Stella vor dem Kein Museum im Kreis 2. Fotos: Annika Müller

Stella: Kuratorin, Aktivistin und Tsüri-Member

Als Teenager fuhr Stella mit dem Velo über die österreichische Grenze in den Ausgang. Heute hat sie mit Freundinnen (K)ein Museum in Zürich und engagiert sich für mehr Frauen* hinter dem DJ-Pult. Die 27-Jährige im Memberportrait.
19. Juni 2020
Praktikantin Civic Media

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Das Gitter krächzt und quietscht, als es Stella zur Seite schiebt. Das Kein Museum-Logo, ein durchgestrichenes M, taucht dahinter auf. Stella trägt einen leuchtend roten Pulli, welchen gute Freunde von ihr designt haben. Was früher mal eine Apotheke und danach ein Kiosk war, wurde zum Raum der Experimente transformiert. Eine kleine Schubladenreihe aus der Apothekenzeit führt der Wand entlang. Das einräumige Kein Museum ist von bescheidener Grösse, doch dank den grossen Fenster ist es hell und einladend. Momentan wird es nur von einem sanften Kaffeegeruch gefüllt, nächste Woche wird es jedoch mit der ersten Ausstellung nach dem Lockdown «Keine Forschung» belebt.

«Vom Wunschtraum wurde das Kein Museum zu einem riesigen Hobby. Sonst wären alle Ideen nur in meinem Kopf, hier kann ich sie wirklich ausleben.» Stella spricht offen und mit grosser Begeisterung. Auf Interviews bereitet sie sich nicht vor, mit Spontanität würden diese besser und echter ausfallen. Durch ihre passionierte und offene Erzählweise schwappt ihre Begeisterung für das Kein Museum schnell auf die Zuhörende über.

Der kunstvoll gestaltete Briefkasten des Kein Museum.

Ein eigener Raum ist ein seltenes Fundstück. Stella und die acht Frauen des Kollektivs hinter Kein Museum finanzieren diesen selber, verdienen tun sie kaum etwas durch ihres Projekt. Trotzdem teilen sie den Raum gerne mit anderen aus der Kulturszene. «Das Feuer, das in mir steckt, verbreite ich gerne an die Leute weiter, die im Kein Museum ebenfalls ein Projekt realisieren wollen.» Der Name Kein Museum kommt daher: «Wenn man sagt, was man nicht ist, kann man alles andere sein. Wir können eine Bar sein, ein Nagelstudio, ein Konferenzort, wir können alles sein, weil wir kein Museum sind».

Das Stadtkind im Dorf

Die Passion, sich zu verwirklichen und dieser Freiheitsgeist machte sich bei Stella schon früh bemerkbar. Aufgewachsen ist sie in einem Dorf im St.Galler Rheintal. Ihren ersten Zugang zu Kunst fand sie durch die Mode- und Klatschheftchen ihrer Mutter. Daraus gestaltete sie Collagen, bis ihr ganzes Zimmer voll war. Stella möchte nicht bei ihrem Vornamen Cristiana genannt werden, sondern bei ihrem Nachnamen. Mit dieser Vorliebe ist sie nicht allein: In ihrer Familie, sei es Schwester, Vater oder Grossvater, werden alle beim Nachnamen genannt. «Stella passt auch besser zu mir, denn er ist prägnant und kurz. Ausserdem kann man ihn sich gut merken, neben einer weiteren Stella kenn ich nur gleichnamige Hunde.»

member ad

Im kleinen Dorf hat sie sich jedoch nie wirklich wohl gefühlt, ihre Interessen wichen von jenen der meisten ab: Kunst und Party. Das Programmangebot war ziemlich bescheiden und mit dem Velo über die österreichische Grenze in den Ausgang und zurück zu fahren, das war schon nicht das Gelbe vom Ei. Schlussendlich führte sie ihr Entscheid, Kunstgeschichte zu studieren, nach Zürich. «Ich habe von Anfang an gewusst, dass ich in eine grössere Stadt muss, damit ich meine kreativen Ausflüsse irgendwie geniessen kann.»

