Die Stadiongärten – eigentlich die ganze Zwischennutzung – wirken wie ein postindustrielles Utopia. (Bild: Evan Ruetsch)

Alle wollen sie den Hardturm: zwischen «Zwängerei» und Alternativlosigkeit

Zum vierten Mal stimmt Zürich Ende Monat über ein neues Stadion ab. Oder geht es um Genossenschaftswohnungen, gegen 140-Meter-Türme oder für eine ewige Zwischennutzung?
20. September 2020
Journalist

Fotos: Evan Ruetsch


Die Augen von GC-Fans leuchten noch heute, wenn sie sich an den «Charme des Nobelclubs mit schäbigem Stadion» erinnern. Das Hardturm-Areal ist die Heimat der Grasshoppers Zürich. Den letzten grossen Triumph feierte hier aber der FCZ, als er 2007 Meister wurde. Nach dem Fussball die Wildnis: Vor zwölf Jahren fanden sich die Besetzer*innen in kniehohem Gras wieder, als sie im stillgelegten Hardturm ein Festival feierten. Bald darauf der Abriss. Nachdem die Bagger dem alten Hardturm den Garaus gemacht hatte, war der höchste Bau auf dem Areal bloss temporär: das Zelt des Cirque du Soleil.

Abseits des Asphalts, in der anderen Hälfte des Areals, entwickeln sich seit sieben Jahren die Stadiongärten. Laurenz «Lolo» De Vallier, angestellter Brachenpfleger des Vereins Stadionbrache, möchte hier kein neues Stadion. Er möchte, dass das Gebiet das «insektentechnische El Dorado» bleibt, dass es jetzt ist, ein «niederschwelliger grüner Begegnungsraum». «Es gibt kaum einen anderen Raum, der sozial genutzt wird und gleichzeitig so eine hohe Biodiversität hat.» Alles, was er hier gemacht hat, habe er gebaut, als wäre es «für die Unendlichkeit». Mit dem Hintergedanken, dass es die Gesellschaft spüren soll, wenn dieser Raum zerstört wird.

Laurenz «Lolo» De Vallier ist als angestellter Brachenpfleger Ansprechpartner für fast alles in der Zwischennutzung. (Bild: Evan Ruetsch)

Neben den Gärten gibt es hier mittlerweile einen halben Bauernhof mit Hühnern, Kletteranlagen, einen Skatepark, eine Kinderspielgruppe, ein Wäldchen und einen kleinen Fussballplatz. Dessen Pflege ist De Vallier wichtig. Gar mit dem Platzwart von GC, einem Anwohner, unterhalte er sich über die richtige Behandlung von Fussballrasen. Seit diesem Jahr komme dieser ab und an vorbei.

Etwa 200 Besucher*innen habe die Brache im Schnitt pro Tag, sagt De Vallier. Manche seien «Brachist*innen», die sich langfristig für den Ort engagieren. Andere kommen einfach – und haben «nichts direkt mit der Brache zu tun». Die «Brache», das ist für De Vallier und viele hier vor allem der «hochkultivierte» Grünraum, auf dem sich früher die Trainingsplätze befanden. Nicht der Asphalt mit den Tribünenresten und der letzten Stadionwand als Überbleibsel – eben gerade nicht der Ort, wo der alte Hardturm stand.

Die Brache sei «eine autonom legale Zone». Heisst? «Man kann alles machen, das andere nicht beeinträchtigt, aber man soll dann auch bereit sein, längerfristig Verantwortung zu tragen.» Man sieht die Begeisterung in De Valliers Augen noch durch die verspiegelte Sonnenbrille. Müssen tut man aber nichts ausser rücksichtsvoll sein. So gibt es etwa keine Abfallkübel – weil zu den Nutzungsregeln gehört, dass man allen Müll wieder wegbringt. Es scheint zu funktionieren.

