Bilder: Tsüri.ch

Stolze Beteiligung: So wollen Zürcher*innen das Stolzehüsli umnutzen

Unser Autor ist in den Kreis 6 gezogen. Dort, auf der Stolzewiese, steht auch das Stolzehüsli, dessen künftige Nutzung die Zürcher Bevölkerung selbst bestimmen und gestalten kann. Möglich gemacht werden soll dies mittels E-Partizipation. Ein Bericht über ein zwar grünes, doch ziemlich langweiliges Quartier, das endlich belebt werden soll.
18. April 2021
Freier Journalist

Das Quartier Oberstrass im Kreis 6 hat viel für die Entspannung zu bieten: Verschiedene Grünflächen, Orte, an denen man sich sportlich betätigen kann, eine überproportional grosse Anzahl an Pingpongtischen oder die Seilbahn Rigiblick, mit der zu schöner Aussicht hochgeschwebt werden kann. Auch kinderfreundlich ist das Ganze. Etwas ist dem Autor dieses Textes jedoch bei seinem Umzug von Wipkingen an die Grenze zwischen Ober- und Unterstrass aufgefallen ist: Im ganzen Quartier gibt es praktisch keine öffentlichen Begegnungsorte wie etwa Cafés oder Bars, wenn man mal vom Kafi Schnaps absieht, das sich jedoch vor dem Schaffhauserplatz befindet und somit offiziell nicht zum Quartier Oberstrass gehört.

In Corona-Zeiten ist dies natürlich alles nur halb so relevant. Generell hört man jedoch selten davon, dass Leute vom kulturellen Angebot dieses Quartiers schwärmen. Als einzige Ausnahme gilt natürlich das Stolze-Openair, das einmal pro Jahr die Zürcher*innen in den Park auf der anderen Strassenseite der Seilbahn Rigiblick strömen lässt: Lokale Künstler*innen, keine Eintritte und alles organisiert von jungen Stadtzürcher*innen. Was will man mehr? Genau diese Stolzewiese steht diese Tage nun für ein Mal aus einem anderen Grund im Fokus der Öffentlichkeit, denn die Stadt ruft zur Beteiligung auf, genauer gesagt zur E-Partizipation. Dabei geht es um das Stolzehüsli.

Das kleine Gebäude auf der Stolzewiese müsse instandgesetzt werden, liess die Stadt verlauten. Diesen Umstand hat sie zum Anlass genommen, um die Bevölkerung über die zukünftige Nutzung zu befragen. Die Idee: Mittels Online-Tool konnten interessierte Personen ihre Nutzungskonzepte zwischen November 2020 und Mitte Februar 2021 einreichen – auf der gleichen Homepage wird dann auch direkt abgestimmt. Die E-Partizipation habe die Stadt deshalb gewählt, weil sie eine neue zusätzliche Möglichkeit biete, die Bevölkerung in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, erklärt Anja Grüter, stellvertretende Leiterin der Kommunikation des Hochbauamtes.

Die Bedingungen: Die Nutzung dürfe nicht gewinnorientiert sein, müsse einen Mehrwert für das Quartier schaffen, zudem müsse sie zonenkonform sein. «Da das Sozialdepartement die Mietkosten übernehmen wird, ist es ausserdem Bedingung, dass die zukünftige Nutzung einen Beitrag zur soziokulturellen Arbeit in der Stadt leisten muss», erklärt Grüter.

Demokratie im digitalen Raum

Die Stadt greift nicht zum ersten Mal auf das Mittel der E-Partizipation zurück. Bereits im letzten Herbst war sie in Wipkingen an einer solchen Online-Abstimmung beteiligt. In Zukunft sollen vermehrt solche Ansätze geprüft werden: «Mit dem Strategie-Schwerpunkt ‹Smart Partizipation› will der Stadtrat die Partizipationsmöglichkeiten gezielt weiterentwickeln und neue Formen der digitalen Partizipation erproben und etablieren», führt Grüter aus.

Im Hinblick auf das Stolzehüsli hat dieser Ansatz denn auch ganz gut geklappt: Ganze 16 Konzepte wurden eingereicht. Zwar hätten nur zwei davon auf Anhieb alle Rahmenbedingungen erfüllt, weitere zehn Konzepte wurden jedoch nach einer Überarbeitung zur Abstimmung zugelassen, sagt Grüter. Die Stadt sei zufrieden mit den eingereichten Vorschlägen, man dürfe sich auf eine interessante Abstimmung freuen.

