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Das feministische Streikkollektiv erinnerte uns daran, wie wichtig es ist, aktivistisch tätig zu bleiben. (Foto: Elio Donauer)

In Erinnerungen schwelgen und Sturmmasken basteln – das war der «Misch dich ein!»-Spaziergang

Die Jugendunruhen in den 80ern war der Anfang, doch auch heute wird Aktivismus in der Stadt Zürich rege gelebt. Am Tsüri-Spaziergang zum Fokusmonat «Misch dich ein!» lauschten wir dem Foto-Journalisten Miklós Klaus Rózsa zu den Kämpfen ums AJZ, besuchten das feministische Streikkollektiv, warfen Pflastersteine und kürten die schönste Sturmmaske.
21. Mai 2021

Der Wettergott war gütig, an diesem Donnerstagabend, dem 20. Mai, in Zürich. Die Sonne scheint und die Freude darüber lässt den Lärm des Car-Motors im Hintergrund beinahe vergessen. Hier, wo Flixbus und Co. ihre Fahrgäste auf- und abladen, treffen wir uns zum «Misch dich ein!»-Spaziergang. Der Carparkplatz am Sihlquai hatte aber nicht immer nur diese Funktion: Vor 41 Jahren wurde auf diesem Gelände das autonome Jugendzentrum (AJZ) eingeweiht. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Opernhaus-Krawallnacht vom 30. Mai 1980, weiss Miklós Klaus Rózsa. Er war als junger Mann Teil der Jugendbewegung – und dokumentierte sie mit seiner Fotokamera. Mit ihm blicken wir zurück in eine Zeit, wo sich viele Stadtzürcher:innen mit ihrer aktivistischen Jugend solidarisierte und die Polizei zum ersten Mal in der Schweizer Geschichte Gummigeschosse verwendete.

(Foto: Elio Donauer)

Hier am Sihlquai hatte es gestanden, das Autonome Jugenzentrum Zürich, kurz AJZ. Miklós Klaus Rózsa (links im Bild) kann sich noch gut daran erinnern, als die Jugendlichen das erste Mal Widerstand leisteten.

Im Mai 1980 genehmigte der Zürcher Stadtrat 60 Millionen Franken für die Renovation des Opernhauses, lehnte jedoch im selben Atemzug die Forderung nach einem autonomen Jugendzentrums ab. Am 30. Mai kam es deshalb zu Demonstrationen vor dem Opernhaus. Welche von der Polizei gewaltvoll aufgelöst werden sollte – doch die Jugendlichen wehrten sich, weshalb es zum Einsatz von Gummischrot kam. Die Nacht der Opernhaus-Krawalle waren prägend für die Geschichte Zürichs.

Am 28. Juni 1980 wird ein verlassenes Gewerbehaus am Sihlquai von Jugendlichen besetzt. Es ist die Geburtsstunde des autonomen Jugendzentrums. Die Polizei versucht mit allen Mitteln dagegen vorzugehen...

...und führt mehrere Razzien durch. «Es war eine Zeit, in der die Polizei aufgerüstet hat – zum Beispiel mit Gummigeschossen und Wasserwerfern», erinnert sich Rózsa.

Die Stimmung bleibt den ganzen Sommer über aufgeheizt. Die meisten Demonstrationen seien jedoch friedlich abgelaufen, so der Fotograf.

Nach langem Kampf und zwischenzeitlicher Bezeichnung als «Konsumtempel», weil sich Drogenkonsument:innen und Dealer:innen darin breit machten, wird das AJZ schliesslich am 23. März 1982 abgerissen.

(Foto: Elio Donauer)

Wer heute auf dem ehemaligen AJZ-Areal unterwegs ist, findet lediglich Cars und wartende Passagier:innen vor – oder eben Tsüri.ch und seine Spaziergang-Teilnehmer:innen.

Zwei Jahre nach dem Abriss am Sihlquai wird das ehemalige Kanzleischulhaus zum neuen Jugendzentrum umfunktioniert und im September 1982 eingeweiht. Heute wird lediglich noch die ehemalige Turnhalle – heute der Kanzlei Club – und das Kino Xenix in diesem Sinne weitergeführt.

Die Frauenbewegung begann zwar bereits früher, in den Achtzigern jedoch sei es Teil der Jugendbewegung geworden. «Der ganze zweite Stock des ehemaligen Kanzleischulhauses ist nur für Frauen zugänglich gewesen», so Rózsa. 1991 erfolgte dann der erste Frauenstreik in der Geschichte der Schweiz.

An den Frauenstreik 1991 kann sich auch der Fotograf noch gut erinnern. Mit den erzählten Erinnerungen im Kopf macht sich die zwanzigköpfige Teilnehmer:innen-Truppe auf den Weg Richtung feministisches Streikhaus, unweit vom Carparkplatz entfernt. Dort angekommen ergreift das feministische Streikkollektiv das Wort. Der Frauenstreik 2019 sei wegweisend gewesen, habe Augen geöffnet und Frauen, Inter- und trans Personen dazu motiviert, aktivistisch tätig zu werden. «Gleichberechtigung ist noch immer nicht existent», sagt die feministische Aktivistin Anna-Béatrice.

Fast 30 Jahre her, doch die Forderungen scheinen noch immer gleich: Ein Plakat vom Frauenstreik am 14. Juni 1991.

(Foto: Elio Donauer)

Das feministische Streikkollektiv belebt seit eineinhalb Jahren das Streikhaus am Sihlquai 115. Hier werden Aktionen geplant, Haare frisiert, Velos repariert – und noch wichtiger: Es wird einen Raum für Frauen, Lesben, Inter-, Non-Binary- und trans, kurz FLINT*, Personen geschaffen.

(Foto: zVg)

Auch der Frauenstreik 2019 wurde von Initiant:innen des feministischen Streikkollektivs aufgegleist. Die ursprüngliche Bewegung sei aus der Westschweiz gekommen, sagt eine Referentin.

(Foto: zVg)

Schweizweit gingen Hunderttausende am 14. Juni 2019 auf die Strassen. Es sei wahnsinnig schön und eindrücklich, aber erst der Anfang gewesen.

(Foto: zVg)

Die Pandemie habe die Lage noch mehr verschärft. Deshalb sei es wichtig, am kommenden 14. Juni wieder laut zu werden. das Kollektiv plane in der ganzen Stadt Aktionen zum 30-jährigen Jubiläum des Frauenstreiks 91.

Nach einer kurzen Verschnaufspause und dem Frönen des Streikhaus-Merchstands wo Feuerzeuge, Caps und Fahnen zum Soli-Preis erstanden werden können, findet der Spaziergang sein krönendes Ende auf dem Park Platz. Nun können sich die Teilnehmer:innen beim Pflastersteinwerfen messen und Sturmmasken basteln. Egal, ob aufgesticktes Herz, Glitzerverzierungen oder einer Gestaltung nach Wrestling-Vorbild – erlaubt ist alles. Auch ein Feierabend-Drink danach.

(Nachfolgende Fotos: Elio Donauer)

(Alle Fotos, falls nicht anders gekennzeichnet: Miklós Klaus Rózsa)

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