Tsüri-Fäscht 🕺🏽💃🏽

Stefan Bruderer: Lokführer, Velofahrer und Tsüri-Member

Stefan Bruderer ist Lokführer und engagiert sich in unzähligen Vereinen. Ein Portrait über den 30-jährigen Tsüri-Member und Hansdampf in allen Gassen.
08. November 2019
Community-Verantwortliche und Redaktorin

800 Menschen sind Tsüri-Member. Welche Gesichter und Geschichten stecken hinter dieser Zahl? Wir machen uns auf die Suche und treffen sie für ein Gespräch. Bist du auch Tsüri-Member und einem Portrait nicht abgeneigt? Melde dich!


Gäbe es einen Preis für den Zürcher, der sich am meisten zivilgesellschaftlich engagiert, Stefan Bruderer würde ihn wohl bekommen. Der 30-Jährige ist aktiv bei der GSoA, der Juso, bei UmverkehR und beim Verein Vélorution – um nur einen Bruchteil zu nennen. Nebenbei arbeitet er 80 Prozent bei den SBB. Abwechslungsweise einen Monat als Zugverkehrsleiter, eine Art Fluglotse für den Zug, und einen Monat als Lokführer.

Gestresst wirkt er keineswegs als er an diesem letzten schönen Herbsttag in der «Chuchi am Wasser» an seinem Gazosa nippt. Sein Pullover mit dem Aufdruck «Kein Mensch ist illegal» verrät schon, welches Kaliber Mensch hier einem gegenüber sitzt. Doch von Anfang an.

Nach der RS direkt zur GSoA

Aufgewachsen ist Stefan in Mauren bei Weinfelden TG. Im Alter von 18 Jahren zieht er wegen der Schichtarbeit nach Zürich: «Weil ich jeweils morgens um 4 Uhr zu arbeiten beginnen musste, stand ich vor der Entscheidung: nach Zürich ziehen oder ein Auto kaufen», erklärt er. «Hätte ich mich fürs Auto entschieden, wäre ich jetzt vielleicht ein ganz anderer Mensch!»

In der Limmatstadt hatte er aber kaum Zeit sich einzuleben, da ihn die Schweizer Armee sogleich wieder aus seiner neuen Heimat riss. Gleich nach der Rekrutenschule tritt er der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) bei. «Das war mein erstes zivilgesellschaftliches Engagement», sagt er. Dort lernte er Mitglieder von den Jungen Grünen und der Juso kennen. Zu Beginn sei er überfordert gewesen von den jungen Leuten, die inbrünstig über Marxismus und Sozialismus diskutieren. Aber die Flamme der Engagierten, die die Welt verändern wollten, sprang auf ihn über. Den Slogan der Juso «Ändere, was dich stört» schrieb er sich auf die Fahne.

Hat mich etwas genervt, suchte ich mir einen passenden Verein
Stefan Bruderer

Genervt über die Armee, kam er zur GSoA. Genervt über die vielen Autos, wurde er Mitglied des Clubs der autofreien Schweiz, des Fussgängervereins und von UmverkehR. Später lancierte er mit der Juso «Züri Autofrei» – «mein Baby» wie er sagt. Genervt über den fehlenden Platz fürs Velo gründete er zusammen mit einer Handvoll Freund*innen den Verein Vélorution. Traurig über den fehlenden Kontakt zu Geflüchteten, trat er Colors sans Frontières bei.

Nie ohne mein Velo

Seit 12 Jahren wohnt Stefan in Zürich. Das Velo ist sein treuer Begleiter. Es bringt ihn von Wipkingen zur Arbeit und ziert mit ihm das Juso-Wahlplakat für die Nationalratswahlen. «Chancenlos, ich weiss». Ihm ging es mit seiner Kandidatur vor allem darum, Freund*innen dazu zu motivieren, wählen zu gehen. Egal, ob sie ihn wählen oder nicht. «Ich stehe auf ganz vielen Listen der SVP, FDP und GLP, obwohl ich da gar nicht drauf sein will», sagt der junge Mann. Tatsächlich hat er am 20. Oktober 3014 Stimmen geholt und innerhalb der Juso die meisten Panaschierstimmen von SVP-Wähler*innen.

«Ich feiere die Tsüri-Themen ab»

Mit einer Handvoll Freund*innen entschied er sich im Herbst 2018 die Critical Mass richtig gross zu machen. Damals fuhren jeweils um die 50 Leute mit. Sie druckten 1000 Flyer, die sie an die Lenker der Velos hängten. Jetzt fahren am letzten Freitag im Monat regelmässig um die tausend Velofahrer*innen mit. Im Oktober organisierten Stefan und seine Mitstreiter*innen die erste Critical Mass im Thurgau. Sie fuhren von Zürich über Winterthur nach Frauenfeld. «In Frauenfeld waren wir dann 51 Leute», sagt er, nicht ohne Stolz. Ab November macht der gelernte Lokführer Zivildienst. Dass es etwas mit Verkehr zu tun hat, liegt auf der Hand. Er absolviert ihn bei der Stadt Zürich und kümmert sich um das Verleihsystem von Publibike. «Ein halbes Jahr lang mit dem Auto rumkurven und kaputte Velos einsammeln. Horror!», sagt er und schlägt sich die Hand vor das Gesicht.

Stefan ist Tsüri-Member der ersten Stunde: Seit dem Crowdfunding vor drei Jahren ist er dabei. Das Plakat mit den Geheimtipps, ein Crowdfunding-Goodie, hängt immer noch bei ihm zu Hause. «Ich feiere eure Themen ab», sagt er. Beiträge über Menschen dieser Stadt lese er am liebsten. Zum Beispiel das Interview mit der Frau, die per Aushang eine*n Liebhaber*in sucht, um mit ihm*ihr gegen den Staat zu radeln. Dass diese Aussage aus dem Mund eines Mannes mit Velos auf den Socken kommt, verwundert kaum.

member ad

Kommentare

Nöd Jetzt!