Ein Vorschlag, der von Laien eingereicht würde, hätte wohl nur geringe Chancen gegen die zum Teil sehr professionellen Mitbewerber*innen.
Milad Al-Rafu

Die Stadtbevölkerung kann nun seit dem 15. April bis am 5. Mai ihre Stimme für den neuen Verwendungszweck des Stolzehüslis abgeben. Da die zukünftige Nutzung auch von Seiten der Stadt auf eine Gastronutzung abzielt, weisen die verschiedenen Konzepte gewisse Ähnlichkeiten auf: Die meisten Vorschläge beinhalten ein Café, wo man sich austauschen und meist auch noch etwas Leckeres essen kann.

Dennoch hat jeder der einzelnen Vorschläge einen eigenen originellen Ansatz: Sei es etwa eine Ausstellung zu historischen Frauen aus dem Quartier (Konzept «Salon Stolze im Hüsli»), den Fokus auf eine nachhaltige Lebensweise (Konzept «Stolzes Tun!») oder das Einbeziehen einer Community-App, mit der man etwa Menschen finden kann, die beim Pflanzen giessen oder bei einem Zuckerengpass helfen aushelfen (Konzept «Stolzer unser Dorf»). Auch die Verantwortlichen der Konzepte sind ziemlich divers und reichen von Szene-Hipstern über ein reines Mütter-Team bis zur Klimajugend. Sogar eine Gruppe von Expats hat einen Vorschlag ausgearbeitet, diesen natürlich ganz auf Englisch.

Grenzen der E-Partizipation?

Die eingereichten Nutzungskonzepte, die alle online zugänglich sind, vermögen denn auch auf grafischer Ebene zu überzeugen: Nur wenige sind wohl ohne Mitwirkung zumindest halbprofessionellen Grafiker*innen entstanden. Auch die aufgestellten Budgets und insbesondere die ausgearbeiteten Gastro-Konzepte können ohne Probleme mit professionellen Betrieben mithalten. Dies nicht ohne Grund: Wie man den Nutzungskonzepten entnehmen kann, weisen viele der Beteiligten Gastroerfahrung auf oder waren sonst in irgendeiner Funktion bereits für ähnliche Projekte verantwortlich.

Hier lässt sich wohl der erste Einwand einbringen: Die Abstimmung über die eingereichten Konzepte ist zwar so demokratisch und einfach zugänglich wie nur möglich, schliesslich können alle Stadtzürcher*innen mit wenigen Klicks ihre Stimme abgeben. Mit Hinblick auf die eingereichten Konzepte ist die Hürde jedoch durchaus höher: Ein Vorschlag, der von Laien eingereicht würde, hätte wohl nur geringe Chancen gegen die zum Teil sehr professionellen Mitbewerber*innen. Dies hat sicher auch mit den Rahmenbedingungen der Stadt zu tun, die unter anderem ein klares Budget verlangt und die teilnehmenden Personen auf der Homepage dazu anregt, Bilder, Pläne und Skizzen einzureichen.

Auffallend ist, dass nur sehr wenige Vertreter*innen der ausländischen Bevölkerungsgruppe bei den eingereichten Konzepten vertreten sind.
Milad Al-Rafu

Zudem stellt sich die Frage, wer überhaupt von dieser Online-Abschreibung Wind bekommen hat: Schaut man die Konzepte durch, sind es oftmals Personen, die im Quartier gut vernetzt sind, was ja durchaus Sinn macht: Mit klar den meisten Stimmen führt zurzeit dann auch derjenige Vorschlag, der von Altbekannten mit Heimvorteil ausgearbeitet wurde: Gemeint sind die Organisator*innen des erwähnten Stolze-Openairs, die ein eigenes Nutzungskonzept zusammen ausgearbeitet haben.

Auffallend ist, dass nur sehr wenige Vertreter*innen der ausländischen Bevölkerungsgruppe bei den eingereichten Konzepten vertreten sind. Dies obwohl das Quartier Oberstrass gemäss Bevölkerungsamt einen Ausländeranteil von knapp 30 Prozent hat. Somit vermag auch das Instrument der E-Partizipation nicht die altbekannten Probleme mit Hinblick auf die Durchmischung zu überwinden.

So oder so kann sich die Stadt aber insbesondere auch die Quartierbevölkerung über eine Belebung des Kreis 6 freuen. Sollte alles nach Plan verlaufen, wird wohl die Stolzewiese in den nächsten Jahren noch stärker zu einem Treffpunkt aller Liebhaber*innen der Entspannung. Wie diese Entspannung genau aussieht, ob Konzerte oder Lesezirkel, Werkstatt oder Gastrobetrieb, diese Entscheidung liegt bei der Bevölkerung. Deshalb: Abstimmen nicht vergessen!

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