💊Fokus Gesundheit 💊

Photo by chuttersnap on Unsplash

«In eine Abhängigkeit gerät man nicht von heute auf morgen, sprich nach drei, vier Gläsern Glühwein»

Hier ein Apéro, da ein Glühwein, happy Weihnachtsessen. Der eh schon omnipräsente Alkohol erlebt in der Weihnachtszeit eine Hochkonjunktur. Wie viel ist zu viel? Und können Rauschmittel helfen, mit Druck umzugehen? Marcel Reuss von der Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich hat unsere Fragen beantwortet.
12. Dezember 2019
Chefredaktor

Simon Jacoby: In der Vorweihnachtszeit befinden sich viele Menschen im Jahresendstress. Sind wir in dieser Zeit besonders suchtgefährdet?

Marcel Reuss: Nein, würde ich nicht sagen. In eine Abhängigkeit gerät man nicht von heute auf morgen, sprich nach drei, vier Gläsern Glühwein. Eine Abhängigkeit entwickelt sich, wobei die Grenzen fliessend sind. Die Substanz spielt da eine Rolle, die eigene Verfassung, wie man mit Belastungen umgeht. Wer Alkohol als Problemlöser begreift, läuft vielmehr Gefahr, eine Abhängigkeit zu entwickeln, als wenn er oder sie in der Vorweihnachtszeit über die Stränge schlägt, denn dazu laden diese Tage tatsächlich ein.

Neigen Menschen unter Druck häufiger zu problematischem Konsum?

Zumindest dürfte der Wunsch da sein, sich des Drucks zu entledigen. Doch wie? Wie gesagt, Alkohol oder Cannabis lösen keine Probleme. Sie können Probleme aber kurzzeitig in den Hintergrund drängen. Insofern gibt es einen Zusammenhang zwischen Drucksituationen und problematischem Konsum, insbesondere wenn der Stress ein permanenter ist. Die Frage wäre dann, was für andere Strategien hat man, um mit Stress oder Problemen umzugehen? Sport treiben? Sich zerstreuen? Sich eventuell sogar beraten lassen?

Zu welchen Substanzen wird zuerst gegriffen?

Klare Nummer 1 ist der Alkohol. Er wird fast überall, rund um die Uhr und billig verkauft, und die meisten haben Erfahrung im Umgang.

Hier ein Apéro, da ein Glühweinstand, dazu kommen Weihnachtsessen und später Silvester. Überall fliesst der Alkohol. Wie können wir hier einer Sucht vorbeugen?

Wie erwähnt, es geht weniger um Sucht oder Abhängigkeit als die Frage, wo hört der Genuss auf? Wo verliert man das Mass? Was hilft: Langsam trinken und geniessen. Auf ein Glas Wein, ein Glas Wasser trinken und immer wieder alkoholfreie Tage einschalten.

Gibt es einen Punkt, ab wann man klar sagen kann: «Das hier ist kein Genuss mehr, das ist Sucht.»

Hat man zu viel getrunken, hat man hinterher mit einiger Wahrscheinlichkeit einen Kater. Abhängig ist man deswegen noch nicht. Bei Zigaretten sieht das allerdings oft anders aus. Wer das Rauchen aufgegeben hat, und nur so zum Spass eine, zwei Zigaretten rauchen will, der ist schneller zurück in der alten Sucht als ihm lieb ist. Das macht eine Sucht im Übrigen auch aus: Dass man ein starkes Verlangen spürt, weiter zu konsumieren, selbst wenn negative Auswirkungen schon spürbar sind.

Was raten Sie Menschen, die sich für den Januar oder das neue Jahr vornehmen, zum Beispiel weniger zu rauchen, weniger zu trinken oder weniger zu kiffen?

Pausen einlegen. Alkoholfreie Tage einschalten oder sich vornehmen nur noch bei besonderen Gelegenheiten zu trinken. Da merkt man nebenbei, welche Bedeutung der Alkohol im eigenen Leben hat. Beim Rauchen dürfte das mit der Pause nicht ganz so einfach sein, siehe die Antwort zuvor. Da hilft bei den meisten nur eines: ganz aufhören damit.

Gibt es gute Tipps und Tricks, die helfen können, das Vorhaben zu schaffen?

Da gibt es viele: Etwa Freund*innen von seinem Vorhaben erzählen. Es gemeinsam mit Freund*innen versuchen. Sich ein Ziel setzen und sich belohnen, wenn man es erreicht. Was man bei allen Tipps und Tricks aber sagen muss, Rückfälle in alte Muster sind alles andere als selten. Und: Geht es um wirklich riskanten Konsum, hinter dem sich anderes verbirgt, kann man kaum was besser für sich tun, als Rat und Hilfe zu holen.

member ad

Kommentare

Nöd Jetzt!