Ana Haugwitz arbeitet seit ein paar Monaten ebenfalls als Brachenpflegerin. Während den ersten Pandemiewochen begann sie, immer mehr Zeit auf dem Areal zu verbringen und hat entdeckt, wie wichtig ihr dieser Freiraum ist. (Bild: Evan Ruetsch)

Ana Haugwitz arbeitet seit Juni ebenfalls als Brachenpflegerin. Erst im Lockdown habe sie begonnen, viel Zeit auf der Brache zu verbringen. Haugwitz habe Körbe flechten wollen. «Das hat mich berührt, eine Alternative zu Arbeit, Netflix und Onlineshopping.» Als sie sich für die Stelle bewarb, hatte sie Respekt vor einem Ort, auf den «so viele Stimmen einwirken». Nun, wo Haugwitz hier arbeitet, hat sie das Gefühl, die Pandemie habe den Ort nochmals anders geöffnet. «Vorher gab es viele Partynutzer*innen, so dass sich andere vielleicht verdrängt fühlten.» Jetzt sei es noch offener, ein Ort, «an dem man sich in Gedanken verlieren kann.»

Das ist die Geschichte des real existierenden Freiraums. Länger zurück reicht die Geschichte des noch immer inexistenten Stadions. In diesen Tagen stimmt Zürich wiedermal darüber ab.

Genau 17 Jahre und 20 Tage nachdem die Zürcher Stimmberechtigten erstmals einem neuen Stadion auf dem Hardturm zugestimmt hatten. Schon damals war die Crédit Suisse der entscheidende Player, aber auch die Stadt wollte sich mit hundert Millionen Franken am Projekt beteiligen, das aus heutiger Sicht ausserirdisch gross klingt: 47 Meter hoch das Stadion, 30’000 Plätze für Fussballfans, ein Einkaufszentrum, Restaurants, ein Hotel. GC war gerade zum 27. und bisher letzten Mal Schweizer Meister geworden. Wachstums- traf auf Fussballfieber. Fast zwei Drittel stimmten zu.

Aber gebaut wurde nicht. Einsprachen verzögerten das auf die EM 2008 ausgelegte Stadion, 2009 gab es die CS komplett auf. 2010 verkaufte die Bank der Stadt das Areal für 50 Millionen Franken.

FCZ und GC kickten bereits im auf die EM hin tatsächlich umgebauten Leichtathletikstadion im Letzigrund. Viele Fans waren unzufrieden mit der Atmosphäre. «Vor kurzem wurden wir belehrt, dass Zürich ein neues, ‹echtes› Fussballstadion brauche, weil nur dort das ‹wahre›Fussballfieber steige. Der Letzigrund, das ‹schönste Stadion der Schweiz›, erfülle diese Bedingung schlicht nicht: zu chic, die Ränge zu wenig steil, zu leichtathletisch die Ausrichtung», beschrieb 2011 der damalige Chefredaktor der NZZ, Markus Spillmann, die Argumente für einen Stadion-Neubau im Hardturm mit etwas nöligem Unterton.

Heute ist Spillmann Partner der Agentur KMES und kommuniziert für die Ja-Kampagne. Selbst wenn man der CS Fragen zum Stadion-Plan schickt, erhält man seine Antworten von Spillmann. Damals, als es um ein Stadion mit öffentlichen Geldern ging, war Spillmann kritisch: «Die Skepsis nagt». «Im Bereich stadtzürcherischer Sportstätten [...] gilt offenbar der Grundsatz des Klotzens, nicht des Kleckerns», schrieb er auch noch ein Jahr später. 220 Millionen Franken hätte das Stadion mit 16’000 Plätzen die Stadt kosten sollen; weitere 103 Millionen die geplante städtische Genossenschaftssiedlung. Laut Abstimmungszeitung sollte es der «prägnante Schlussstein» in der Entwicklung von Zürich-West» sein.

Hinter der grünen Brachenvielfalt grüssen die Aktienmärkte an der Schweizer Börse – in Zürich-West begegnen sich Gegensätze.

2013 stimmten die Zürcher*innen – wieder im September! – für die Wohnungen und knapp gegen das Stadion. Damit war beides gescheitert: Die CS hat sich beim Verkauf des Areals ein Rückkaufsrecht bis 2035 ausbedingt, falls kein Stadion gebaut wird. Das Nein erklärte man sich damit, dass viele nicht verstünden, weshalb die öffentliche Hand den Fussballclubs ein Stadion zahlt. Die Situation schien verfahren. Der Stadtrat schrieb einen Investorenwettbewerb aus. Zwei Jahre später gewann das «Projekt Ensemble» diesen. «Ensemble» verbindet mit der Baufirma HRS, der CS und der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich ABZ zwei renditeorientierte Player mit einem, der gemeinnützigen Wohnraum schaffen will.

