Interview mit einem Tantra-Masseur: «Nackt sein entspannt wahnsinnig»

07. Januar 2016

Tantra ist ein Begriff, den viele kennen, aber niemand wirklich einordnen kann. Didi Liebold, Mitbegründer des Sexolocigal Bodywork Centers Schweiz, hat Tantra zu seinem Beruf gemacht. Im Interview spricht er über Ekstasezustände, das individuelle Körpergefühl und warum nackt sein entspannt.

Was ist Tantra? Didi Liebold: Tantra hat den Ursprung im Indischen und ist eine Lebensphilosophie. Für mich ist es – zusammengefasst – ein Weg, wie ich als Mensch meine göttliche Essenz finden kann.

Göttliche Essenz, das klingt jetzt sehr abstrakt. Menschen haben schon immer eine spirituelle Ebene gehabt. Damit meine ich den Glauben an etwas Grösseres. Im tantrischen Verständnis ist in jedem Menschen das Göttliche vorhanden, es wird nicht äusserlich gesucht. Es geht um die Transformation zu sich selber und zu allem anderen. Manche nennen es Erleuchtung. Wobei es verschiedene Wege gibt, diese zu erreichen, beispielsweise über stille Meditation. Das ist jedoch schwer, viele Menschen in den westlichen Industrienationen sehr verkopft sind. Im tantrischen Verständnis kann dies über Ekstasezustände möglich werden.

Was verstehen Sie unter Ekstasezustand? Das ist ein Zustand, in dem eine totale Verbundenheit zum Moment besteht. Die Menschheit hat seit jeher solch ekstatische Zustände gesucht. In den meisten Naturvölkern finden wir dies vergleichsweise mit bewusstseinserweiternden Substanzen und Tanz. Es gibt aber wenige Kulturen, welche die sexuelle Energie als Katalysator genutzt haben, um dorthin zu kommen.
In der Sexualität gibt es einen kurzen Moment, in dem wir garantiert an gar nichts denken. Das ist der Orgasmus.
Anders im Tantra? Die meisten Tantriker haben das Bild, dass die Sexualität die stärkste Lebensenergie ist. Es geht um die Umwandlung dieser Energie in eine Lebensenergie. In der Sexualität gibt es einen kurzen Moment, in dem wir garantiert an gar nichts denken. Das ist der Orgasmus. Nur ist der sehr kurz. Man hat dann nach Techniken und Methoden gesucht, wie man diese orgastischen Zustände verlängern kann. Das sind Zustände, in denen ich mich mit mir selbst in dieser Energie komplett verbunden fühle. Das ist die Idee der Göttlichkeit, die ich vorhin angesprochen habe.

Was interessiert Sie besonders daran? Das, was wir im Westen als Tantra verstehen, hat mit der ursprünglichen Ideologie wenig zu tun. Mich interessiert, wie wir dieses körperbezogene Wissen im heutigen Leben nutzen können. Tantra ist für mich eine der wenigen Ursprünge in der menschlichen Geschichte, die Sexualität als einen positiven Aspekt verkörpert. Wie kann man diese sexuelle Energie nutzen, um etwas zum positiven zu verändern?

[caption id="attachment_5244" align="aligncenter" width="452"]In der Einzelberatung geht Didi Liebold bestimmte Themen an. Stressthema Nr.1 bei den Männern sind Erektions-, bei den Frauen Orgasmusprobleme. In der Einzelberatung geht Didi Liebold bestimmte Themen an. Stressthema Nr.1 bei den Männern sind Erektions-, bei den Frauen Orgasmusprobleme.[/caption]

Sie sind Mitgründer des Sexolocigal Bodywork Centers Schweiz. War das einer ihrer Beweggründe, dieses Institut zu gründen? Ich komme ursprünglich aus einem komplett anderen Bereich, war lange als Finanzchef in einer Softwarefirma tätig und kam dann über Umwege auf die Ausbildung Sexolocigal Bodywork in Kalifornien. Das ist zwar angelehnt an Tantra, aber eine eigene Bewegung aus Kalifornien. Der Gründer Jospeh Kramer hat lange erforscht, wie wir Sexualität lernen können. Es geht darum, einen anderen Zugang zu seinem Körper und zur eigenen Sexualität zu finden.
Es gibt auch immer mehr Menschen, die das Gefühl haben, bisher keine erfüllte Sexualität gelebt zu haben.
Kann das jeder lernen? Wenn wir von dieser göttlichen Essenz ausgehen, die ich vorhin erwähnt habe, gehen wir natürlich davon aus, dass es jeder in sich hat. Das klingt ein wenig abgehoben, doch wenn ich von solch spirituellen Dingen rede, ist das für mich eigentlich etwas sehr bodenständiges. Wenn man schaut, wie die Menschen sich entwickeln, dann haben wir von Geburt an ein sehr natürliches Verhältnis zu unserem Körper. Später erst werden wir geprägt von unserer Kultur. Obwohl wir in einer sexuell eher offenen Gesellschaft leben, sind wir weit davon entfernt, wirklich entspannt und unverkrampft damit umzugehen.

