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Talaya Schmid in der Galerie Königbüro. Bilder: Elio Donauer

«Ich will die Zensur der Pornografie in unserer Gesellschaft aufbrechen»

Am 26. November eröffnet die feministische Künstlerin und Mitbegründerin der Porny Days, Talaya Schmid, ihre Ausstellung «Radical Soft» in der Galerie Königbüro. Wir haben uns mit der Zürcherin über den dort geplanten «United Nipple Altar» unterhalten, darüber, was man sich unter einer «Guided Group Masturbation» vorstellen muss und weshalb sie es bereichernd findet, Grenzen zu überschreiten und sich seinen Ängsten zu stellen.
20. November 2021

Von Sari Pamer

Die Künstlerin Talaya Schmid und die Kunstvermittlerin Susanne König stecken mitten in den Vorbereitungen für die Ausstellung «Radical Soft», die am 27. November Vernissage feiert. Der Boden von Susannes Galerie Königbüro, die sich in einer ehemaligen Wäscherei in Wiedikon befindet, ist übersät mit Kunstwerken, bunten Tuftteppichen mit der Vulva als Motiv. Sie sollen die Auseinandersetzung mit Sexualität, dem weiblichen Geschlecht und unserem Umgang damit fördern. Begeistert berichten Talaya und Susanne, welche Ausstellungsstücke wohin kommen und was wie inszeniert wird. Obwohl sich die beiden Frauen noch nicht lange kennen, wirken sie bereits wie ein eingespieltes Team.

Susanne arbeitet seit 15 Jahren in der Kunstbranche, anfangs in grösseren Institutionen. Mit der eigenen Galerie befindet sie sich nun an der Schnittstelle zwischen der Kunst und dem Publikum. Besonders wichtig ist ihr, sich für Künstler:innen mit einer starken Haltung und eigenständiger Ästhetik und ganz besonders für feministische Kunst und Diversität einzusetzen.

Für Künstlerinnen wie Talaya Schmid zum Beispiel. Die Zürcherin ist Mitgründerin und Organisatorin des seit 2012 jährlich stattfindenden Film und Kunst Festivals Porny Days zum Thema Sexualitäten und Gender. Im selben Jahr gründete sie in London das feministische KOCH Kollektiv (früher Berta Koch). 2014 wurde sie für den Swiss Art Award und für den Performancepreis Schweiz nominiert. Für Tsüri.ch hat sie ihre Vorbereitungen in der Galerie kurz unterbrochen und mit uns über ihre Arbeit und die Hintergründe gesprochen.

Sari Palmer: Welche Kunstwerke stellst du in «Radical Soft» aus?

Talaya Schmid: Der «United Nipple Altar» ist das erste fertige Kunstwerk der Ausstellung. Dieser besteht aus vielen kleinen getufteten Teppichen, die im ganzen Raum verteilt an den Wänden hängen. Die Anordnung der einzelnen Teile variiert bei jeder Ausstellung. Auch der Einsatz der Teppiche ändert sich je nach Anlass. In dieser Ausstellung werden die Einzelteile des «Nipple Altar» als Bilder an die Wand gehängt, bei Performances dienen sie als Teppich, um den Bühnenraum abzugrenzen.

Ausserdem kommt den Leerstellen des Teppichs auch eine grosse Bedeutung zu. Im zweiten Raum befinden sich zwei modulare getuftete Teppiche und eine Lesenische, für meine neue Publikation «CUNT». Ausserdem wird ein «Feminist Porn», den ich selbst drehte, zu sehen sein. Alle Kunstwerke sind miteinander verbunden durch eine Haltung, umgesetzt in verschiedenen Formaten oder Medien.

Deine Skulpturen werden als «kritisch und humorvoll» beschrieben – was ist damit gemeint?

In meinen Arbeiten behandle ich beispielsweise Themen wie Sexualität oder Pornografie. Solche Thematiken werden ansonsten oft in einem ernsten Kontext verhandelt. Ich versuche dieser Ernsthaftigkeit entgegenzuwirken, indem ich mit Farben und Formen eine gewisse Verspieltheit in die Kunstwerke und dadurch auch in die Themenfelder bringe. Dennoch möchte ich mich mit meiner Arbeit für feministische Themen einsetzen und mich für den Paradigmenwechsel von Frauen in der Kunst einsetzen.