Ein offenbar mehrheitsfähiger Spagat: Im November 2018 – endlich mal in einem anderen Monat – stimmten 53,8 Prozent dafür. Dagegen war ein einziger Wahlkreis: Der Kreis 10 hat Nein gestimmt. In Höngg ist der Widerstand stark, weil das «Projekt Ensemble» die Aussicht verschlechtert. Denn zu «Ensemble» gehören mit 137 Metern auch die künftigen höchsten Gebäude der Stadt.

Der Leitgedanke vom «Projekt Ensemble» ist – laut Planungsbericht – das Anstreben einer «nachhaltigen und quartierverträglichen Überbauung», laut der Baufirma HRS ist «Ensemble» sogar «vorbildlich quartierverträglich». (https://hrs.ch/projekte/hardturm-areal). Der Verein Stadionbrache darf das Areal dank einem Vertrag mit der Stadt bis zum Baubeginn «quartierverträglich» – so die offizielle Formulierung – nutzen.

In der Raumplanung setzen wir eigentlich auf Nutzmischung, damit eine Stadt belebt wird.
Raumplaner und GC-Fan Lars Kaiser

Hochhäuser und Gärten nennen sich also gleichermassen quartierverträglich. Das Quartier ist ja auch voller Gegensätze. Das Hardturm-Areal grenzt an die Bernoulli-Häuser aus den 20er-Jahren, die gemeinschaftliche Siedlung Kraftwerk 1, den Rundbau der à-Porta-Stiftung. Ist das das Quartier? Oder sind es die Neubauwohnungen, die Vier-Sterne-Hotels, die ausladende Weite von Hardturm bis zum Pfingstweidpark? Welches Quartier ist gemeint? Die Antwort, die «Ensemble» geben will, ist: Beide.

Die 174 geplanten Genossenschaftswohnungen docken ans bestehende Quartier an; in der Mitte des Areals soll das Stadion stehen. Am westlichsten Punkt, als Grusswort an die, die in die Stadt einfahren: die beiden Hochhäuser mit 570 Wohnungen. In den Türmen soll es ein «breites Spektrum von Wohnungen» geben, heisst es relativ offen. 2300 Franken sollen die 2.5-Zimmer-Wohnungen im Durchschnitt kosten; 3200 Franken die 4.5-Zimmer-Wohnungen. Noch höhere Mieten zahlt wohl, wer die Stadt von ganz oben überblicken will. «Den Abschluss der Wohnhochhäuser bilden überhohe Attikageschosse mit Duplexwohnungen», heisst es im Gestaltungsplan.

Sind Hochhäuser ein guter Weg, um zu verdichten? Schaffen sie lebendige Quartiere? Der Raumplaner Lars Kaiser ist skeptisch: «In der Raumplanung setzen wir eigentlich auf Nutzmischung, damit eine Stadt belebt wird.» Da Nachbarschaft in Hochhäusern vertikal ist, sei das schwierig. Auch ermöglichen sie nicht zwingend eine höhere Dichte: «Die Abstände um Hochhäuser sind per Gesetz so gross, dass in sechs- bis achtgeschossigen Blocks meist ähnlich viel Menschen auf derselben Fläche wohnen.»

Immerhin gehören Genossenschaftswohnungen zum Projekt. Allerdings sind es bloss 23 Prozent aller Wohnungen von «Ensemble» – ein Anteil unter dem stadtweiten Schnitt gemeinnützigen Wohnens, welcher bei gut 26 Prozent liegt. Die Befürworter*innen werden nicht müde, zu betonen, dass die CS der Stadt 125 Wohnungen «angeboten» hat, damit das Ziel von 33 Prozent gemeinnütziger Wohnungen erreicht wird. Ein «Angebot» ist aber kein Geschenk, sondern meint den Marktpreis: Die CS würde der öffentlichen Hand also zum normalen renditeorientierten Preis in der Stadt verteilt Wohnungen verkaufen, die die Stadt dann als gemeinnützig vermieten könnte. Um die 100 Millionen Franken würde die CS laut Rechnung des «Tages-Anzeiger» also für ihr Angebot heuschen.

