Stadtrat Golta hat recht: Allerlei für unsere Underdogs!

In einem Interview fordert der SP-Politiker mehr Geld für die Armen aus der Sozialhilfe; weil wir es uns leisten können. Das ist mutig und richtig so! Ein Kommentar von Simon Jacoby.
09. Januar 2019

Jon Gnarr wurde im Sommer 2010 völlig überraschend Bürgermeister der isländischen Hauptstadt Reykjavík. Als Künstler und Quereinsteiger war er nicht nur politisch ein Aussenseiter, sondern ganz grundsätzlich: Als Kind hatte er Probleme in der Schule, machte Radau und konnte sich nicht konzentrieren. Als Erwachsener führte er lange kein «geordnetes» Leben und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Er war Punk, Anarchist, Taxifahrer und Schauspieler.

Mit seiner Wahl mitten in der Finanzkrise wurde er plötzlich zum Popstar; sogar Lady Gaga verehrte ihn. Seine «Beste Partei» schlug alle traditionellen und mächtigen Parteien, weil sie neu war. Eine Partei ohne Floskeln. Gnarr gab sogar öffentlich zu, wenn er von etwas keine Ahnung hatte; das tun Politiker*innen nie.

Einer der Slogans von Jon Gnarr und seiner Partei, die eigentlich als Kunst-Aktion begonnen hatte, lautete so: «Allerlei für unsere Underdogs!» Er versprach eine Politik für alle, also auch für die wirtschaftlich Schwächsten; statt für wenige. Und er hielt sein Versprechen.

Mehr Mut!

Seit Dienstag haben wir auch in Zürich einen Hauch Gnarrsche Politik. Der SP-Stadtrat Raphael Golta fasst sich im Tagi ein Herz und setzt sich für die Underdogs ein. Er fordert mehr Geld aus der Sozialhilfe für die Armen; weil wir uns das leisten können. Chapeau. Dies dürfte sogar Jon Gnarr überraschen. Im Interview 2015 mit Tsüri.ch outete er sich nicht gerade als Fan der Sozialdemokratie: «Sie ist durchschaubar und langweilig und trotzdem das beste System, das wir bis jetzt gefunden haben.»

Genau diese Befürchtung, dass die Linken und Progressiven in der Stadt Zürich trotz dem Wahlsieg im März 2018, mutlos agieren werden, hatte ich auch. Am Wahltag schrieb ich in diesem Kommentar: «Zürich braucht Bewegung. Und wenn sich jetzt nichts bewegt, wann dann? Los jetzt.» Denn die Menschen in Zürich, die gewählt haben, forderten deutlich ein solidarisches und offenes Zürich.

Schluss mit Aussenseiter-Bashing

Fast ein Jahr nach den Wahlen macht nun Golta den ersten mutigen Schritt. Während viele Kantone auf dem Buckel der Ärmsten sparen wollen, fordert er öffentlich, dass die Sozialhilfe nicht reduziert, sondern erhöht werden muss: «Wir leben in einem Land, das sich wirtschaftlich gut entwickelt. Das sollte auch jenen zugutekommen, die keine Alternative zur Sozialhilfe haben.» Die Gesellschaft sei wie ein Leiterlispiel. «Nur gibt es keine Leiter nach oben, sondern bloss Leitern nach unten». Das sind Worte, die sich seit Jahren keine einflussreichen Exekutiv-Politiker*innen zu sagen trauten. In mehreren Kantonen geht es in die andere Richtung: Bürgerliche wollen die Sozialhilfe senken, sodass die Bezüger*innen mit nur noch fünf Franken pro Tag auskommen müssten. WTF.

Der städtische SP-Politiker liefert ein Beispiel, wie das rechte Aussenseiter-Bashing durchbrochen werden kann. Eigentlich ist es einfach: Nach unten schauen und nach oben treten. Umgekehrt ist es unsexy. Allerlei für unsere Underdogs!

Titelbild: Iris Stutz

Lesetipp:

  • Das Buch von Jon Gnarr: «Hören Sie gut zu und wiederholen Sie»
Redaktor

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