Viele denken, dass ich einfach provozieren will, obwohl mich das in erster Linie nicht interessiert.
Talaya Schmid

Ist das also das Ziel dieser Ausstellung?

Ja, damit möchte ich ein Zeichen setzen. Auch mit meiner Publikation, welche im Kollektiv entstanden ist, möchte ich Personen mit einer Vulva Raum geben, der ihnen sonst oft verwehrt bleibt. Mit dem selbst gedrehten «Feminist Porn» verfolge ich zum Beispiel das Ziel, die Zensur der Pornografie in unserer Gesellschaft aufzubrechen, denn ein Viertel der Klicks online führen zu pornografischen Inhalten und dieser Tatsache muss ins Auge geblickt werden.

Dabei interessiert mich, inwiefern Pornografie auch als kulturelle und künstlerische Praxis Gesellschaftsnormen rund um Sexualität und Körper infrage stellen kann. Ausserdem möchte ich es als Medium nutzen, um Rollen(-bilder) zu hinterfragen. Ich wähle meine Titel für die Arbeiten, weil sie mir gefallen, nicht weil sie provozieren sollen.

Wie spielt der Titel «Radical Soft» mit dem Inhalt der Ausstellung zusammen?

Hier geht es auch wieder darum, dass man im ersten Moment vielleicht das Gefühl hat, dass sich Radikalität und Weichheit gegenseitig ausschliessen, jedoch sind beide Komponenten in vielen meiner Arbeiten drin. Beispielsweise haben wir den Porno auf einem der Teppiche, der auch in der Ausstellung zu sehen ist, gedreht, sowie für eine «Guided Masturbation» benutzt.

Also alles sehr radikale Dinge und gleichzeitig hat es einen Raum geboten, in dem solche Dinge stattfinden konnten. Das weiche Material und die farbenfrohe Gestaltung des Teppichs zeigen den vermeintlichen Gegensatz. Meine Arbeiten wirken im Allgemeinen auf den ersten Blick radikal oder krasser, als sie tatsächlich sind. Mir gefallen die markanten Titel im Gegensatz zum Inhalt, der dann doch eher feinfühlig ist.

Unter einer «Guided Group Masturbation» muss man sich vor allem eine Ganzkörpermeditation vorstellen. Ausserdem finde ich es bereichernd, eine Grenze zu überschreiten, sich seiner Angst in gewisser Weise zu stellen und dann aus einer solchen Erfahrung gestärkt, hinauszugehen.

Möchtest du mit deinen Arbeiten bewusst provozieren?

Mir ist bewusst, dass meine Arbeiten provozieren, das war aber nie mein Ansporn. Ich wähle meine Titel für die Arbeiten, weil sie mir gefallen, nicht weil sie provozieren sollen. Viele denken, dass ich einfach provozieren will, obwohl mich das in erster Linie nicht interessiert. Was mich viel mehr erstaunt ist, dass meine Arbeiten immer noch so provokant sind, bzw. aufgenommen werden. Da ich das Gefühl habe, dass ich mich in einem Umfeld bewege, wo sich schon sehr viel verändert hat.

Seit zehn Jahren beschäftigst du dich mit Sexualität, Pornografie und Gender. Was hat sich bereits verändert und wo braucht es noch Fortschritt?

Mir geht es vor allem darum, den Freiraum, den ich gewonnen habe, zu behalten. Allgemein sollen die bereits gewonnen Freiräume nicht wieder verschwinden. Aber ich habe auch das Gefühl, dass man sich beispielsweise den ungleichen Verhältnissen von Frauen und Männern im Kunstmarkt zuerst überhaupt bewusst werden muss, damit man darüber sprechen kann.

Kunst soll den Freiraum bieten, solche Missstände auf einer anderen Ebene aufzuzeigen und zu verhandeln. Auf der Ebene meiner Arbeitsweise möchte ich Video als neues Medium vermehrt einsetzen und auch noch mehr ins Skulpturale gehen oder auch meine tragbaren Tuftings weiterentwickeln. Es gibt sehr viele Möglichkeiten und die Arbeiten werden je nach Zeit auch unterschiedlich wahrgenommen.

Vor zehn Jahren wäre es nicht möglich gewesen, einen Porno zu drehen und damit bei den Besucherinnen auf Verständnis zu stossen. Heute ist dies erfreulicherweise möglich. Ich habe einen Freiraum gewonnen, indem es Spass macht, zu arbeiten und die Menschen verstehen, um was es mir geht.

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