Bullshit-Job? 💩

Stephen Frick: Vom Glück, Nein zu sagen

In dieser Serie treffen jeweils zwei Menschen aufeinander: Christoph Schneider, der selbst auf dem Weg in die Selbständigkeit ist, spricht mit einer Person, die bereits ein paar Schritte weiter ist. In der zweiten Folge: Stephen Frick.
29. September 2019

Inspiriert vom Liebeslied «You Are The First, The Last, My Everything» von Barry White gehen die Gespräche der Frage nach, wie und weshalb jemand den Weg in die berufliche Selbständigkeit eingeschlagen hat. Unternehmer*innen und Macher*innen aus den unterschiedlichsten Branchen geben Einblicke in ihren Berufsalltag und erzählen von ihren Werten und Haltungen. Die Idee ist von BBC Radio abgekupfert, wo Zuhörer*innen im Rahmen von «You Are The First, The Last, My Everything» die Songs offenbaren, die ihr Leben prägten und ihnen besonders viel bedeuten. BBC möge uns verzeihen, wir lernen gerne von den Besten.

  • The First blickt zurück in die Anfänge: Wann habe ich das erste Mal daran gedacht, Unternehmer*in zu werden? Was stand zuerst: Der Wille zur grösstmöglichen Unabhängigkeit, eine fixfertiges Produkt, ein grossmäuliges Versprechen?
  • The Last spielt in der Gegenwart: Worüber habe ich mich zuletzt aufgeregt, wer hat mich inspiriert, was beschäftigt mich zurzeit am stärksten? Sind es externe Rahmenbedingungen oder innere Kämpfe?
  • My Everything: Nichts weniger als die Frage «Worum geht es eigentlich»?

Stephen Frick: Vom Glück, Nein zu sagen

3. September, 12.35, Café Noir. 4 Espressi, 1 Fleischkäsesandwich

Ist man in den letzten 20 Jahren abends und in der Nacht in Zürich unterwegs gewesen, ist man Stephen zuverlässig und regelmässig über den Weg gelaufen. Stephen war die Kombination aus wandelndem Telefonbuch und lebendem Veranstaltungskalender: Keine Party, von der er nicht wusste, keine Neueröffnung, bei der er nicht seine Hände im Spiel hatte, kein guter Club, an dem er nicht mindestens einmal an der Türe stand.

Zu unserem Kennenlernen gibt es zwei Varianten. Er meint, er habe mich in meiner Zeit als Barkeeper im LaSalle (Schiffbau) das erste Mal getroffen, wo ich ihn anscheinend so gut bedient haben soll, dass der Zürcher «Gastroservice ein neues Niveau erreichte». Ich habe das anscheinend verdrängt und erinnere mich an die Zeit, als Stephen die Bar im Helsinki schmiss und seither weiss: Wenn ich Stephen im Nachtleben irgendwo begegne, bin ich am richtigen Ort, am aktuellen «place to be».

Stephen lebt seit drei Jahren in Athen, hat dort eine Wohnung erworben und betreibt ein Kunstatelier. Sein Geld verdient er mehrheitlich in der Schweiz als Freelancer auf Filmsets und Festivals. Ausserdem sendet er auf gds.fm seit Jahren seine wöchentliche Radioshow «Frick am Abig».

  • Name: Stephen Frick
  • Alter: 49
  • Erstausbildung: Maurer
  • Tätig als: Freischaffender

The First: Nie wieder!

«Der grosse Knall kam vor etwa acht Jahren: Mit der Überzeugung, dass ich den Job auf sicher hatte, betrat ich das Sitzungszimmer von Zürich Tourismus. Ich wusste alles über Vorstellungsgespräche: Alles bloss eine Formsache, eine aufgeblasene Inszenierung, in der ich mich im besten Licht darstelle, ein bisschen Schwäche heucheln, cool meine Stärken präsentieren. Die ganze Selbstdarstellung ist ein einziger Fake, das wissen sowohl die Interviewer*innen als auch ich. Dann der Schock, die beiden Gegenüber, die HR-Frau und der Business-Manager, haben mich nach allen Regeln der Kunst in die Mangel genommen. Was heisst in die Mangel genommen? Zersetzt haben sie mich und die kümmerlichen Resten, die noch übrig blieben, vor die glänzende Türe gestellt. Traumatisiert war ich, im totalen Schock, und das einzige, was ich noch denken konnte, war: «Nie mehr ein Bewerbungsgespräch.» Und so wurde ich nach fünf Jahren auf dem Bau, 15 Jahren im Tourismus und sieben Jahren in Zürcher Gastrobetrieben: Freelancer.

