Tabu-Serie: Jeden Tag kiffen, jeden Tag trinken – und das schon mit 12

Vier Flaschen Schnaps am Tag waren für ihn alltäglich, zehn Gramm Koks keine Seltenheit. Nach mehreren Entzügen ist es Jan* vor zweieinhalb Jahren gelungen, sich dauerhaft von der Abhängigkeit zu lösen. Im Gespräch erzählt er von seinen Erfahrungen und was ihn motiviert, clean zu bleiben.
24. September 2020
Freier Autor, Journalist und Lektor

Unsere Gesellschaft kennt viele Tabus, wenn es um das Thema Gesundheit geht. In der Tabu-Serie porträtieren wir Menschen, die sonst nicht oft zu Wort kommen.


«Alkoholismus und Drogenabhängigkeit kommen nicht vom einen Tag auf den anderen, es ist ein schleichender Prozess» ,erzählt Jan. Bei ihm begann dieser Prozess allerdings schon ziemlich früh: Bereits mit zehn Jahren fing er an, Zigaretten zu rauchen und mit Freunden den Wein der Eltern zu probieren. Mit 12 kaufte er sich eine Literflasche Cognac im Laden, die ihm der Verkäufer anstandslos überreichte. «Ich konnte nicht mal wirklich über den Tresen schauen», erinnert er sich. Der Liter Cognac verursachte die erste Alkoholvergiftung seines Lebens –es sollte nicht die letzte sein. Als er dreizehn Jahre später wieder mit einer Alkoholvergiftung ins Spital kommt, hat er eine so hohe Toleranz aufgebaut, dass er trotz 5,7 Promille noch stehen kann.

Jan sagt, dass neben dem leichten Zugang zu Alkohol auch die strenge Erziehung seiner Eltern eine Rolle gespielt habe: «Sie haben mir viel verboten, aber dadurch habe ich einige Sachen erst recht gemacht. Ich wollte meinen Eltern einen Keil unter die Räder stecken, damit sie mir diese Verbote nicht mehr erteilen. Aber sie haben mir dann noch mehr Verbote gegeben, und so entstand ein Teufelskreis.»

Elektronische Musik und chemische Drogen

Mit 12 fing Jan an, Gras zu rauchen: «Das wurde dann bald zum täglichen Konsum. Jeden Tag kiffen, jeden Tag trinken. Mit 15 kam dann die elektronische Musik und mit ihr die ersten chemischen Sachen: Ecstasy, MDMA, Speed und so.» Mit 18 habe er dann zum ersten Mal gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Seine Freunde sprachen ihn darauf an, dass er zehn Bier trinkt, während es bei ihnen zwei sind. Oder sie fragten ihn, ob bei ihm die Nacht davor mehr als Alkohol im Spiel gewesen sei. «Aber ich wollte es mir nicht eingestehen», sagt Jan: «Ich wollte keinen Stempel auf der Stirn haben, auf dem Alkoholiker oder Drogenabhängiger steht. Stattdessen habe ich nur noch mehr konsumiert, um zu vergessen, dass ich Probleme habe.»

Wegen des Stempels, den man sich selbst aufdrücke, ist Jan auch kein Freund von Selbsthilfegruppen wie den Anonymen Alkoholikern oder Narcotics Anonymous: «Das ist schön und gut für Leute, die eher alleine sind und dadurch Menschen finden, die den gleichen Weg gehen. Aber mir gefällt nicht, dass man bei den Meetings dort ‹Ich bin ein Alkoholiker› beziehungsweise ‹Ich bin ein Süchtiger› sagen muss, bevor man redet. Deshalb habe ich bei den paar Mal, bei denen ich bei den Narcotics Anonymous war, auch nie geredet, sondern immer nur zugehört.» Jan fände es besser, wenn dort von Alkohol-, beziehungsweise Suchtkranken die Rede wäre: «Denn es ist ja eine Krankheit, gegen die man etwas machen kann. ‹Süchtiger› klingt eher nach: Du bist das immer noch. Aber das bin ich ja jetzt nicht mehr.»

Fast alles ausprobiert - Ausser Heroin und Crystal Meth

Jan hat die Krankheit inzwischen besiegt, wie er sagt. Mit ihr leben müsse er aber trotzdem weiter: «Das ist wie bei Leuten, die einen Unfall hatten und danach hinken», erklärt er: «Die müssen auch damit leben. Es bleibt sozusagen immer da. Für mich heisst das, dass ich immer auf der Hut sein muss. Denn sobald ich ein Bier trinke, werden daraus drei, vier Flaschen Schnaps am Tag. Und wenn ich zehn Gramm Kokain habe, dann ziehe ich die zehn Gramm leer. Ich höre nicht auf, bis sie weg sind. Ich war ein Exzessiv-Konsument.»

Entweder du gewinnst oder du verlierst, aber dann verlierst du ganz
Jan

Jan war nicht nur Exzessiv-, sondern auch Mischkonsument. Zusammen mit Alkohol hat er ausser Heroin und Crystal Meth fast alles ausprobiert. Weil seine engen Freunde keine harten Drogen konsumieren, machte er diese Rauscherfahrungen oft mit «Konsumkollegen», wie er sie nennt. Einen von ihnen kannte er seit seiner Kindheit, sie machten zusammen gerne Drogenexpeditionen, auch auf LSD.

