine Gruppe von Architekturstudent*innen an der ETH Zürich. Im vergangenen Herbstsemester haben sie sich am Lehrstuhl von Professorin Anne Lacaton unter dem Titel «Inhabiting: Freedom, Pleasure and Luxury for all» mit Wohnungsbau in Zürich und Wohnen ganz allgemein beschäftigt. Sie haben für das von den SBB umstritten projektierte Neugasse-Areal ein Alternativprojekt ausgearbeitet. Ihr Vorschlag: eine Umnutzung des bestehenden Depots zu Hallenwohnungen, ein Wohnhochhaus für alle und ein gen Stadt durchlässiger Wohnblock. Dabei ging es darum, Wohnqualitäten wie freie Aussicht, viel Raum und örtliche Gegebenheiten zu kombinieren und die dafür notwendigen architektonischen Eingriffe auf ein Minimum zu reduzieren. Verdichtung und mehr Raum für alle sind für sie dabei kein Widerspruch, sondern Fundament einer sozialen Stadt.

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