Wie helfen Sie bei sexuellen Blockaden? Was wir machen, ist zu einem grossen Teil Bewusstseinsarbeit und Wissensvermittlung. Die meisten Menschen sind sich vielen Themen gar nicht bewusst. Wenn man davon ausgeht, dass Sexualität etwas sehr Zentrales ist in unserem Leben und wie wenig die meisten am Ende darüber wissen, dann stimmt mich das schon sehr nachdenklich.

Was unterscheidet ihre Arbeit von einer gewöhnlichen Sexualtherapie? Die Sexualtherapie ist natürlich einerseits klar eingegrenzt auf ein Gespräch. Dazu ist die Herangehensweise von entscheidender Bedeutung. Sexualtherapie hat normalerweise einen medizinisch-pathologischen Hintergrund, man geht davon aus, dass etwas falsch ist und definiert ein Problem. Das stiftet einerseits Orientierung, andererseits wird der Mensch klassifiziert. Wir dagegen fragen uns eher, wo der Mensch gerade mit seiner Sexualität steht. Und wir haben dazu noch die Möglichkeit, mit Körperkontakt zu arbeiten.

Kommen die Leute zu ihnen weil sie ein Problem haben oder neugierig sind? Beides. Einerseits gibt es Personen mit einem bestimmten Thema, das sie anschauen wollen. Andererseits gibt es aber auch immer mehr Menschen, die das Gefühl haben, bisher keine erfüllte Sexualität gelebt zu haben und sich nun fragen, ob es da nicht noch mehr gibt.
Beim G-Punkt ist es das Problem, dass er ein wenig ein Mythos ist.
Was ist solch ein typisches Problem? Zum Beispiel eine Frau, die keinen Orgasmus haben kann. Dann kann ich einerseits versuchen, über das Gespräch alle relevanten Informationen zu erhalten. Aber wenn ich weiter die Möglichkeit habe, sie zu berühren, dann sehe ich, was mit ihrem Körper passiert, wenn ich sie massiere. Das heisst nicht, dass ich denselben Eindruck bekomme, wie diese Frau in einer Liebesbeziehung funktioniert. Aber es verdeutlicht, wie sie ihren Körper wahrnimmt. Viele Frauen sind sich ihrer Vagina nicht bewusst. Sie spüren zwar, wenn etwas drin ist, aber wo genau sie berührt werden, nicht. Ist diese Wahrnehmung nicht ausgeprägt ist, kann man das erlernen. Es lässt sich trainieren.

Apropos Frauen und Orgasmusprobleme. Gibt es den G-Punkt? Beim G-Punkt ist es das Problem, dass er ein wenig ein Mythos ist. Man muss sich von dem Bild verabschieden, dass, sobald ich ihn gefunden habe, mit multiplen Orgasmen gesegnet bin. Beim G-Punkt redet man von der weiblichen Prostata. Das ist ein Organ, das jede Frau hat. Das lustige an der Wissenschaft ist, das die einen ihn noch suchen und die anderen ihn sich schon schon aufspritzen und mit dem G-Punkt gutes Geld verdienen. Aber ich habe genug Frauen massiert, der existiert. Nur passiert anfangs nicht wirklich viel. Der Körper ist eine wunderbare Geschichte, er kann alles Lernen, aber es braucht Zeit. Nur ist Zeit in unserer Gesellschaft nun mal etwas Rares und zu wissen, wie ich Sexualität lerne, ist für die meisten ein relativ neues Konzept.

[caption id="attachment_5246" align="aligncenter" width="452"]Im gemütlichen Rahmen mit fernöstlich angehauchter Einrichtung soll man sich wohl und aufgehoben fühlen. Im gemütlichen Rahmen mit fernöstlich angehauchter Einrichtung soll man sich wohl und aufgehoben fühlen.[/caption]

Sie bieten neben Einzelberatungen und Massagen auch verschiedene Tantramassagekurse an. Wie kann man sich das vorstellen? In so einem Einführungskurs sind 20 Leute, letztes Mal waren zwei Paare dabei. Die können entscheiden, ob sie die Massagen getrennt oder zusammen machen wollen. Das andere sind Personen, die einzeln kommen. So ein Einführungskurs startet am Freitagabend und dauert bis Sonntagabend, währenddessen die gesamte Tantramassage plus Intimmassage gelehrt wird.

