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Blinde Flecken, strategisches Schweigen – Geschlechterverhältnisse in der Ökonomik

Wie wurden die Ideen von Frauen* in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften vernachlässigt? Mit welchen Fragen befassen sich feministische Ökonom*innen, und welche Probleme zeigen sie uns damit im heutigen Verständnis der Wirtschaft? In unserer 7. Vorlesung besuchte uns Käthe Knittler aus Wien und beantwortete diese entscheidenden Fragen.
07. November 2019

Text: Joel Bühler


Frauen tragen schon lange zur Ökonomie bei, wurden in der Theoriegeschichte aber schon immer vernachlässigt. Obwohl Harriet Taylor Mill mit John Stuart Mill die Principles of Economics geschrieben hat, kennt sie kaum jemand – das Buch ist nur unter dem Namen ihres Mannes erschienen. Auch der Beitrag von Mary Paley Marshall an das Werk von Alfred Marshall wird vernachlässigt.

Als eigentliche Theorieschule entwickelt, hat sich die feministische Ökonomik dann spätestens in der zweiten Frauen*bewegung. In der Hausarbeitsdebatte während dieser Bewegung wurde intensiv darüber diskutiert, wie mit der grossen Menge an unbezahlter Arbeit durch Frauen umgegangen werden soll. So arbeiten Frauen* zwar bis heute weniger bezahlt, aber so viel mehr unbezahlt, dass ihre gesamten Arbeitsstunden in vielen Ländern höher, aber fast überall mindestens gleich hoch sind wie die der Männer.

Diese blinden Flecken ergründet die feministische Ökonomik. So werden passive und konsumierende Haushalte plötzlich zu Produzent*innen. Gleichzeitig kommen aber in der Analyse auch Machtstrukturen vor – innerhalb und zwischen den Haushalten sind viele Verhaltensweisen von Geschlechterverhältnissen vorgegeben. Und auch auf der Makroebene der Aggregate sind Geschlechterfragen zwar nicht explizit, aber immer implizit vorhanden: Die wichtigste Steuerungsgrösse der Wirtschaftspolitik, das BIP, vernachlässigt die unbezahlte Arbeit vollständig. Doch wie könnte eine feministische Analyse zweier Probleme aussehen?

Kostenkrankheit

Knittler teilt die Wirtschaft in «Care» und «Akkumulationswirtschaft». Zu «Care» gehört die unbezahlte Arbeit wie Kindererziehung, aber auch profitorientierte personenbezogene Dienstleistungen oder öffentliche Pflegedienste in Spitälern oder Altersheimen. Dort sind kaum Produktivitätssteigerungen möglich. Wir können zwar in der «Akkumulationswirtschaft» Produktivitätsfortschritte erzielen und Autos rascher produzieren. Um Menschen schneller pflegen zu können oder Kinder schneller erziehen zu können, müssen wir die Qualität verschlechtern. Damit benötigen Wirtschaftszweige im «Care»-Bereich im Vergleich zur «Akkumulationswirtschaft» immer mehr Ressourcen, vor allem menschliche Arbeit. Die Diskussion über Kostensteigerungen ist deshalb etwas müssig; wir sollten uns besser fragen, wie wir die Sorgearbeit finanzieren und verteilen möchten.

Austerität und Strukturanpassungsprogramme

Auch die Austeritätspolitik und Strukturanpassungsprogramme des IWF und der Weltbank besitzen eine bedeutende Geschlechterdimension. Müssen Staaten massiv Ausgaben kürzen, erhalten etwa Spitäler weniger Geld. Sie müssen entweder die Löhne des überwiegend weiblichen Pflegepersonals kürzen oder Stellen abbauen. Bei einem Stellenabbau wird dann die Pflege in die privaten Haushalte verlagert, wo sie wiederum überwiegend von Frauen gestemmt wird. Durch Einsparungen im öffentlichen Dienst werden die Risiken durch Alter und Gesundheit also privatisiert und auf die Frauen* abgewälzt. Das Verständnis für solche Mechanismen ist nach dem Frauen*streik am 14. Juni nötiger denn je, wenn wir die Unzufriedenheit vieler Frauen* verstehen möchten.

In der nächsten Vorlesung wird Urs Marti zu Besuch sein und mit uns die freiheitlichen Gedanken von Karl Marx diskutieren.


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