Steiner & Madlaina: «Wir machen den perfekten Soundtrack fürs Autofahren»

Das Zürcher Duo Steiner & Madlaina veröffentlicht heute Freitag seine zweite EP «Speak». Tsüri.ch hat Nora Steiner und Madlaina Pollina getroffen: Über beste Freundinnen, Beruhigungstropfen und zwei junge Zürcherinnen, die genau wissen, was sie wollen.
17. November 2017

Es ist ein grauer, windiger Sonntag. Die Blätter fallen von den Bäumen. Dauerregen. Nach draussen geht niemand freiwillig. Ich treffe Steiner & Madlaina im Sphères auf einen Kaffee: Madlaina Pollina – 21, lange, braune Haare – trinkt Espresso, Nora Steiner – 23, wilde, schwarze Locken – Pfefferminztee.

Im September 2015 erschien die erste EP der beiden, «Ready to Climb», im Frühling waren sie auf Tournée mit Faber und im Sommer spielten sie unter anderem am Stolze Openair und auf der Bäckeranlage. Jetzt folgt der Zweitling «Speak», eine Platte mit fünf englischen und einem deutschen Song. Doch bevor wir über die Entstehungsgeschichte sprechen, lass ich sie selbst ihre Musik – im Pressetext steht «First Aid meets Rumpelkammer» – beschreiben. «Wir machen Alternativ-Pop mit ein bisschen Rock und Surf», antwortet Nora. Für welche Situation die EP den perfekten Soundtrack liefert, möchte ich wissen. «Es ist eine wirklich gute Auto-CD», meint Madlaina. Rockigere Lieder wechseln sich mit lieblichen Stücken mit sanfter Gitarre ab: «Wir schreiben das, was wir brauchen», sagt Madlaina. So ist beispielsweise der Song «Riot» aus Madlainas Feder eine treibende Kampfansage mit rebellischem Unterton.

«Alles ist möglich» von der neuen EP «Speak».

Es war ein langer Weg bis zur Veröffentlichung der EP. Bereits im Januar 2017 haben sie die Lieder beim Produzenten Alex Sprave in Berlin aufgenommen. Dass es November werden musste bis zur Veröffentlichung hat einen Grund: «Wir hatten Schwierigkeiten damit, uns für ein Label zu entscheiden», geben die beiden zu. Steiner & Madlaina sind zwar beim Zürcher Musiker*innen Kollektiv Lauter dabei, doch für die Distribution der EP im Ausland suchten sie ein grösseres Label. «Uns ging es in der Findungsphase gar nicht gut, wir mussten uns festlegen, dem einen Label zu- und dem anderen absagen», erzählt Madlaina. «Es wäre einfacher, wenn man keine Probleme damit hat, auch einmal unfair zu sein – gerade in dieser Branche. Uns geht es Wochen schlecht, wenn wir einem Label absagen müssen und grübeln danach Ewigkeiten, ob wir die Absage unpassend formuliert haben», fügt sie an. Schliesslich entschieden sie sich für das Label Glitterhouse in der Nähe von Hamburg.

Freundinnen, Bandkolleginnen und Mitbewohnerinnen
Nora und Madlaina sind nicht nur Freundinnen und Bandkolleginnen, sondern auch Mitbewohnerinnen. So viele Zeit miteinander verbringen und nie aneinanderstossen? Fast nicht vorstellbar. Doch Nora meint: «Auf Tour streiten wir selten, ausser wenn wir hungrig und müde sind.» Die Lieder schreiben die beiden meist allein und zeigen sie dann der jeweils anderen. «Die ganze Arbeit ist sehr emotional. Wenn es jetzt nicht Nora wäre, die sagen würde: Mach doch noch einen Refrain. Dann wäre ich mega angegriffen», sagt Madlaina. Nora meint dazu: «Wir kennen uns und wissen, wann wir vorsichtig sein müssen». Zwischen den beiden herrscht eine Vertrautheit wie bei zwei Schwestern, sind sie irgendwie auch. Zumindest hätten sie von Anfang an Glück gehabt, dass sie so gut harmonieren – auf persönlicher und kreativ musikalischer Ebene. Ganz selten schreiben sie Lieder zusammen: «Das sind dann richtige Konzeptsongs», erzählt Nora. An einem arbeiten sie noch immer. Seit etwa acht Monaten.

