Von Isabel Brun

Redaktorin & Klima-Redaktorin

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13. Mai 2022 um 04:00

Klimaexperte zu Swiss Overshoot Day: «Auch Zürich war zu zögerlich»

Vom 1. Januar bis zum 13. Mai hat die Schweiz mehr natürliche Rohstoffe verbraucht, als sie reproduzieren kann. Das ist weder nachhaltig, noch wirtschaftlich sinnvoll. Was der Ukraine-Krieg mit dem Klima zu tun hat, wie Lösungen aussehen und wo Zürich es noch besser machen könnte.

Wird eine Welt reichen? (Foto: Unsplash)

«Lebten alle so wie die Bewohner:innen der Schweiz, bräuchte es fast drei Erden, um alle Menschen zu versorgen», so Mathis Wackernagel, «bedeutet auch: Wir verbrauchen dreimal so viele Ressourcen, wie die Erden erneuern kann.» Wackernagel ist Präsident der Organisation «Global Foodprint Network» und wohl der berühmteste Schweizer, wenn es um Berechnungen zum Thema Nachhaltigkeit geht. Der Erfinder des «ökologischen Fussabdrucks» weiss: «Das Nadelöhr der Welt ist die Regenerationsfähigkeit unseres Planeten.» Und diese sei stark bedroht.

Was Versorgungssicherheit mit dem Klima zu tun hat

Der Overshoot Day bezeichnet den Tag, ab dem pro Person durchschnittlich mehr Ressourcen – also Energie, aber auch Nahrung und natürliche Materialien – verbraucht werden, als die Erde erneuern kann. Dieses Jahr ist dieser in der Schweiz bereits am 13. Mai, also über zwei Monate früher, als der Welterschöpfungstag 2021 war. «Länder mit einer hohen Konsumkraft haben einen viel höheren ökologischen Fussabdruck als Regionen mit niedrigerem Einkommen», führt Wackernagel aus. Das habe auch mit den Möglichkeiten eines Landes zu tun, sich selber zu versorgen und unabhängig zu funktionieren.

«Zürich ist noch übertrieben autoorientiert.»

Mathis Wackernagel, Klimaforscher

So verfügt die Schweiz beispielsweise über weniger biologische Ressourcen als die Welt insgesamt. Während es also zwar drei Erden bräuchte, um den Bedarf der gesamten Weltbevölkerung zu decken, würde es 4,4 Mal die Schweiz benötigen, um genügend für Schweizer:innen zu produzieren. Kein Wunder also wird ein Grossteil unserer Rohstoffe importiert. Laut dem Global Foodprint Network stammen zwei Drittel unserer Nahrungsmittel aus dem Ausland. Ob sich ein Land selber versorgen kann, hat laut Wackernagel also indirekt auch Auswirkungen auf seinen ökologischen Fussabdruck und somit aufs Klima. 

Die Versorgungssicherheit sei nicht nur bei der Ernährung Thema geworden, sagte der Bauunternehmer Patrick Eberhard an der Medienkonferenz zum Swiss Overshoot Day vergangenen Dienstag. Die Bauwirtschaft sei seit der russischen Invasion in der Ukraine das erste Mal von einer Teuerung betroffen gewesen, weil einige Materialien nicht mehr importiert werden konnten und deshalb knapper wurden. Gleichzeitig zählt Eberhards Branche zu den klimaschädlichsten überhaupt: Gemäss Bundesamt für Umwelt machen über 80 Prozent des schweizweiten Abfalls unverschmutzte Aushub- und Ausbruchmaterialien sowie Rückbaumaterialien aus. Diese zu rezyklieren wäre umweltfreundlicher und kostengünstiger, so der Unternehmer: «Der Weg hin zur Kreislaufwirtschaft ist deshalb nicht nur aus ökologischer, sondern auch ökonomischer Sicht erstrebenswert.» 

Ab dem 13. Mai 2022 leben wir bis zum Ende des Jahres auf Pump. (Grafik: overshootday.org)

«Grünes» Wirtschaften

Die Lebenszyklen von Baumaterialien zu verlängern, ist laut Wackernagel einer der «Quickfixes» und dass sich ein Unternehmen wie das von Eberhard bemüht, den Wandel voranzubringen, stimmt ihn hoffnungsvoll. Trotzdem sei mehr Handeln nötig, damit der nächste Swiss Overshoot Day ferner in die Zukunft rückt. Zumal die Schweiz genügend Innovationskraft hätte: «Sie müsste einfach schneller vorwärts machen, als sie es jetzt tut.» Wie dringend es ist, zeigt einmal mehr ein aktueller Bericht der Weltorganisation für Meteorologie. Gemäss den Wissenschaftler:innen liegt das Risiko, dass die global Erwärmung die Marke von 1,5 Grad in einem der kommenden fünf Jahre erreicht, bei fast 50 Prozent. Als diese Temperaturgrenze 2015 im Pariser Klimaabkommen definiert wurde, schloss man es noch praktisch aus, dass sowas passieren könnte.

Wackernagel, der zwar in Basel aufgewachsen ist, heute aber in Kalifornien lebt, kann sich angesichts der Dringlichkeit deshalb nicht erklären, weshalb Massnahmen wie das CO2-Gesetz vergangenen Juni nicht angenommen werden: «Der Schweiz scheint die Entschlossenheit zu fehlen, sich angemessen auf die voraussehbare Zukunft des Klimawandels und der Ressourcenknappheit vorzubereiten.» Zwar würden Grossfirmen und auch der Finanzplatz aus Eigeninteresse vermehrt in nachhaltige Energieträger anstatt in den Abbau von Kohle investieren, doch die Politik müsse noch bessere Rahmenbedingungen für eine grüne Wirtschaft schaffen, sagt der Klimaforscher. 

Alle sind zu langsam

Auch Zürich habe einiges nachzuholen – trotz links-grünen Regierungen. Diese seien in der Vergangenheit zu zögerlich gewesen; zum Beispiel bei der Einführung von ausgeweiteten Fussgängerzonen und effektiven Velowegen, wie das viele andere europäische Städte kennen, so Wackernagel, «und noch ist die Stadt übertrieben autoorientiert.» Ebenfalls zu denken gebe ihm, dass «die Stadt Abfall verbrennt und das CO2-neutral nennt»; das sei «absurd». Zumal Abfall eine höhere CO2-Intensität pro Kilowattstunde habe als Kohle. «Das zeigt, dass die Stadtingenieur:innen den Kohlenstoffkreislauf nicht richtig verstehen», so der Vorwurf des Experten. Immerhin in einem Bereich habe man Fortschritte erzielt: Die thermische Qualität der Häuser sei besser geworden, sagt Wackernagel: «Doch wir sind sehr langsam, weltweit und in Zürich.»

«Global Foodprint Network»

Das Global Footprint Network ist eine Non-Profit-Organisation mit Sitz in Oakland, die mithilfe des Berechnungssystems des ökologischen Fussabdrucks versucht, (klima)politische Entscheidungen voranzutreiben. Gründer und Präsident des Netzwerks ist der in Basel aufgewachsene Klimaforscher Mathis Wackernagel, der zusammen mit dem Ökologen William Rees das Konzept entwickelt hat. Der ökologische Fussabdruck gilt als Indikator für Nachhaltigkeit. Das Global Foodprint Network gibt es seit 2003.

Mathis Wackernagel. (Foto: zVg)