Da dem Kauf dieser 125 Wohnungen ohnehin eine weitere Abstimmung vorangehen würde, steht er jetzt eigentlich nicht zur Diskussion, sondern bloss im Argumentarium der Befürworter*innen. Auch Kaiser sagt: «Das wird extrem teuer – ich sehe keine Chance auf mehr gemeinnützigen Wohnraum.»

Der Raumplaner hat trotzdem ein Ja eingelegt. Vieles in Zürich-West sei jetzt schon schlimmer als die geplanten Hochhäuser. Das Stadion sei «richtig toll», mit so steilen Rampen wie man sie sich für eine gute Fan-Atmosphäre nur wünschen kann. Und natürlich ohne Tartanbahn – anders als im ungeliebten Letzigrund. Auch wenn man ignoriere, dass hier GCs Heimat sei, gebe es kein idealeres Brachareal als den Hardturm, sagt Kaiser: «Du kannst schon fordern: Bauen wir in Stettbach! Aber dann baut man auf der grünen Wiese. Das ist angesichts der Zersiedlung nicht zu bevorzugen.»

Zürich-West brauche Belebung. «Zwischen Toni-Areal und Hardturm ist alles so durchgestylt, du hast nichts vom Raum, er gibt nichts mit.» Und ein Stadion gibt etwas mit? Lars Kaiser gibt es etwas mit. Er ist nämlich Fussballfan. Seit seiner Jugend fiebert er mit den Grasshoppers mit. Also stimmt sein Fussballerherz gegen sein Raumplanerwissen? Kaiser winkt ab. «Es ist kein Dilemma, es ist ein guter Kompromiss.»

Kaiser ist Anfang der 1990er-Jahre geboren. Mitte der 1990er hat GC noch in der Champions League gespielt. Heute ist der letzte Meistertitel 17 Jahre her, GC abgestiegen und im Besitz des chinesischen «Champion Union HK Holdings Limited». Weshalb hat Kaiser zum Verein gehalten? «GC ist wie eine Soap Opera: Dauernd wird versprochen, man knüpfe an die Erfolge an, jetzt werde aufgeräumt. Und es ging ja nicht bloss bergab! Es gibt Lichtblicke wie den Cup-Sieg 2013.» Momentan gehe er aber kaum an Spiele. «Mir fehlt die Zeit, mit dem Abstieg hat das nichts zu tun – nein!», sagt Kaiser lachend. Im Letzigrund komme aber wirklich kaum Stimmung auf. Draussen ist es zwar laut, im Stadion selbst sei es leise. «Weil die flachen Tribünen und die offene Bauweise den Schall raustragen.»

Die Überreste des letzten Sitzplatz auf der verwilderten Tribüne der Stadionbrache ist für einmal in Vereinsfarben dekoriert. (Bild: Evan Ruetsch)

Der langjährige GC-Fan Ralf Müller, der in Wirklichkeit anders heisst, trifft Tsüri.ch lieber auf den Tribünenresten der Stadionbrache als beim Letzigrund. «Dort hinten» sei es recht steril. Trotzdem besucht Müller fast jedes Spiel. «Es muss schon was Grösseres passieren, dass ich nicht gehe.» Auch auf der Brache sei er regelmässig, das Areal liege auf seiner Spaziergangroute. Besonders jetzt, wo er in Kurzarbeit ist, komme er gerne her.

Müller zeigt auf der Brache die kahlen Überreste des allerletzten Stadionsitzes und gleich daneben den Kachelboden, wo früher die Klos waren. «Das Bild der Flutlichtmasten, als ich als Kind das erste Mal mit meinem Vater im Hardturm war, hat sich eingebrannt.» Hier sei er quasi aufgewachsen. Als es 2007 hiess, GC müsse in den Letzigrund, glaubte er, das wäre für zwei, drei Saisons. «Wie alt war ich da? 17? Der Verein dachte, es klappe schnell. Deshalb hat man das Alte bald abgerissen.»

