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(Bild: Pixabay)

Synthetische Pestizide – worum geht es eigentlich?

Präsentiert von Greenpeace
Die Giftstoffe wirken in unserem Körper wie Hormone und sind zum Beispiel für ungeborene Kinder schädlich. Warum es also falsch war, die Volksinitiative abzulehnen, erklärt Dr.med. Jérôme Tschudi.
30. August 2021

Kolumne von Dr.med. Jérôme Tschudi, Facharzt für Chirurgie, speziell Bauchchirurgie, Langjähriger Unterstützer von Greenpeace Schweiz


Am 13. Juni haben wir darüber abgestimmt, ob wir synthetische Pestizide verbieten wollten. Weil es uns gut geht, weil die meisten 90-jährig werden, weil die Behörden immer wiederholen, wie sicher sie sind, haben wir das Verbot abgelehnt. Ja warum nicht? Oder hast du je,als ein Pestizid auf deinem Teller gesehen? Ich auch nicht.

Pestizide sieht man im Essen nicht, aber das gilt auch für Covid-19. Das Coronavirus macht krank und kann tödlich sein. Also folgen wir den Anweisungen der Behörden.

Pestizide töten nicht, wenn man nicht davon trinkt, um sich umzubringen... Und genau das wurde untersucht, bevor die Gifte auf dem Markt gebracht wurden. Wieviel man maximal davon einnehmen darf, ohne akut schwer krank zu werden. Das Ziel wurde erreicht: niemand wird nach dem Essen sofort krank, und wenn ja, dann waren Bakterien oder Viren im Spiel und nicht Pestizide. Ist unser Essen also sicher?

So einfach ist es nicht. Wenn ich mich verliebe, dann wird mein Körper mit Hormonen überschwemmt. Hormone sind Botenstoffe, die das Zusammenspiel der verschiedenen Organe koordinieren. In unserem Beispiel führt das zu Herzklopfen, Schmetterlingen im Bauch und dem typischen Verhalten von Verliebten. Das kann Folgen haben, wie ein Kind ein Kind. Hormone wirken in kleinsten Dosen von millionstel Gramm.

Hier kommen die synthetischen Pestizide ins Spiel. Es gibt sie in der Natur nicht, sie wurden von uns Menschen entwickelt, um sogenannte Schädlinge zu töten. Mehr als die Hälfte wurden so konstruiert, dass sie wie Hormone wirken. Sie stören damit unsere körpereigenen Hormonsignale und bringen die Steuerung durcheinander.

Das kann dazu führen, dass die Entwicklung des kindlichen Gehirns gestört wird mit Intelligenzverlust oder Verhaltensstörungen wie Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität (ADHS), Autismus oder psychischen Erkrankungen. Beim ungeborenen Kind kommt es zu Missbildungen.

Pestizide werden im Zulassungsverfahren nicht auf ihre Hormonwirkung untersucht.

Ganz besonders schlimm sind die Veränderungen des Erbguts und seiner Funktionen, denn diese sind vererbbar und führen zu Krankheiten, die nicht nur das Kind selbst betreffen, dessen Mutter die Pestizide eingenommen hat, sondern auch die nächsten Generationen. Damit hängt die Zunahme der Zivilisationskrankheiten zusammen wie Übergewicht, Zuckerkrankheit, Unfruchtbarkeit und nicht zuletzt Krebs. Diese Folgeschäden treten erst Jahrzehnte später auf, wenn der Zusammenhang mit der Einnahme von Pestiziden nicht mehr offensichtlich ist.

Wie kann man diese Zusammenhänge überhaupt nachweisen? In der Kriminalistik sucht man nach DNA-Spuren von Täter:innen am Tatort. Die Wirkung von Pestiziden lässt sich im Labor am Erbgut menschlicher Zellen untersuchen. Oder man misst im Blut und im Urin von Schwangeren, wieviel Pestizide darin vorhanden sind. Bei tausenden von Schwangeren lässt sich so nachweisen, dass diejenigen, die die höchsten Konzentrationen aufweisen, auch die Kinder mit den grössten Gesundheitsschäden zur Welt bringen. Pestizide werden im Zulassungsverfahren nicht auf ihre Hormonwirkung untersucht.

Konventionell mit Pestiziden hergestellte Nahrung enthält immer Spuren davon. Über die Jahre kommen so bedeutende Mengen in unseren Körper, wo sie sich anreichern, weil nicht das ganze Gift wieder ausgeschieden wird. Sie sind an der Zunahme von vorzeitigen Demenzen wie Alzheimer beteiligt.

Problematisch ist ausserdem die Langlebigkeit dieser Stoffe. Einmal ausgebracht, werden sie nicht oder nur sehr langsam über Jahrzehnte oder länger abgebaut. Man findet sie überall: in den Böden, in der Luft, in Gewässern und auch im Trinkwasser. Je genauer man danach sucht, umso mehr lassen sich davon nachweisen. Schlafmittel und Alkohol verstärken sich gegenseitig. Das können Pestizide auch. Das nennt sich dann Cocktail-Effekt.

Die Aufgabe ist kolossal und die Totalrevision wird aller Wahrscheinlichkeit nach versanden...

Die EU hat erkannt, dass das heutige System zur Zulassung von Pestiziden nicht genügt und strebt eine Totalrevision an. Innert 15 Jahren ist es ihr bisher gelungen, eine Leitlinie zur Identifikation von hormonwirksamen Pestiziden herauszugeben, die noch nicht umgesetzt ist. Die Schweizer Behörden haben eine Studie zum Cocktail-Effekt erstellen lassen. Die Aufgabe ist kolossal und die Totalrevision wird aller Wahrscheinlichkeit nach versanden oder nicht umsetzbar sein.

Kolumne von Greenpeace
Während des Landwirtschaftsfokus publiziert unser Hauptsponsor Greenpeace ab Mitte August immer am Montag eine Kolumne. Dabei werden Themen wie das Landwirtschaftssystem, die Massentierhaltung, genveränderte Kühe und viele weitere diskutiert.

Bis dann werden unsere Behörden weiterhin behaupten, dass die Pestizide vor ihrer Zulassung sorgfältig geprüft werden und sicher sind. Zur Bekämpfung der beiden Pestizidinitiativen wurden enorme Geldbeträge eingesetzt, weil sich mit Pestiziden auch sehr viel Geld verdienen lässt.

War die Ablehnung der Pestizidinitiativen also falsch? Aus ärztlicher Sicht ja. Und dasselbe gilt für den Schutz der Biodiversität und des Klimas. Die Schlacht ist verloren, der Krieg damit noch lange nicht. 40 Prozent der Bevölkerung haben die Initiativen unterstützt und es werden immer mehr. Bleiben Sie dran.


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