🌳188 Klima-Member🌳

Taxifahrer Fuad Aziz bei der Bahnhof Enge. (Foto: Sonya Jamil)

Taxifahrer Fuad Aziz: «Ich ging 21 Tage mit leeren Taschen nach Hause»

Corona legt auch das Taxigeschäft lahm. Mit Tsüri.ch spricht Taxifahrer Fuad Aziz über stundenlanges Warten und das Hoffen auf Fahrgäste. Und daran ist nicht nur die Pandemie schuld.
27. Januar 2021
Praktikantin Redaktion

An diesem verschneiten Montagvormittag reihen sich beim Bahnhof Enge die gelben Taxi-Schilder brav hintereinander ein. Einige der Fahrer starren in ihren Autos Löcher in die Luft, während sich andere in der klirrenden Kälte, mit den Händen in den Jackentaschen, mit ihren Arbeitskollegen austauschen. Etwas abseits steht Taxifahrer Fuad Aziz; mit Handy und Glimmstängel in der Hand macht er gerade Pause. Mit einem herzlichen «Hallo» drückt er schnell seine Zigarette aus und wir gehen zu seinem schwarzen Mercedes-Benz.

Die Konkurrenz schläft nicht

Der gebürtige Kurde arbeitet seit über zehn Jahren in der Taxibranche. Davor war er im Besitz eines kleinen Lebensmittelgeschäfts. Das Taxigeschäft sei schon lange nicht mehr das, was es einmal war, beginnt er zu erzählen. Damals, und damit meint er 2008 vor der grossen Finanzkrise in der Schweiz, hätte man als Taxifahrer*in einen stabilen Lohn gehabt, mit dem man die Familie hätte versorgen können. Danach seien die Einnahmen immer kleiner geworden und wäre das nicht schon schlimm genug, zog eine weitere schwarze Wolke über den Taxi-Himmel: Uber.

Über die Probleme mit Uber

Die ersten Uber, die durch die Zürcher Strassen fuhren, lösten einen wahnsinnigen medialen Hype aus, was die herkömmlichen Taxis daneben alt aussehen liess, erinnert sich Fuad Aziz. «Es heisst immer, die Taxis in der Stadt werden immer teurer, dabei sind es ja nicht wir, die den Grundtarif bestimmen. Ich hafte für jeden Unfall, muss für mein Fahrzeug Bewilligungen einholen, es überall als solches kennzeichnen und zahle dementsprechend viel Geld dafür. Mal schauen, wie lange Uber überleben würde, wenn sie das auch tun müssten», meint Aziz frustriert.

«Ist Uber als Arbeitgeber einzustufen oder nicht?», fragten sich schon viele vor dem 49-Jährigen. Tatsächlich befindet sich der Konzern aus San Francisco in einem Graubereich. Die Fahrer*innen sind in den Augen von Uber selbstständig, der Konzern stellt sich nicht offiziell als Arbeitgeber dar. Während der Pandemie hat Uber für seine Fahrer*innen folglich auch keine Kurzarbeit beantragt. In der Schweiz zahlt die Firma keine Sozialversicherungsbeiträge und kaum Steuern. Jüngst berichtete das SRF Regionaljournal von einen Fall, indem sich Uber vor Gericht als Arbeitgeber verantworten musste und einem Fahrer eine nachträgliche Lohnzahlung eingestand. Weitere Fahrer*innen pochen gemeinsam mit der Gewerkschaft Unia nun auf ihr Recht. Von diversen Kantonen, so auch in Zürich, wurde der Umstand, dass Uber ein Arbeitgeber sei, trotz dem ersten rechtskräftigen Urteil nicht weiter berücksichtigt.

10 Stunden am gleichen Ort

«Ich mache ein Interview!», ruft Fuad Aziz plötzlich, als ihm ein Taxifahrer zu verstehen gibt, er solle sich doch in die Reihe der Taxi-Standplätze eingliedern. Schliesslich manövriert er den Wagen geschickt in die vorgesehene Lücke. Der Familienvater ist die meiste Zeit an den Standplätzen am Bahnhof Enge anzutreffen. Seit Jahren ist er schon selbstständig, seit letztem April hat er sich auch von den Aufträgen losgelöst, die er bis dahin via Funkgerät von der Taxizentrale erhalten hat; von seinen Einnahmen muss er ihnen demzufolge nichts abgeben. Fuad Aziz’s Arbeitstage sind in der Regel zehn Stunden lang – seit Pandemiebeginn vergeht Stunde um Stunde ohne eine einzige Fahrt. Die Zeit vertreibt er sich entweder am Handy oder mit lesen. Sprach’s und zieht die kurdische Übersetzung eines französischen Gedichtbandes hervor. Fuad Aziz schreibt selbst Gedichte – politische, aber auch romantische – verrät er stolz.