Der GC-Fan kann die Kritik an den Hochhäusern nachvollziehen, auch ist er kein Fan der CS als Investorin von «Ensemble» und Namenspatron der Crédit Suisse Arena – wie das Stadion heissen würde. Er selbst hätte das öffentlich finanzierte Stadion von 2013 bevorzugt. «Aber das gibt es nicht und privaten Investor*innen kann man nicht zig Auflagen machen, wenn sie das Risiko selbst tragen.» Schliesslich gehe es um die Frage: Will man ein Stadion oder will man keins?

Für GC sei ein neues Stadion entscheidend. Jedes Heimspiel im Letzigrund sei ein Minusgeschäft. «Ohne dieses Stadion wird bei GC nichts mehr, wie es früher war.» Gegenwärtig ist bei GC nämlich nichts wie früher. Einiges im Verein frustriert Müller. Er habe sich aus der Stadt entfernt, sei wenig greifbar. «Jetzt ist man nur noch Teil eines Geschäftsmodells. Ich hab schon fünf, sechs Präsidenten erlebt, auch die chinesischen Investor*innen werden nicht 50 Jahre bleiben.» Aber es sei klar, dass sich die Besitzerin Jenny Wang weder für Fans noch den Nachwuchs interessiere. «Sie wird nicht kommen und sagen: «Lasst uns zusammen ins Niederdörfli gehen!»» Ein Lichtblick für Müller: Dass Adrian Fetscherin, ein alter Bekannter aus dem GC-Universum, nun in der Geschäftsleitung ist. «Er macht viel, er will aufbauen, aber sein Vorgänger hat halt zu wenig gemacht.»

Einige Tage nach dem Gespräch beim ehemaligen Kachelboden der Hardturm-Klos wird der neue GC-Präsident Sky Sun die Fans per Videobotschaft aus China zum Abstimmen aufrufen: «Let us win us the glorious days back in Zurich together!» «Es war eine sehr motivierende Botschaft», schreibt Adrian Fetscherin auf Anfrage. Zur Frustration des treuen GC-Fans meint er: «Richtig ist, dass wir in der Vergangenheit nicht nur Gutes, sondern auch weniger Erfreuliches erlebt haben. Aber wir blicken nach vorne.» Im Hinblick auf die Zukunft sei GC sehr zuversichtlich. «Das gilt auch für das Stadionprojekt.» Er spüre von vielen Zürcher*innen Unterstützung. «Längst nicht nur von GC- oder Fussball-Anhänger*innen.»

Weshalb stellt man es in ein verdichtetes Wohnquartier? Als der alte Hardturm gebaut worden ist, war hier noch nichts.
Lisa Kromer von der IG Freiräume

2018 stimmte man darüber ab, ob die Stadt dem «Projekt Ensemble» das Areal im Baurecht abgibt. Nun geht es um den Gestaltungsplan. In der vierten Stadionabstimmung geht es also um einen anderen Aspekt desselben wie in der dritten. FCZ-Präsident Ancillo Canepa nannte es «unanständig» und «respektlos», als die IG Freiräume das Referendum ergriff. Dessen ungeachtet kamen gegen den Gestaltungsplan 5000 statt die nötigen 2000 Unterschriften zusammen.

Die Befürworter*innen stilisieren das Projekt als alternativlos. Weil die CS eben ein Rückkaufsrecht hat, wenn 2035 kein Stadion steht oder geplant ist. Das ist einer der Gründe, die Lars Kaiser zu einem Ja bewegen: «Die Stadt hat es schon vorher verspielt.» Wenn das «Projekt Ensemble» abgelehnt werde, habe die CS auf dem Areal freie Hand. Kein Stadion, keine gemeinnützige Wohnungen – blosse Renditeprojekte. Wieso also dagegen stimmen?

