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Steigende Umsätze: «Reclaim The Streets war für die Europaallee von Vorteil»

Geschäfte an der Europaallee
17. April 2015
Chefredaktor


Beim Bier im Volkshaus erzählt mir ein Herr eine Geschichte, welche die Folgen der antikapitalistischen Demo vom 12. Dezember in ein völlig neues Licht rückt. Die Umsätze der verwüsteten Geschäfte an der Europaallee und der Lagerstrasse seien nach der Reclaim The Streets Demo «explodiert». Einige Läden hätten aus «Kalkül» die zerschlagenen Scheiben bis heute nicht ausgewechselt – als zersplitterter Kundenmagnet sozusagen.

Haben die Kapitalismuskritiker der Europaallee tatsächlich zu jener Aufmerksamkeit verholfen, die sie so dringend benötigte, aber nicht bekam? Und falls ja, wer zerstört denn nun das Gewerbe: Eine Demo oder die SBB (Besitzerin der Europaalle & Shop Ville), welche mit hohen Mieten Geschäfte zum Abgang zwingt?

SBB versteht meine Frage nicht Diese Fragen wollte ich beantworten und habe dafür bei mehreren betroffenen Geschäften und der der SBB nachgefragt.

Wenig überraschend dementiert die SBB-Sprecher Daniele Pallecchi sämtliche positiven Effekte von RTS auf das Image und die Umsätze der örtlichen Unternehmen: «Pardon, aber ich verstehe Ihre Logik nicht.» Kommt als Antwort. «Die Umsätze konnten meist stabil gehalten werden. Einzelne Mieter an der Lagerstrasse spürten jedoch die Zerstörungen in ihren Umsätzen.» Ob es Kalkül sei, dass einige kaputte Scheiben noch nicht ersetzt sind, will ich von den SBB wissen. Die Reaktion: «Ich verstehe Ihre Frage nicht.»

RTS war frustrierend aber von Vorteil Die meisten der betroffenen Geschäfte können den Reclaim The Streets Angriffen durchaus Positives abgewinnen. Einige der Betriebe wollen ihren Namen nicht in diesem Bericht lesen, andere geben sich offener. Frau Alic von «Happy Bike» sagt: «Für uns hatte Reclaim The Streets seine Vor- und Nachteile. Für die Europaallee waren die Vorfälle sicher von Vorteil.» Die grosse mediale Aufmerksamkeit habe die Ladenpassage bekannter gemacht und so neue Kunden angelockt.

Ähnlich tönt es vom Hin&Weg-Sprecher Adrian Dubler. Auch er ist der Meinung, dass die Demo «nicht das Schlimmste» war. Und Herr Russell von der Firma Vom Fass, die auf der geschützten Seite der Allee steht, betont, «die Europaallee ist jetzt sicher bekannter, auch wenn‘s tragisch war».

Einer, der anonym bleiben möchte, sagt im Kern das Gleiche: «Reclaim The Streets war zwar frustrierend, aber dadurch erhielten wir grosse Aufmerksamkeit. Wir spürten die Solidarität der Bevölkerung und hatten am Tag nach dem Umzug viele neue Kunden – dieser Tag war umsatzmässig positiv überraschend.»

Nicht alle glauben an positive Auswirkungen  Etwas weniger freudig tönt es vom ZFV, welcher das Lokal «il Caffè» betreibt. Auf RTS angesprochen sagt CEO Andreas Hunziker: «Wir hatten lediglich einen Sachschaden zu verzeichnen.» Mehr oder weniger Gäste seien darum nicht ins Lokal gekommen.

Ein Sprecher der «Vereinigung Europaallee», welcher die meisten Geschäfte angeschlossen sind, bezweifelt, dass die Geschäfte der Europaallee durch die Demonstration neue Kunden gewonnen haben und die Umsätze gestiegen sind: «Die Umsätze sind sicher nicht explodiert, weil viele Geschäfte sahen ja komplett zerstört aus».

Neue Kunden bringen neues Geld Keines der kontaktierten Unternehmen konnte oder wollte bestätigen, dass die kaputten Scheiben mit Absicht bis heute nicht ersetzt wurden. Trotzdem zeigt sich, dass die antikapitalistische Demo der Europaallee neuen Schwung verliehen hat – nach dem Schock kamen die Kunden und mit ihnen das Geld.

Ob es die Demonstranten stört, dass ausgerechnet sie das Gewerbe am besten unterstützten, wage ich zu bezweifeln: Reclaim The Streets richtete sich nicht direkt gegen die einzelnen Unternehmen, sondern vielmehr gegen die «Stadtaufwertung und wüste Betonlandschaften im Dienste des Kapitals», wie auf Indymedia zu lesen ist.

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