Konzerte in Berlin oder Prüfungen?
Das Duo Steiner & Madlaina als solches gibt es seit fünf Jahren. Entstanden ist es aus einer zu Beginn achtköpfigen Band, welche sich damals spontan im musischen Gymnasium zusammengetan hatte. Es wurde Ska gespielt und nach der ersten Probe waren sie nur noch deren fünf. Nach dem Verlust des Proberaumes schrumpften sie weiter zum heute bekannten Duo. Die Namensfindung war dabei denkbar einfach: «Steiner & Madlaina klingt einfach besser als Nora & Madlaina», erklärt Madlaina. Seit zwei Jahren sind sie nun bei Lauter dabei und versuchen, ihre Karriere professioneller voranzutreiben. Bis heute sind die Lauter-Leute wichtige Ansprechpersonen für die beiden: «Wir zeigen dem Lauter-Papi Pablo immer unsere Verträge und fragen ihn, was er davon hält. Wir kennen uns schon ewig und wissen, die würden uns nie bescheissen», sagt Nora.
Nora schrieb sich nach der Matura und einem Zwischenjahr an der Uni für Islamwissenschaften und Englisch ein, stand dann aber bald – im Dezember 2015 – an einem Scheidepunkt: Die Prüfungen schreiben oder mit Madlaina nach Berlin fahren und dort vier Konzerte spielen. Sie entschied sich für zweiteres. «Viele meiner Freunde konnten den Entscheid nicht nachvollziehen, fragten mich ‘Warum schmeisst du das Studium hin?’ So als ob ich keine Zukunft hätte». Madlaina ergänzt: «Die meisten in unserem Alter haben ängstlich reagiert und uns auch gefragt ‘Glaubt ihr wirklich, dass ihr von eurer Musik leben könnt?’ Die Leute im Alter unserer Eltern hingegen sagten ‘Hey, so mutig und toll, dass ihr das macht’.» Bereuen tut Nora ihren Entscheid nicht und stellt folgende Gleichung auf: «Die Wahrscheinlichkeit, dass ich nach dem Studium einen Job finden würde, der mich glücklich macht, ist gleich gross, wie dass wir von der Musik leben können.»

Mitbewohnerinnen und Bandkolleginnen: Madlaina Pollina, links und Nora Steiner, rechts.

«Wir waren meistens die einzigen Frauen»

Im April gingen Steiner & Madlaina als Vorband auf Tournée mit Faber, Madlainas Bruder. «Vor dem ersten Konzert in Hamburg war ich sehr nervös», erzählt Nora. Vor allem, weil auch Leute von Labels ans Konzert kamen, die sie allenfalls unter Vertrag nehmen wollten. Madlainas Mutter hatte ihnen, in weiser Voraussicht, Bachblütentropfen mitgegeben. Während Faber und seine Band vor dem Konzert einen riesen Tumult veranstalten, tröpfelten sich die beiden Beruhigungstropfen auf die Zunge. Es half. Was ihnen an den Konzerten auffiel: «Wir waren meistens die einzigen Frauen, nicht nur auf der Bühne, sondern auch dahinter», stellte Nora fest.

«Im Rössli in Bern gab es eine Technikerin. Schon krass, wir wissen genau wo!», ergänzt Madlaina. Sie gibt sich aber zuversichtlich: «Ich glaube es kommt langsam, man braucht Vorbilder. Wenn es auf der Bühne keine Frauen gibt, dann kommst du als kleines Mädchen vielleicht nicht auf die Idee ‘das könnte mal ich sein’».

«Davon leben können»

Zürich ist eine ambivalente Heimat für Musiker*innen. Einerseits hätten sie gute Förderung von Stadt und Kanton erhalten, andererseits sei alles so teuer und anstrengend. Nur schon eine bezahlbare Wohnung zu finden als Musikerinnen und ohne fixes Einkommen. Momentan arbeiten beide noch nebenher. Madlaina machte die Garderobe bei einem Kinofilm, Nora arbeitet im Verkauf. Es bleibt wenig Energie für die Musik übrig. «An den Konzerten werde ich in die Welt reingeschossen, die ich am liebsten habe, wo ich mich als mich fühle, aber ich merke, dass ich voll den Bezug verloren habe», stellt Madlaina ernüchternd fest. «Ich war hundemüde in der letzten Zeit, aber es wäre schlimm gewesen, deswegen Konzerte abzusagen», sagt Nora. Von dieser Müdigkeit ist den beiden an diesem Sonntagnachmittag nichts anzumerken. Sie sind bereit, alles zu geben: «Es ist nicht unser grösstes Ziel, berühmt zu sein. Hauptsache wir können Musik machen und davon leben.»

Um zu verdeutlichen, dass es sich bei ihnen um Vollblutmusikerinnen handelt, setzt Madlaina zum Abschluss zu einer letzten Anekdote an: «Wir spielten in Wetzikon in einem Gitarrenladen ein Set von zwei Mal 40 Minuten mit Pause dazwischen, in der viele nach Hause gingen. Nach dem Konzert kam ein Zuhörer zu uns und meinte: Ihr müsst es nicht persönlich nehmen, dass so viele gegangen sind. Man kann euch nicht so lange zuhören, weil man sich dabei zu fest mit sich selber auseinandersetzen muss». Das trifft es ziemlich gut.

Fotos: June Fischer

www.lauter.ch/steinermadlaina

Member entscheiden mit:
Deine Bewertung -> Stutz für den/die Journalist*in
Bewertung löschen

Kommentare

Willst du unabhängigen Journalismus?

Tsüri.ch steht für unabhängigen & engagierten Journalismus und setzt sich für eine offene, fröhliche, tolerante und ökologische Gesellschaft ein. Mit deiner Unterstützung können wir das auch in Zukunft tun.

Mit nur 5.-/Monat bin ich dabei
Einloggen und zurück zum Artikel
Gerade nicht