Lisa Kromer glaubt, dass es nicht schlimmer kommen könne als so. Die Sprecherin der IG Freiräume Zürich-West, die das Referendum ergriffen hat, beruft sich auf Dr. Norbert C. Novotny, einem Ingenieur und Architekten im Pensionsalter. Gemäss dessen «Grobschätzung» könne man mit der grauen Energie, die für den Bau der beiden Hochhäuser draufgeht, 6000 neue Wohnungen während 50 Jahren heizen. Laut der Baufirma HRS ist das «Projekt Ensemble» «nach den energetischen Voraussetzungen der 2'000 Watt Gesellschaft entwickelt». Falls hingegen Novotnys «Grobschätzung» zutrifft, wäre es wohl eher ein Klimakiller.

Lisa Kromer von der IG Freiräume Zürich-West findet die Entwicklung der Stadt «weder ökologisch noch menschenfreundlich. (Bild: Evan Ruetsch)

Das Areal-Stück, wo heute noch ein Parkhaus steht, gehört ohnehin der Stadt. Einst, bevor die CS an die Stadt verkauft hat, gab es das Alternativlosigkeitsargument darum umgekehrt. «Der Landanteil der Stadt, der für den Bau des Stadions bestimmt war, fiele wieder an die Stadt zurück, was die Überbauung des Restgrundstücks erschweren würde», analysierte der Gründer des Architekturmagazin «Hochparterre» vor 15 Jahren.

Die IG Freiräume möchte, dass die Stadt der CS das Vorkaufsrecht abkauft. Gemäss einer NZZ-Berechnung würde das allerdings hunderte Millionen Franken kosten. Viele Fussballfans sind mit dem Letzigrund unzufrieden, weil er nicht dem Fussball vorbehalten ist. Man kann ihn aber auch dafür loben. «Andere Städte beneiden uns um den Letzigrund. Ein Stadion, das so oft von Leichtathletik, Fussball und Konzerten ausgelastet ist», sagt Kromer. Wenn der Letzigrund Sanierungsbedarf hat oder verbesserungswürdig sei, solle man ihn anpassen. «Das ist die günstigste und ökologischste Variante.» Wenn es unbedingt ein zweites Stadion brauche: «Weshalb stellt man es in ein verdichtetes Wohnquartier? Als der alte Hardturm gebaut worden ist, war hier noch nichts.»

Kromer wohnt nicht weit von der Brache. Ihr eigenes Umfeld sei mehrheitlich gegen das «Projekt Ensemble». Ältere Zürcher*innen, etwa aus der Grünau, fürchten, dass Trams verstopft sein werden oder während Fanmärschen gar nicht bis zu ihnen fahren. Als es vor rund einem Jahr zu «einem Clash von FCZ- und GC-Fans» kam, habe sie gemerkt, dass erstmals auch die «wohlhabenden Bewohner*innen der neuen Siedlungen» – die das alte Stadion nicht erlebten – da dagegen seien.

Selbst wenn die CS das verkaufte Land zurückkauft, könne diese laut Kromer nicht machen, was sie will. «Jedes Projekt ausserhalb der Bau- und Zonenordnung braucht einen Gestaltungsplan, jeder neue Gestaltungsplan kann bekämpft werden.» Darum könne die CS nicht einfach vier Türme hinstellen. «Ohne Gestaltungsplan gibt es schlimmstenfalls mehr von dem, was man in Zürich-West schon kennt: Viele sechsgeschossige Blockrandbauten oder einen 80-Meter-Turm.»

Am Vortag des Gesprächs mit Tsüri.ch traf sich Kromer mit dem Initianten von Fussballgarten.ch, eine Plattform auf der GC-Fans Geld für Hochbeete sammeln. Die Hochbeete sollen rund ums Stadion postiert werden – eine Spende, ein Entgegenkommen an die heutigen Stadiongärtner*innen. Kromer fand das Treffen sehr gut und respektvoll, aber es habe einmal mehr gezeigt, dass man sich nicht einig werde. «GC will auf den Hardturm. Das ist eine Identitätsfrage.» Dabei gehe es der IG Freiräume natürlich nicht «um ein paar Hochbeete», sondern darum, wie sich die Stadt entwickelt. «So wie es jetzt der Fall ist: Weder ökologisch noch menschenfreundlich.»

