Tag 4 ohne Sucht: Hier spielt sich jetzt mein soziales Leben ab

Es ist Donnerstag. Nur noch 3 weitere Tage warten auf Redaktor Timothy Endut in seinem Selbstexperiment «suchtfreie Woche». Seine soziale Plattform hat sich mittlerweile vom Smartphone in die Telefonzelle verschoben. Jetzt täglich auf Tsüri.ch.
22. November 2018

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Gestern habe ich eine halbe Stunde gefroren. Dies nur, um mit meinem sozialen Umfeld in Kontakt zu bleiben. Während ihr den ganzen Tag im endlosen Strom von Buchstaben und Emojis euren gesamten Freund*innenkreis in der Hosentasche herumträgt, gibt es noch Menschen, die sich um ihre Kontakte bemühen müssen.

Meine Schwester hat mir über meinen Mitbewohner zu verstehen gegeben, dass ich sie anrufen soll. Es war bereits 10 Uhr in der Nacht. Trotzdem ziehe ich meine Jacke, meine Schuhe, Kappe und Schal an und trete in den kalten Regen hinaus – nur für ein Telefon. In einer Telefonzelle greife ich zum kalten Hörer und klemme ihn mir zwischen Kappe und Ohr.

Es ist eisig. Also trete ich auf Ort und Stelle, um warm zu bekommen. Meine nassen Schuhe formen einen Kreis, der trocknen wird, bis ich wieder hinaustrete. Denn ich habe es doch geschafft, innert einer halben Stunde ganze 8 Telefonate zu tätigen.

Das weiss ich, denn meine Kreditkarte funktioniert jetzt nicht mehr lange, weil mir Swisscom ebensovielmal 50 Franken pro Anruf abgezogen hat – provisorisch natürlich. Die Telefonzelle hat mich ruiniert – provisorisch. Wenigstens hat es sich gelohnt.

Na super. Jetzt kann ich nur noch einen Anruf tätigen.

Denn diese 8 Telefonate waren wie ein Ruf aus Zeiten vor dem Smartphone. Aus Zeiten, als man noch existieren und Kontakt halten konnte, ohne einen steten Strom von Text- und Sprachnachrichten. Zu dieser Zeit, so bin ich mir sicher, hat man bewusster kommuniziert.

Gestern habe ich mir wissentlich Zeit genommen, um meine Eltern anzurufen. Es war kein Nebenbei. Es war nicht eine lästige Textnachricht von vielen, die beantwortet werden müssen. Nein, es war ein ehrlicher Anruf, bloss um zu wissen, wie es ihnen geht. Diese Telefonate werden durch die Smartphones immer mehr zur Rarität.

Momentan ist es echt kalt. Auch in einer Telefonzelle.

Denn, weshalb sollte man sich noch Zeit nehmen für einen Anruf? Man kann ja immer, stetig kommunizieren, muss dafür weder Zeit freischaufeln noch ein Gerät aufsuchen. Die ganze kommunikative Welt ist immer und überall direkt in deinen Händen zugänglich: Ein direktes Tor zu all deinen Freund*innen.

Das hat viele Vorteile, die wir auch alle geniessen. Keine Frage. Doch wie achtsam gehen wir noch mit all unseren Kontakten um? Oder werden sie nicht wenigstens zum Teil zu einem Abarbeiten, wie wir es kennen von der Mailbox? Wir kommunizieren zwar so oft wie noch nie. Doch kommunizieren wir wahrhaftig? Für meinen Teil hat mir meine suchtfreie Woche gelernt, dass ich es wohl nicht immer getan habe.

Der Grund, weshalb meine Schwester einen Rückruf wünschte, war übrigens, weil sie ahnte, dass ich eine Verabredung mit ihr vergessen hatte. Natürlich wusste ich von nichts. Doch jetzt nach dem Gespräch weiss ich genau, wann und wo wir uns treffen und wie ich jenes Lokal finden würde. Dies ohne auch nur eine Notiz oder eine Sprachnachricht, in der ich es nachlesen könnte.

Bilder: Timothy Endut


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