Mobilität im Fokus

Bild: Rahel Bains

Zu Besuch in der «Villa Lila»

Am vergangenen 14. Juni war Zürich lila – mehr als 100’000 Frauen gingen für ihre Forderungen auf die Strasse. Doch wie sieht die Situation fast ein Jahr später aus? Für den ersten Teil unserer Serie «Ein Jahr nach dem Frauenstreik» haben wir das feministische Streikhaus am Sihlquai besucht und dort mit Natascha vom Zürcher Streikkollektiv gesprochen. Auf die Frage, ob auch Männer eine Rolle in dieser Bewegung inne haben, sagt Natascha: «Ja! Untätig rumzusitzen bringt niemanden weiter».
18. Mai 2020
Redaktorin

Das feministische Streikhaus gleicht von aussen ein wenig Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt. Zwar hat es keine Türmchen, die aus dem Dach ragen, dafür ein grün, blau, gelb und lila gestrichener Gartenzaun. An den Wänden rund ums Haus stehen Sätze wie «mir sind hässig», «gegen Kapitalismus, mehr Feminismus» und «Schütz dich vor dem patriarchalen Virus!». Das erste Mal betrat ich die «Villa Lila» vor ein paar Monaten. Während auf den Sofas und Sesseln im Gemeinschaftsraum beisammen gesessen und diskutiert wurde, versuchte ich ein Zimmer weiter mit einer Freundin die Kunst des Flamenco-Tanzes zu erlernen. Es fühlte sich gut an, wie wir alle gemeinsam im Rhythmus der Musik auf dem Boden stampften und mal mehr mal weniger gut den Schritten der Tanzlehrerin folgten.

Als ich Natascha (22) vom feministischen Streikkollektiv Zürich vergangene Woche dort treffe, ist das Haus leer. Es sind Zeiten von Corona. Zeiten, in denen Eltern geraten wurde, die Kinder nicht in die Kita zu schicken, die Schulen geschlossen waren und so offen gelegt wurde, was vorher gerne ignoriert wurde: Dass vor allem Frauen Care-Arbeit nebenbei und umsonst leisten. Zeiten, in denen die UN «langfristige Einkommensverluste» für Frauen und einen Einbruch der Frauenerwerbsquote erwarten. Zeiten, in denen zwei deutsche Comedians innerhalb von nur 15 Minuten eine internationale Diskussion über sexuelle Belästigung an Frauen lancieren, während Letztere schon seit Jahrzehnten auf diesen Misstand hinweisen.

Ehe wir auf dem ledernen Sofa Platz nehmen, führt mich Natascha im Streikhaus herum. Wir gehen an den Sitzungszimmern, der Held*inner-Bar, die zu Prä-Coronazeiten an jedem 17. im Monat allen FTIQ*-Personen (Frauen, Trans, Inter und Queer) offen stand, dem mit goldener Folie ausgekleideten Band-Raum sowie dem Atelier vorbei, bis wir wieder in den Aufenthaltsraum zurückkehren.
Natascha hat schulterlanges, blondes Haar und trägt an einem Ohr eine silberfarbene Kreole. Während Vorstellungsrunden – etwa an Sitzungen – benutzt Natascha bewusst kein Pronomen, denn für Natascha spielt das Geschlecht kein Rolle. Letzteres sei nicht mehr als «ein soziales Konstrukt», aus dem es auszubrechen gelte. Auf den Flyern des Kollektivs werden deshalb seit kurzer Zeit etwa nicht mehr nur Frauen angeschrieben, sondern die ganze FTIQ-Gemeinschaft. Natascha findet das «gut und richtig.»

Bild: Rahel Bains

«Wie mobilisiert man nicht nur die Bubble um sich herum?»

Natascha beginnt, von der Entstehung des Streikkollektivs zu erzählen und den ersten Vernetzungstreffen im August 2018, an denen auf den ersten grossen Frauenstreik seit 1991, an dem in den Schweizer Städten rund eine halbe Million Frauen auf die Strasse gegangen sind, hingearbeitet wurde. Vom Zusammentreffen von «Menschen jeglicher politischen Couleur und sonstiger Hintergründe», wie man versucht hat, nicht nur die Bubble um sich herum, sondern einen grossen Teil der Gesellschaft zu mobilisieren. Und schliesslich vom 14. Juni 2019, der Zürichs Strassen lila färbte. «Wir waren an diesem Tag überrascht, wie viele Menschen sich auch ausserhalb des Streikkollektivs organisiert hatten», erinnert sich Natascha.

Im E-Mail-Verteiler des Streikkollektivs sind zwischen 600 und 700 Menschen registriert, aktiv engagiert sich etwa ein Drittel. Darunter auch die Verantwortlichen von «Ni una menos». Die Gruppe hat sich nach dem grossen Streik im vergangenen Jahr gebildet und den Helvetiaplatz kurzerhand für sich in den «NiUnaMenos»-Platz umbenannt. Sobald bekannt wird, dass in der Schweiz eine Frau durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen ist, findet man sich an ebendiesem Platz ein, um lauthals dagegen zu protestieren. Für die Aktivist*innen sind Femizide nur die «traurige Spitze eines Eisberges der täglichen Gewalt an Frauen, Lesben, Inter, Non-Binary und Transpersonen». Ni una Menos, nicht eine weniger – das ist ihr Ziel.

