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Stefan Schönenberger: «Das Phänomen Homeschooling ist ein Symptom – und keine Ursache»

Homeschooling polarisiert. Während Kritiker*innen eine Segregation der Gesellschaft befürchten, schwärmen Befürworter*innen von den Vorzügen der alternativen Bildungsform. Die Wissenschaft hat indessen eine klare Meinung dazu. Ein Gespräch mit Unterrichtsforscher Stefan Schönenberger.
04. März 2020
Praktikantin Redaktion

Alternative Unterrichtsformen werden in der Schweiz zunehmend beliebter. Eine davon ist das sogenannte Homeschooling: Der Unterricht in den eigenen vier Wänden, meist durchgeführt von den Eltern. In Zürich wurden im Schuljahr 18/19 rund 240 Kinder zuhause unterrichtet, schweizweit ist von über 2300 Schüler*innen die Rede. Zwar machen Homeschooler lediglich 0.2 Prozent aller Volksschüler*innen aus, dass die Tendenz weg von der klassischen Bildungsform hin zu Alternativen steigend ist, ist jedoch nicht von der Hand zu weisen.

Wie ist dieser Wandel zu erklären und wie haltbar sind die Argumente von Kritiker*innen und Befürworter*innen? Tsüri-Redaktorin Isabel Brun suchte nach Antworten und sprach mit einem Experten für Unterrichtsentwicklung und -forschung.

Herr Schönenberger, in der Schweiz werden immer mehr Kinder zuhause unterrichtet, was sagen Sie zu dieser Entwicklung?

Als ich mich Anfang der 2000er-Jahre erstmals mit der Thematik befasste, gab es in der Schweiz weder journalistische Beiträge noch Literatur dazu. Sogenannte Homeschooler gab es nur eine Handvoll. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Volksschule in der Schweiz traditionell eine starke Position hat. Ganz im Gegensatz zu den USA oder England, wo Privatschulen schon seit jeher stark verbreitet gewesen waren. Offenbar entspricht es einem wachsenden Bedürfnis vieler Eltern, die Bildung der eigenen Kinder vermehrt selbst in die Hand zu nehmen.

Seit einigen Jahren gerät die Schweizer Volksschule immer wieder in Verruf. Verhalf das dem Homeschooling zu mehr Aufmerksamkeit?

Diese Aussage würde ich unterstützen. Schulkritik ist salonfähig geworden. Hinzu kommt, dass vor zehn, fünfzehn Jahren Medien begonnen haben, vermehrt von Eltern zu berichten, die ihre Kinder zuhause unterrichten. Und je mehr etwas im öffentlichen Diskurs thematisiert wird, desto eher wird es zur Option.

Dann sind es vor allem Eltern, die dem Schweizer Schulsystem nicht vertrauen, welche die Möglichkeit des Homeschooling nutzen?

Nicht unbedingt. Zwar zeigen Studien, dass ein Unbehagen am System oft ein Grund für den Wechsel zu Homeschooling ist, allerdings kann sich dieses Motiv im Verlauf der Zeit verändern.

Wie meinen Sie das?

Was vielleicht mit einer Schul- oder konkreten Lehrpersonenkritik beginnt, entwickelt sich oft dahin, dass Eltern andere Vorteile in dieser alternativen Unterrichtsform erkennen und zu schätzen lernen. Dieser Wandel kann so weit gehen, dass die ursprünglichen Motive so sehr in den Hintergrund rutschen, bis diese nicht mehr als Grund für einen Wechsel vom Regelschulbetrieb zum Homeschooling angegeben werden.

Was wäre ein solcher Vorteil?

Homeschooling bedeutet die totale Individualisierung. Die Kinder können in ihrem eigenen Tempo und nach ihrem Entwicklungsstand lernen. Am öffentlichen Schulsystem wird oft kritisiert, dass wenig Platz für das Individuum bleibt: Die Entwicklungsvorstellungen und Prüfungsverfahren werden als relativ starr wahrgenommen.

Der Föderalismus führt zu grossen kantonalen Unterschieden in den Anforderungen an die Lehrenden und die Überprüfung von Lernzielen.

Aber die Prüfungsvorgaben gelten doch auch für Homeschooling-Schüler*innen?