Die Jahrzehnte davor habe ich gar nie an Selbständigkeit gedacht, auch wenn im Rückblick alle Tätigkeiten darauf hingedeutet haben. Aufgewachsen in einem kleinen Aargauer Kaff, habe ich auf dem Bau zum ersten Mal mit anderen Schichten und Kulturen zusammengearbeitet. Das war meine erste Erfahrung von Arbeit: Man erstellt zusammen etwas Wertiges, jemand bezahlt dafür, das ist Leistung. Und am Wochenende habe ich als junger Bartender gelernt, was mir wichtig ist. Ich kann gleichzeitig Spass haben, ein soziales Netz aufbauen, gute Musik hören und Geld verdienen. Daran hat sich bis heute nichts geändert, egal, ob ich in Zürich, Dublin oder Athen unterwegs bin.

The Last: Als Kleiner im Grossen

Gestern war ich am Abschlussessen des Theaterspektakels, das für mich das Highlight meines Arbeitsjahres ist. Das «Speki» ist ein nicht zu beschreibender Kraftort, das Zusammenspiel der Künstler*innen, des ganzen Teams, der Jahreszeit entwickelt eine Energie, die ich nirgendwo sonst antreffe. Da kreuzen sich während dreier Wochen die unterschiedlichsten Lebenswege, mit dem einzigen Ziel, ein gutes Festival auf die Beine zu stellen.

Wahrscheinlich ist es die Vielfalt all dieser individuellen Lebenswege, die aus dem Theaterspektakel mehr als ein normales Festival machen. Da gibt es hauptberufliche Freelancer wie mich, aber auch den Käser aus dem Muotathal, der gefühltseit Jahrzehnten dabei ist, und die Buchhalterin, die fast ihre gesamten Ferien dem Spektakel schenkt. Niemandem geht es um einen individuellen Gewinn (schon gar keinen finanziellen), vielmehr arbeiten wir alle für das Gelingen des Ganzen. Während dieser Zeit sind wir Teil von etwas Grösserem, von etwas Schönem. Für mich ist das Arbeit in ihrer reinsten Form.

My Everything: Ich finde mein Glück

Glücklich sein. Dieses Gefühl setzt sich aus vielerlei Komponenten zusammen: Da ist einerseits das Privileg auf meinen Bauch zu hören, selber zu gewichten. Ich probiere Neues aus, bin kreativ und entscheide selber. Das Ziel, möglichst viel Zeit mit meinen Interessen zu verbringen, erreiche ich fast täglich - was aber auch heisst, dass ich mich permanent damit beschäftige, was mich überhaupt antreibt und inspiriert. Ich bin überzeugt davon, dass ich mein Glück, mein «Wellbeing» in die eigenen Hände nehme, auch wenn ich von äusseren Bedingungen abhängig bin.

Manchmal denke ich aber auch, dass ich ein unglaublich dekadentes Leben führe, bedingt durch die Privilegien, die mir als Schweizer geschenkt wurden. Ein Leben, dass sich meine Eltern und Grosseltern niemals vorstellen konnten: Ich verhalte mich egoistisch, exponiere mich mit meinen Narzissmus, lebe als ewiger Single. Bin ich heute als Freelancer gefragt und akzeptiert, hätte man mich früher als Taglöhner und Lump verspottet: Er isch am Tüüfel abem Charre gheit (Er ist dem Teufel vom Karren gefallen), hätten sie gesagt.

Zum Glück gehören also die Umstände, in die ich hineingeboren wurde, aber auch der Wille, frei und unabhängig zu entscheiden, aus dem Bauch heraus. Kurz gesagt: Mein Glück ist es, Nein zu sagen – und mich nicht dafür zu entschuldigen.»

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