Gesagt, getan, wurde in Zürich das Nachtleben zu ihrer Passion: «Abgesehen davon, dass es Spass macht, ist es auch ein Teil vom Tag, in dem man sich freier fühlt». Sie veranstaltete zahlreiche Partys und begann selber aufzulegen. Mittlerweile führt sie mit weiteren Frauen, die auflegen, monatlich einen DJ-Workshop im Sender in Zürich durch. Die Idee ist, dass dadurch vermehrt Frauen in die Männerdomäne der Partywelt einsteigen. Der Zugang wird erleichtert, wenn sie selber von Frauen lernen können.

Vernetzte Kulturszene

Inzwischen veranstaltet Stella jedoch lieber Ausstellungen anstatt Partys. «Aus den Partys bin ich langsam herausgewachsen. Ich besuche gerne Partys, aber ich habe es gesehen, sie selber zu organisieren.» Sie organisiert jetzt lieber Ausstellungen, da die Thematik für die Gäste nachhaltiger ist und man sich mehr Zeit nehmen würde, um sich mit der Materie auseinanderzusetzen.

Währenddessen sind zwei Freundinnen von Kein Museum dazugestossen. Eine kurze Auseinandersetzung mit der Materie des kreativen Abendessen, «Opulenta» (opulente Polenta) steht an.

Kunstgeschichte zu studieren, ist ihrer Meinung nach immer noch ihre beste Entscheidung gewesen – auch wenn die Arbeitswelt danach wechselhaft ist. In fünf Jahren hatte sie fünf verschiedene Jobs, doch mittlerweile ist sie fest in der Kommunikationsabteilung des Schauspielhauses angestellt. «Um in der Kulturszene arbeiten zu können, muss man sich ständig vernetzen und Communities bilden». Im Vernetzen scheint Stella hervorragend zu sein, in unzähligen Projekte ist sie involviert. Neben Kein Museum engagiert sie sich in der Zwischennutzung der Zentralwäscherei und im Kollektiv F96. « Eine Zeit lang war ich etwas überfordert mit den vielen Projekten, aber mittlerweile habe ich eine gute Balance gefunden.» Die Energie entstünde aus den Projekten selber. «Je mehr ich in einem Projekt involviert bin, desto mehr motiviert es mich, mit den Leuten auf weitere Ideen zu kommen und die Resultate zu sehen. Diese Energie nehme ich dann mit ins nächste Projekt.»

Da Stella durch diese Projekte und Netzwerke nun beinahe ganz Zürich kennt, nimmt sie inzwischen Zürich wieder beinahe als Dorf wahr. Trotzdem hat ihr Tsüri.ch anfangs mit den Agendatipps sehr geholfen, sich in der Stadt/Dorf Zürich zurechtzufinden. Zudem spricht sie die Vielfältigkeit der aufgegriffenen Themen an und sie vertraut dem Journalismus, weil sie weiss, wer dahinter steckt. Ein Verbesserungspunkt gibt es jedoch: «Mehr Partys! Sowohl die Tsüri Community als auch das Tsüri Team verdient es zu feiern.»

Inzwischen suchen die Kein Museum-Freundinnen nach Polentaliedern. Vielleicht eine gute Playlist fürs nächste Tsüri Fäscht?

Möchtest du das Kein Museum mal selber erleben?
Das «Keine Forschung Festival» findet vom 19. Juni bis 4. Juli im Kein Museum statt. Es widmet sich der Frage, wie Forschung praktiziert wird und auf welche Art Erkenntnisse gewonnen und vermittelt werden. Theoretisch und langweilig? Sicher nicht im Kein Museum: «Entstanden sind 4 Projekte, die den Sprung von der Theorie in die Praxis wagen und diese Reflexionen weg vom Papier in medialisierter Form weiterführen.» Zudem teilen Wissenschaftler*innen in Form von Themengesprächen unterschiedliche Perspektiven auf die Forschung. Bei dem vielfältigen Festival ist sicher für jede*n etwas dabei!

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