Gab es nie jemand, der mal nicht mitmachen wollte? Natürlich gab es das schon, oder auch das jemand ausgesetzt hat. Das steht jedem völlig offen. Den meisten, die sich anmelden, ist aber schon bewusst, worauf sie sich einlassen und die Grundoffenheit besteht. Bei der Tantramassage geht es aber nicht um eine gegenseitigen sexuelle Verbindung oder eine Liebesbeziehung. Es ist eine Massage mit zwei klaren Rollen – eine Person massiert und die andere empfängt.
Wenn ich mich zum Beispiel dafür entscheide, mit jemandem mein Leben zu verbringen, wird diese Person in zwanzig Jahren nicht gleich aussehen.
Für mich braucht es eine gewisse Attraktivität oder Anziehungskraft zu einer Person, um mich zu entspannen oder gehen zulassen. Wie überwinde ich das – oder wieso sollte ich das überhaupt überwinden? Die Frage ist eher, wenn Sie mit einem Anliegen zu uns kommen, dass sie persönlich verbessern wollen, wieso muss denn da eine Attraktivität vorhanden sein? Sie wollen ja mit dieser Person keine Sexualität leben, sondern ihren Körper besser kennenlernen.

Aber auch dafür braucht es ja ein gewisses zwischenmenschliches Wohlgefühl. Ist die zwischenmenschliche Beziehung, von der Sie sprechen, dass ich die Person attraktiv finde oder ob ich mich wohl und sicher fühle bei ihr? Letzteres ist bestimmt absolut ausschlaggebend. Aber das ist eine berechtigte Frage, ob das wichtig ist. Wir arbeiten mit dem Ausdruck selbstbestätigte Sexualität. Sprich: Ich will meine Sexualität für mich entdecken und nicht abhängig von aussen sein. Wenn ich darauf angewiesen bin, dass ich den anderen äusserlich attraktiv finde, ist das auch irgendwo eine Eingrenzung.

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Inwiefern eine Eingrenzung? Wenn ich mich zum Beispiel dafür entscheide, mit jemandem mein Leben zu verbringen, wird diese Person in zwanzig Jahren nicht gleich aussehen. Das sind reale Probleme, die bei uns angesprochen werden! Zum Beispiel bei Männern, die das Bild vom knackigen Körper haben und dann der Körper vor ihnen diesem nicht mehr entspricht. Was mache ich dann?

Gute Frage. Was mache ich dann? Einfach gesagt zwei Möglichkeiten: Viele suchen sich eine entsprechend junge Frau. Oder sie weichen aus in die Pornographie oder Prostitution, setzten auf Ersatzbefriedigung. Diesen Weg kann ich wählen. Doch was heisst das für Beziehungen? Wie tief kann ich mich dann wirklich je auf jemanden einlassen? Diese Abhängigkeit von anderen ist oft sehr gross in der Sexualität.

Aus welchen Gründen besuchen die Leute ihre Massagekurse? Das sind meistens Personen, die grundsätzlich einmal neugierig sind und etwas Neues kennenlernen wollen. Die Massagen sind dabei meist nur der Nebeneffekt des Ganzen. Natürlich lerne ich massieren. Aber was sich dabei verändert passiert auch auf anderen Ebenen. Beispielweise machen wir ganz offene Gesprächsrunden über Sexualität. Oft merken die Teilnehmer, dass die eigenen Vorstellungen und Bilder ihrer Sexualität sehr individuell sind und überhaupt nicht übereinstimmen mit anderen. Es gibt einen Austausch, den man sonst nicht hat.




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Sie bieten auch einen Kurs an, in dem voreinander nackt getanzt wird. Ist das tatsächlich entspannend? Essentiell ist der Abbau von Scham. Das ist ein Thema, dass sehr viele blockiert. Das ist kein Aufruf dazu, dass die ganze Schweiz jetzt nackt voreinander tanzen soll, aber wir bieten solch einen Nackt-Trance-Dance an, wo jeder für sich tanzt.

Wofür soll das gut sein? Das macht etwas mit den Menschen, es befreit die Menschen. Ich bekomme einen anderen Zugang zu meinem Körper. Es entspannt wahnsinnig, wenn man einfach nackt sein kann. Vor allem in der heutigen Zeit wo viele Menschen unter dem Druck des perfekten Körperbildes leiden. Wir sind alles Menschen und mehr oder weniger gleich gebaut. Das ist für viele auch die Kernerkenntnis solcher Kurse: Dass es etwas völlig normales ist, zusammenzukommen als Menschen und Nacktheit zu teilen und gemeinsam über Sexualität zu lernen und zu erforschen.
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