Wenn die Gesellschaft dir zu verstehen gibt, dass du, sobald Mutter geworden, zu Hause bleiben sollst, ist es schwierig, sich dagegen aufzulehnen.
Natascha, Mitglied des Streikkollektivs Zürich

Doch nicht nur häusliche Gewalt beschäftigt das Streikkollektiv, sondern auch Haus- und Care-Arbeit – unterbezahlt oder gar ohne Entlöhnung verrichtet. Natascha: «Durch die Corona-Krise ist offen gelegt worden, was im Bereich Care-Arbeit alles falsch läuft, während zeitgleich auch klar wurde, wie wichtig und eben systemrelevant diese Jobs sind.» Diese Anerkennung sei wichtig, um einen Wandel sprich bessere Löhne, Arbeitsbedingungen und mehr Entlastung zu erreichen.

«Wenn die Gesellschaft dir zu verstehen gibt, dass du, sobald Mutter geworden, zu Hause bleiben sollst, ist es schwierig, sich dagegen aufzulehnen», antwortet Natascha auf die Frage, weshalb sich zum Beispiel Mütter nicht mehr um das Ausscheren der klassischen Rollenverteilung bemühen. Feministische Arbeit soll deshalb motivieren und die Kraft und Inspiration geben, auch die kleinen Sachen im Leben zu ändern und mehr Selbstbestimmung einzufordern. Dies sei bei manchen jedoch ein Prozess, der Zeit brauche.

Verantwortung für ein Kind unter mehreren Personen aufteilen

Ich will wissen, ob Nataschas Generation wohl dereinst das Elternsein in weniger festgelegten gesellschaftlichen Normen leben wird und ob Natascha es in Erwägung zieht, selbst einmal Mutter zu werden. «Ich glaube schon, dass meine Freund*innen und ich das Thema Familie offener leben werden», sagt Natascha und schiebt sogleich nach: «Das aber gleich auf die gesamte Gesellschaft umzumünzen ist vielleicht ein wenig realitätsfern.» Natascha könnte sich – wie viele in ihrem Umfeld – zum Beispiel gut vorstellen, die Verantwortung für ein Kind zwischen mehreren Personen, die nicht per se die leiblichen Eltern sein müssen, aufzuteilen.

Natascha ist nebst dem Streikkollektiv auch im Streikhaus aktiv. Auf die Frage, wie die beiden Organisationen miteinander verbandelt sind, sagt Natascha lachend: «Das ist eine Frage, die wir selber noch klären müssen». Während das Streikkollektiv bislang mehr mit politischen Aktionen gegen Aussen in Erscheinung getreten sei, würden die Verantwortlichen des Streikhauses versuchen, einen Ort zu erschaffen, in dem man sich auf kleinem Raum feministisch vernetzt, zusammenarbeitet und -lebt.

Es ist stets ein Kräftemessen, Parteien können nicht das durchsetzen, was sie wirklich wollen, weil man niemanden abschrecken will.
Natascha, Mitglied des Streikkollektivs Zürich

Für Natascha ist das Haus am Shilquai ein zweites Zuhause: «Ein Ort ohne Hierarchien an dem ich politisch aktiv sein kann, Menschen finde, die gleichgesinnt sind, diskutieren und zwischenmenschliche Beziehungen pflegen kann. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass wir nun eine solch tolle Basis haben? Wahrscheinlich niemand.» Das Streikhaus sei denn auch eine der grössten Errungenschaften seit dem Streik vom vergangenen Jahr.

Natascha freut sich zwar auch darüber, dass in dieser Zeitspanne mehr Frauen in politische Ämter gewählt worden sind, auf institutioneller Ebene geht ihr aber alles grundsätzlich viel zu lange: «Es ist ein stetiges Kräftemessen, Parteien können nicht das durchsetzen, was sie wirklich wollen, weil man niemanden abschrecken will. Man ist zu vorsichtig, um die wirklich wichtigen Dinge zu erreichen.» Dies sei auch der Grund, weshalb das Streikkollektiv keine politischen Initiativen einreiche.

Die Sache mit den Männern

«Und die Männer?», frage ich, «spielen auch sie eine Rolle in dieser Bewegung?» Für einen Wandel brauche es auch Cis-Männer (Als Cis-Mann/Cis-Frau werden vom Streikkollektiv diejenigen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen «bei der Geburt zugewiesen wurde»), findet Natascha. Von ihnen sei oft zu hören, dass sie «gar nichts» machen könnten. Natascha findet aber: «Das können sie sehr wohl, sie müssen sich nur überlegen, was. Untätig rumsitzen bringt niemanden weiter».

Ein aus Männern bestehendes Unterstützungskollektiv koche ab und zu bei grösseren Anlässen für das Streikkollektiv, biete Kinderbetreuung oder Übersetzungen an. «Dann gibt es da noch das Kollektiv Die Feministen, das versucht, sich kritisch mit Männlichkeit und Rollenklischees auseinanderzusetzen», so Natascha. Trotz dieses Engagements sei es aber wichtig, dass das Streikhaus sowie das Streikkollektiv generell nur der FTIQ-Community offen stehe: «Sonst würde sich die ganze Dynamik ändern und es wäre nicht mehr dieser Wohlfühlort, der uns die Möglichkeit gibt, uns ein wenig sicherer zu fühlen.»

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Der schwierige Teil, sich als Kollektiv zu etablieren, sei nun vorbei, sagt Natascha. Nun würden viele Diskussionen anstehen, in denen man darüber befinden will, wie man sich inhaltlich weiterentwickeln kann oder wie das Streikhaus noch zugänglicher wird. Am kommenden 14. Juni ist geplant, sich «protestreich zu erholen». Doch eigentlich steht bereits alles im Zeichen des 14. Junis 2021, wo der nächste Streik stattfinden soll. Nach dem Streik ist also quasi vor dem Streik.

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