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Foto: Jenny Bargetzi

Stadt Zürich testet Gratis-Menstruationsartikel an Schulen

Ab dem neuen Schuljahr wird an Zürcher Schulen die kostenfreie Abgabe von Tampons und Binden getestet. Damit folgt die Stadt den Westschweizer Kantonen Genf und Waadt, die seit Anfang Monat kostenlose Hygieneprodukte in Schulen bereits anbieten.
09. Juni 2021
Praktikantin Redaktion

Ein Ziehen im Unterleib, das aufkommende Gefühl der Scham und steifes Sitzen, in der Hoffnung, dass niemand etwas bemerkt. Die Menstruation ist mühsam, speziell wenn sie während des Schulunterrichts eintritt. Begleitet werden die körperlichen Schmerzen oft vom Gefühl des Unwohlseins. Denn darüber gesprochen wird kaum.

Zu der gesellschaftlichen Tabuisierung hinzu kommen die horrenden Preise der Tampons und Binden, die sich viele Frauen nur schwer bis gar nicht leisten können. Unter dem Namen «Period Poverty», Periodenarmut, erlangte das Problem, das nicht nur in armen Ländern vorherrscht, internationale Bekanntheit.

Daraufhin verkündete Schottland als erstes Land bereits im Jahr 2018, kostenlos Hygieneprodukte an Schulen und Universitäten abzugeben. Fast zwei Jahre später, seit Februar letzten Jahres, werden die Artikel gänzlich kostenfrei zur Verfügung gestellt. Dem kommt die Neuseeländische Regierung nach, die Mädchen und Frauen ebenfalls kostenlose Menstruationsprodukte an allen Schulen zur Verfügung stellt.

Es braucht einen Tabubruch – auch in der Schweiz

In der Schweiz sind die grossen Vorbilder die Kantone Genf und Waadt, die mittlerweile an mehreren Schulen gratis Hygieneartikel anbieten. Im Rahmen eines Pilotprojekts sind verschiedene Toiletten bereits mit «Binden-Spender» ausgestattet. Wie das SRF die Staatsrätin Cesla Amarelle zitiert, sei die Nachfrage bei den Schülerinnen gross. Nebst der reinen Gratisabgabe gehe es aber um mehr, so Amarelle weiter. Nämlich darum, zusammen mit Sensibilisierungsmassnahmen einen Tabubruch zu erreichen. Das sei besonders wichtig, da nicht alle Frauen in der Schweiz problemlos finanziellen Zugang zu Menstruationsartikeln hätten.

Genauso sehen dies Nadia Huberson und Angelica Eichenberger, welche im März ein Postulat zur kostenfreien Verfügung von Menstruationsartikeln in städtischen Schulen eingereicht haben. Die Bereitstellung von Hygieneprodukten nehme den menstruierenden Schülerinnen Stress und Bedenken weg, heisst es darin. Gerade für junge Frauen aus Familien mit geringem Einkommen, seien gratis Tampons und Binden es eine finanzielle Entlastung und tragen dazu bei, diese vor unangenehmen Situationen zu schützen.

«Die Menstruation wird in unserer Gesellschaft immer noch mehrheitlich verschwiegen, obwohl es mindestens die Hälfte der Bevölkerung direkt betrifft», so die beiden Initiantinnen. Es sei richtig und wichtig, endlich öffentlich über die Periode zu diskutieren.

Zürich startet Pilotprojekt ab August

Das Postulat ist aber noch hängig, denn die SVP-Fraktion des Gemeinderats will das Anliegen abschiessen. Voraussichtlich im Herbst sollte ein Entscheid gefällt werden.

Auf Anfrage von Tsüri.ch bestätigt das Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich, dass man der Forderung bereits ab dem neuen Schuljahr nachkommen wird. Geplant ist die Einführung an zehn Schulen. Kommunikationsleiter Marc Caprez sagt: «Wir möchten die Abgabe von Menstruationsartikeln auf der Sekundarschule testen». Parallel dazu erarbeite die Schul- und Büromaterialverwaltung derzeit ein Konzept, wie die Logistik und Verteilung organisiert werden könne.

Welche Schulen es sein werden, stehe aber noch nicht fest, so Caprez weiter. Sie würden erst gerade evaluiert werden. «Das Ganze steckt noch in den Anfängen und ist erst am anrollen», erklärt er. Es sei durchaus ein politisches Anliegen gewesen, das Postulat der Zürcherinnen ernst zu nehmen, damit es wirklich eine sinnstiftende Sache sei, erklärt Caprez.

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Periodenartikel gelten nach wie vor als Luxusgüter

Für Diskussionsstoff sorgte das Thema um Menstruationsartikel bereits im Jahre 2018. Damals forderte der SP-Nationalrat Jacques-André Maire, Damenhygieneprodukte als lebensnotwendige Güter zu definieren und zu einem reduzierten Mehrwertsteuersatz von 2,5 Prozent zu besteuern. Denn auf Tampons und Binden liegt ein stolzer Mehrwertsteuersatz von 7,7 Prozent. Der Grund: Sie gehören laut Bund nicht zu den «Produkten des täglichen Bedarfs», sondern fallen in die Kategorie der Luxusgüter. Der Bundesrat unterstützte die Motion von Maire – wenn auch kommentarlos – und auch der Nationalrat nahm den Vorschlag an.

Widerstand liess nicht lange auf sich warten. Erstaunlich war jedoch, dass dieser von Seiten der Frauen kam. Im Interview mit Nau.ch fand SVP-Politikerin Diana Gutjahr, dass Maire’s Vorstoss klar abzulehnen sei. Die Senkung sei einseitig und lediglich für ein paar Artikel, so ihre Begründung. Amtskollegin Nadja Pieren legte noch einen drauf und fand: «Das sind nicht die wahren Probleme in unserem Land. Dass sich Politiker mit solchen Vorstössen überhaupt darum kümmern, finde ich beschämend.» Der Gleichberechtigung halber solle dann auch der Rasierpinsel und -Schaum von der Steuer befreit werden, findet SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann und überraschte mit dem plötzlichen Drang zur Geschlechtergleichstellung.

Die aktuellen Entwicklungen in der Westschweiz und nun auch in Zürich zeigen, dass die progressiven Kräfte derzeit gegenüber den konservativen Aufwind haben. Auch wenn es noch Zeit braucht, bis Tabus gebrochen, Steuern angepasst und in allen Zürcher Schulen die kostenlose Abgabe eingeführt ist.

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