Und womöglich illegal laut: Kürzlich brachte der «Tages-Anzeiger» aber eine geänderte Rechtspraxis in die Debatte ein. Setzt sich die durch, würde es womöglich in 119 Hochhauswohnungen lauter sein als erlaubt. Kromer sagt: «Es kann sein, dass es am Lärm scheitert. Bis zur Baubewilligung muss das Stadion noch einige Hürden nehmen. Ein Nein wäre eine saubere Lösung: Leerer Tisch und man könnte sich überlegen, was man mit dem Areal machen will.» Die IG Freiräume Zürich-West wolle nicht einfach die Zwischennutzung in ihrer jetzigen Form erhalten. «Statt einem Parkhaus könnte ein Park als Lärmriegel eingerichtet werden.» Auf dem Rest des Areals würden gemeinnützige Siedlungen für 2000 Menschen gebaut. Für mehr Menschen, als in «Ensemble» wohnen würden. Das tönt gut.

Diese Pläne sind aber unkonkret. Das, was die NZZ «Vision der IG Freiräume» nennt, ist eine Zeichnung der Genossenschaft Nena 1.

Kromer sagt, es gehe um Grundsätzliches. Natürlich sollte man aus ökologischer Konsequenz so gut wie alle Grossprojekte ablehnen. Davon abgesehen laufen in diesem Areal einfach unglaublich viele Bedürfnisse einander zuwider: Fussballfans wollen ein neues Stadion. Eine Genossenschaft will ihre Siedlung realisieren. Andere Genossenschaften kommen nicht zum Zug und hätten eigene Ideen. Die direkten Anwohner*innen möchten möglichst viel grün und möglichst wenig Asphalt, der die Temperatur hochtreibt. Die, die am Hang leben wollen keine Hochhäuser. Wer die Stadionbrache als Freiraum nutzt, will dass sie möglichst bleibt. Die CS möchte Rendite – was wohl eher Gegner*innen mobilisiert.

Direkt auf der Brache darf weder gegen noch für das neue Stadion geworben werden – die Anwohner*innen auf der anderen Strassenseite haben aber eine klare Meinung. (Bild: Evan Ruetsch)

SP und Grüne sind wie 2018 dagegen, dieses Mal hat auch die AL die Nein-Parole ergriffen. Bekannte Linke und Grüne, etwa Balthasar Glättli, setzen sich aber auch für «Ensemble» ein. An den Fronten hat sich wenig geändert – trotzdem hört man Leute tuscheln. An Veranstaltungen, am Nebentisch im Restaurant, wenn der ICE in die Stadt einfährt, fragen sie: Kommt nun der neue Hardturm?

Samstag, 12. September, wie schon in der Woche davor, verteilen junge Frauen und Männer in der Europaallee und am Limmatplatz Schokolade und werben für ein Ja. Auf der Stadionbrache wird nicht geworben, das ist der Zwischennutzung untersagt. Dort ist «Lampionfest». Es sind vielleicht 200, 300 Leute da. Die Pfadi Höngg knetet Teig fürs Schlangenbrot, zwischen den Gartenbeeten liegt jemand telefonierend im Gras, ein Kampfsport-Verein zeigt eine Darbietung mit Drachenfiguren. Gegen Kollekte gibt es Risotto, Familien grillieren über Feuerschalen. Ein jugendlicher FCZ-Fan ist am Sprayen. Die Mehrheit in seinem FCZ-Umfeld werde Nein stimmen. Am Samstagabend wirkt sein Argument schockierend nüchtern: Die Kosten im Letzigrund seien bereits zu hoch – was, wenn da nur noch Leichtathletik ist? Zudem fände er es schade um diesen Ort.

Der Ort! Dieser Artikel ist unausgeglichen. Die Eindrücke von der Brache nehmen viel Raum ein, auch der GC-Fan wollte sich hier treffen. Das ist die Krux an Stadtentwicklung. Nur Orte, die da sind, kann man spüren – manche zumindest. In anderen Teilen von Zürich-West spürt man gar nichts mehr.

Der Treffpunkt des Vereins Stadionbrache an einem Montag nach dem Mittagessen. (Bild: Evan Ruetsch)

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