Gerade diese Droge wird Jan zufolge zu oft unterschätzt: «Es ist der Schlüssel zu einer anderen Welt, aber du kannst diese Welt auch betreten und nie wieder raus kommen. So habe ich diesen Freund verloren. Er kommt nicht mehr aus der psychiatrischen Anstalt heraus, weil er darauf hängengeblieben ist.» Beide hatten sich vorher zu dem Thema belesen und waren gut informiert, erzählt er: «Wir wussten beide, dass es auch ins Auge gehen kann. LSD ist einfach sehr gefährlich. Du machst nur ein Tröpfchen auf den Würfelzucker. Es kann aber sein, dass der Dealer mehr in die Pipette reingemacht hat und dann war das halt ein grösserer Tropfen. Das kann schon die Überdosis sein. Es ist ein Spiel mit dem Feuer.

Wenn man nach der Party voll besoffen heimkommt und am Morgen aufwacht möchte man nur Wasser trinken und nicht weitertrinken. Und ich habe immer weitergetrunken.
Jan

Bei Alkohol dagegen sei vor allem der kalte Entzug gefährlich, wie Jan berichtet: «Ich habe ungefähr schon zehn Mal kalt entzogen, aber das Maximum, das ich geschafft habe, waren vier Wochen. Beim letzten Mal bin ich in ein Delirium tremens gekommen, und das wünsche ich keinem. Seitdem habe ich nicht mehr selbst entzogen, sondern mich in stationären Aufenthalt begeben.» Das Delirium tremens oder Alkoholentzugssyndrom ist ein Zustand starker Verwirrtheit in Kombination mit Krampfanfällen, der schnell tödlich enden kann. «Ich habe in dem Zustand meinen Koffer aus dem Keller geholt und ihn mit Besteck, Geschirr und Kaffeetassen gepackt»,erzählt Jan: «In dem Moment weiss man überhaupt nicht, was man tut. Da könnte man auch vom Balkon springen.»

Nie offen über Abhängigkeit gesprochen

Mit seinen Freunden hat Jan nie offen über seine Abhängigkeit gesprochen, auch nicht über den Alkoholismus. Aber sie wüssten schon, dass er abhängig gewesen sei: «Die können ja eins und eins zusammenzählen. Sie waren ja oft mit mir in den Ferien und da habe ich schon morgens angefangen, Schnaps zu trinken. Das tut ja kein normaler Mensch. Wenn man nach der Party voll besoffen heimkommt und am Morgen aufwacht möchte man nur Wasser trinken und nicht weiter trinken. Und ich habe immer weiter getrunken.»

Auch dass der heute 30-Jährige sich vor fünf Jahren zum ersten Mal in eine Entzugsklinik begeben und eine Therapie gemacht hat, hat er seinen engsten Freunden nie erzählt. »So lange sie mich nicht darauf ansprechen, muss ich mit ihnen ja nicht darüber reden», meint er, denn es sei «gut, so wie es ist. Sie wissen ja Bescheid, sie haben mich ja gesehen. Es würde nur nochmals bestätigen, was sie die ganze Zeit gewusst haben. Da fühlt man sich doch blöd. Das ist wie jeden Tag den gleichen Fehler zu machen und danach zum Chef zu gehen und zu sagen: Ich habe das übrigens immer falsch gemacht. Der wusste das ja die ganze Zeit.»

Als hätte man Ketten an

Ansonsten gehe er damit aber offen um. Seinem Arbeitgeber habe er schon bei der Bewerbung Bescheid gegeben und die Verwandten, denen er von der Therapie erzählt habe, seien froh gewesen, dass er endlich etwas mache. Auch seine Freundin wisse es und käme gut damit klar.

Insgesamt hat Jan jetzt fünf stationäre Entzüge hinter sich, den letzten vor zweieinhalb Jahren. «Seitdem bin ich komplett clean», sagt er stolz. Dadurch, dass man es durchziehe und zu vielen Sachen Nein sagen könne, verdiene man sich auch einen gewissen Respekt bei den Leuten: «Denn versuche erst mal, ein Jahr lang nicht mehr zu trinken, oder wenn du rauchst, nicht mehr zu rauchen.»

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«Das abhängige Leben kann man beschreiben, als hätte man Ketten an», erklärt Jan: «Man ist wie gefangen und kann nicht alles machen. Aber wenn man nicht konsumiert, hat man die absolute Freiheit: Ich fahre Mountainbike, bin bei der freiwilligen Feuerwehr, arbeite zu hundert Prozent. Ich erfreue mich am Leben, habe eine sehr schöne Freundin und wir erleben so viel. Wenn ich konsumiere, kann ich das alles nicht machen. Dann beginnt mein komplettes Leben, auseinanderzubrechen und ich lebe nur noch für den Konsum. Das ist es, was mich motiviert, einfach weiter zu leben.»

*Name von der Redaktion geändert

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