In einem gewissen Mass schon. Es gibt Kantone, die jährlich Standardtests bei allen Schüler*innen durchführen – und diese werden auch von Homeschoolern absolviert. Dies ist aber nicht überall so. Der Föderalismus führt zu grossen kantonalen Unterschieden in den Anforderungen an die Lehrenden und die Überprüfung von Lernzielen. Das bedeutet aber nicht, dass einfach alle machen können, was sie wollen.

Nicht?

Nein, die Schulaufsicht schaut regelmässig vorbei. Sie prüft die Unterrichtsmaterialien, beurteilt den Entwicklungsstand der Kinder und stellt Rückfragen. Soweit ich das beurteilen kann, werden diese Kontrollen sehr genau gemacht. Obschon es kantonale Unterschiede gibt – an den Lehrplan müssen sich alle halten.

Sie sagten, dass auch die Anforderungen an die Lehrenden unterschiedlich seien. Was meinen Sie damit?

Um als Eltern die eigenen Kinder unterrichten zu dürfen, werden in der Mehrheit der Kantone Abschlüsse oder Diplome vorausgesetzt. Während in den Kantonen Bern und Aargau keine derartigen Anforderungen gestellt werden, müssen Eltern in Zürich eine Lehrpersonenausbildung ausweisen, wenn der Privatunterricht länger als ein Jahr dauert. Andere Kantone sind noch restriktiver: In St. Gallen beispielsweise ist das Bewilligungsverfahren so streng, dass es kaum möglich ist, Homeschooling zu praktizieren.

Zum Interviewpartner
Stefan Schönenberger ist Dozent für Unterrichtsentwicklung und -forschung an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er setzt sich seit über 15 Jahren mit der Thematik Homeschooling auseinander und war einer der ersten in der Schweiz, der dazu eine Forschungsarbeit schrieb.

Weshalb gibt es diese grossen Unterschiede?

Das föderalistische System lässt den Kantonen weitgehend freie Hand bezüglich ihrer Ausgestaltung des Bildungssystems. Dadurch, dass immer mehr Eltern die Unterrichtsform des Homeschoolings in Betracht ziehen, reagieren einige Kantone mit einer Verschärfung. Und das, obwohl viele Behörden positive Erfahrungen mit Homeschooling-Schüler*innen gemacht haben.

Was könnte der Grund für diese Skepsis sein?

Meiner Meinung nach hat das mit dem «Entweder-Oder-Denken» zu tun: Es gibt beispielsweise Kantone, die Homeschooling faktisch verunmöglichen, weil sie diese Schulungsform per se bezichtigen, keine ausreichenden Sozialisationsbedingungen gewähren zu können. Diese Annahme ist so jedoch nicht haltbar. Empirische Studien zu den Leistungen und dem Sozialverhalten von Homeschooling-Kindern haben gezeigt, dass diese Kinder keinerlei Defizite aufweisen.

Das mag zwar im ersten Moment erstaunen. Weiss man aber, dass Familien, die Homeschooling praktizieren, eher aus sozio-ökonomisch höheren Schichten kommen, macht ein solches Resultat durchaus Sinn. Hier stellt sich dann die Frage, wie viel die Bildungsform und wie viel das Umfeld ausmacht.

Das scheint Kritiker*innen jedoch nicht davon abzubringen, die Unterrichtsform als Gefahr zu sehen.

Das rührt daher, dass die Grundfrage normativ ist. Es geht im Grundsatz darum, wie unsere Kinder erzogen werden sollen und welchen Stellenwert unser Bildungssystem in der Gesellschaft hat. Da wird es schnell philosophisch: Dürfen Eltern sich die Freiheit nehmen, über den Bildungsverlauf ihres Kindes selber zu entscheiden oder liegt diese Entscheidung beim Staat? Dieser Konflikt kann mit keiner Studie gelöst werden.

Ich schliesse daraus, dass Sie keine Gefahr einer Segregation der Gesellschaft durch Homeschooling sehen?

Das stimmt. Die Bewegung ist dafür auch schlicht zu klein. Nach meinem Verständnis findet eine gesellschaftliche Segregation sowieso statt. Das Phänomen des Homeschoolings ist ein Symptom – und keine Ursache. Dass die Tendenz von Kindern, die zuhause unterrichtet werden, steigend ist, hängt auch mit der allgemeinen Entwicklung unserer Gesellschaft und nicht nur mit der Bildungsform zusammen.

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