Der erste Tag ohne Zigaretten – Die Hölle, das sind die anderen

Eine ganze Woche ohne Suchtmittel. Daran versucht sich Redaktor Timothy Endut im Selbstexperiment. Es ist zwar erst Anfang Woche, doch im Nikotin-Entzug steckt er schon mittendrin. Jetzt täglich auf Tsüri.ch.
19. November 2018

Gestern bin ich kurz vor Mitternacht überhastet auf den Balkon gestürmt, um meine letzten zwei Zigaretten zu rauchen. Seit da sind 9 Stunden vergangen, ich merke noch nichts davon. Doch nur weil ich glücklicherweise verpennt habe und gar nicht erst Zeit finde, um an die allmorgendliche Zigarette auf dem Balkon zu denken.


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Ja, ich gehöre zu jenen Menschen, die morgens aufstehen und als allererstes eine Zigarette rauchen. Täglich rauche ich ein ganzes Pack. Heute nicht. Heute stehen mir ganze 7 Tage ohne Nikotin bevor. Das Selbstexperiment kann beginnen.

Qualm ist schön

Eigentlich verzichte ich ja auf mehr als nur Zigaretten. Nämlich auch auf mein Smartphone, meinen Laptop, meine Playstation, auf Alkohol und Koffein. Kurz: auf alles, was Suchtpotenzial hat. Doch ich kann nur an eines denken: Rauchen!

Auf all das verzichtet Timothy Endut diese Woche. (Foto: Timothy Endut)

Knapp eine Stunde nach dem Aufstehen macht sich der Wunsch nach einer Zigarette das erste Mal bemerkbar. Ich sitze mit Co-Chefredaktor Marco im Restaurant Viadukt und bespreche den Wochenplan von Tsüri.ch, während draussen zwei Mitarbeiter*innen eine Rauchpause machen.

Der Qualm steigt derart schön in den Himmel auf, man darf sich ernsthaft fragen, weshalb man nicht rauchen sollte. Wieso nicht? Ich habe es versprochen.

Nach 10,5 Stunden ohne Nikotin steht bereits die nächste Sitzung an. Ich merke langsam, wie meine Konzentration nachlässt. Ich sehe die Leute plappern, doch ich verstehe kein Wort. Ich schaue sie an und nicke. Mehr kann ich gerade nicht dazu beitragen. Doch bald ist es ja vorbei.

Nichts macht mehr Spass, ausser...

Ich tröste mich mit folgendem Gedanken: Ich würde dann nett lächelnd aufstehen, meine Jacke anziehen, schnell, aber nicht hastig zur Tür gehen, sie öffnen, in den Himmel schauen und tief Luft holen. Dann würde meine linke Hand langsam zur Brusttasche wandern, während meine rechte nach dem Feuerzeug sucht und dann endlich – dann würde ich tief Luft holen und... Schluss jetzt! Denk nicht daran!

Tausendmal muss ich mir diese Gedanken austreiben. Und immer erst dann, wenn meine Hand die Brusttasche berührt, bemerke ich, was gerade geschehen ist. Ich versuche, mich mit etwas anderem zu trösten. Doch egal was mir einfällt, es steht auf meiner Verbotsliste:

  1. Rauchen
  2. Smartphone
  3. Internet
  4. Gamen
  5. Alkohol
  6. Kaffee

Wenigstens steht endlich das Mittagessen an. Aufs Essen kann ich mich noch freuen. Es ist die letzte Freude im Leben, die mir geblieben ist. Das Essen ist mein letzter Freund. Doch kaum gefreut, folgt die grosse Depression.

Die «Nach-Essens-Ziggi»

Die «Nach-Essens-Ziggi» würde anstehen. Meine Lieblingszigarette. Ich drehe fast durch. Die anderen plappern immer noch – unverständlich. Weshalb lachen sie bloss? Sie regen mich auf. Ich gehe nach draussen, um im wahrsten Sinne des Wortes frische Luft zu schnappen. Nach 13 Stunden ohne Nikotin drehe ich echt fast durch.

Was machen Menschen, die nicht rauchen? Wann machen sie Pause? Wie schaffen sie es, mal kurz durchzuatmen? Wann finden sie Zeit für sich?

Nach 14 Stunden ohne Nikotin und einer weiteren Sitzung gehe ich nach Hause. Mir ist schwindelig, schon seit längerem. Und ich halte meine werten Mitarbeiter*innen nicht mehr aus. Ich rege mich über jede Kleinigkeit auf. Sie finden es lustig, mir beim Entzug zuzuschauen. Ich könnte allen die Köpfe abreissen!

Also flüchte ich nach Hause, um zu arbeiten. Nur um dann dort meinen Mitbewohner anzutreffen, der sagt: «Ich gehe jetzt eins rauchen, imfall». Ich schreie ihn an. Es sind 17 Stunden ohne Nikotin vergangen. Ich habe keine Geduld mehr. Jean-Paul Sartre hat recht: «Die Hölle sind die anderen». Zumindest heute.

Noch immer warten 6 Stunden auf mich. Wahrscheinlich gehe ich einfach früh schlafen. Denn alle Menschen hassen mich und alles, was man alleine machen könnte, wäre gamen oder netflixen. Und das habe ich mir auch verboten. Vielleicht lese ich einfach mal wieder ein Buch.


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Titelbild: Elio Donauer

Tag 2 ohne Sucht: Die Zeit bleibt stehen

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