Bei den fehlenden Geschäftsleuten, den geschlossenen Restaurants und dem nicht vorhandenen Nachtleben wundert es Fuad Aziz nicht, dass die Taxibranche nichts mehr zu tun hat. Ab und zu springt er für einen Arbeitskollegen ein und übernimmt seine Fahrten oder hat die Möglichkeit, Schultouren zu fahren. Wenn überhaupt noch jemand ein Taxi wolle, dann seien dass zurzeit die älteren Semester, die zum Arzt müssten oder ihre schweren Einkäufen nicht nach Hause tragen könnten. Ganz anderes Klientel, als er sich aus seinen früheren Nachtschichten gewohnt ist. Die Zeiten, als die Leute betrunken zu ihm ins Auto stiegen oder ausstiegen ohne zu bezahlen, wünscht er sich aber dennoch nicht zurück.

Corona-Kranke im Taxi

«Ohne Maske nehmen wir keine Gäste an», betont Aziz und zeigt dabei auf ein Pack Extra-Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel. Dennoch bestehe für ihn immer das Risiko, sich mit dem Virus anzustecken. Die Gesundheitsbehörden empfehlen, mit Corona-Symptomen nicht in den ÖV zu steigen. Als Alternative greifen demzufolge bei fehlendem Auto viele Menschen zum Hörer und bestellen sich ein Taxi. Im besten Fall mit der Angabe, dass sie Symptome aufweisen. Die Taxifahrer*innen sind jedoch nicht dazu verpflichtet, diese Fahrten anzunehmen, erklärt das SRF Regionaljournal vor einigen Wochen. Ähnlich, wie die Chauffeur*innen die Fahrt jemandem verweigern dürften, der sie betrunken anpöbelt. Corona habe zu Beginn der Pandemie bei vielen Fahrer*innen Angst ausgelöst, lässt sich Martin Rohner von der Zürcher Taxifirma «Taxi 444» im Beitrag zitieren: «Neun von zehn sagten: Sorry, das machen wir nicht.»

Die Taxi-Einnahmen als Taschengeld

Wie Aziz erzählt, sind die finanziellen Einnahmen derzeit quasi inexistent. Mit etwas Glück ergibt sich für ihn eine kurze Fahrt von drei Kilometern, deren Ertrag reicht höchstens für den Morgenkaffee und das Zigarettenpäckchen. Zurzeit lebt die vierköpfige Familie von seiner Erwerbsentschädigung von 2000 Franken – 80 Prozent des Einkommens. Fast 950 Franken gehen an das monatliche Leasing des Fahrzeugs, geschweige sonstiger Versicherungen, Abgaben beim Strassenverkehrsamt und anderen Kosten für den Lebensunterhalt der Familie. Ende Monat bleibt da nichts mehr übrig. «Corona hat das Taxigeschäft gelähmt», stellt Aziz ernüchternd fest. Er ist zwar nicht auf Sozialhilfe angewiesen, kennt in seinem Umfeld aber Taxifahrer, die aufgrund der aktuellen Lage ihre Rechnungen nicht zahlen konnten und deshalb betrieben wurden. Viele hätten den Taxifahrausweis sogar abgegeben und der Branche den Rücken zugekehrt. Auf die Frage, ob er das auch tun würde, sagt Aziz: «Nicht ohne Plan B oder ein Wunder».

Das sagt die Gewerkschaft Unia

Als Taxifahrer erfüllt Fuad Aziz stets seine Pflichten und will dementsprechend auch seine Rechte. Für diese setzt sich unter anderem die Gewerkschaft Unia ein. Auf Anfrage von Tsüri.ch meinen sie, dass viele Probleme, die in der Taxibranche bereits vor Corona existierten (keine einheitlich geregelten Arbeitsbedingungen, tiefe Löhne zum Leben, die Not der Fahrer*innen, einen weiteren Job anzunehmen oder von Sozialhilfe abhängig zu sein, Uber, Abwanderung aus der Branche) durch Corona verstärkt wurden. Die Umsätze seien im Frühling bis zu 90 Prozent zurückgegangen, eine Besserung sei nicht in Sicht.

Dies betreffe nicht nur die über 1200 Selbstständigerwerbenden, sondern auch die Taxifirmen, denen Konkurs droht. Selbstständigerwerbende Fahrer*innen waren zudem mit Extra-Auslagen konfrontiert, um Plexiglastrennwände und andere Sicherheitsmassnahmen in ihre Autos einzubauen, nur um sich dann vielleicht doch mit dem Virus anzustecken. Die Unia setzt sich für einen solidarischen Weg aus der Krise ein. So haben sie bereits im August den Bundesrat dazu aufgefordert, die Kurzarbeitsentschädigung für Löhne bis 5000 Franken netto auf 100 Prozent aufzustocken.

Vor kurzem ergab sich indes doch noch ein kleines Wunder für die Taxifahrer*innen: Das Schneechaos der letzten Tage, das die Tram- und Busverbindungen lahm legte. Das Taxigeschäft brummte! «Es war wie ein verspätetes Weihnachtsgeschenk», meint Fuad Aziz und strahlt.

Kommentare

Nöd Jetzt!