Spasspolitiker Jon Gnarr im Interview: «Comedy ist die beste Antwort auf den Rechtsrutsch in Europa»

Der ehemalige Bürgermeister von Reykjavik über Anarchie, Spass, Zürich, Politik und Surrrealismus
09. November 2015
Was passiert, wenn ein Künstler mit einer surrealistischen Spasspartei völlig überraschend zum Bürgermeister einer europäischen Hauptstadt gewählt wird? Diese Geschichte ist Jon Gnarr passiert.

«Welcome to the Revolution!» waren Jon Gnarrs erste Worte als die Sensation perfekt war. Er und seine «Best Party» gewannen 2010 völlig überraschend die Wahl zu Reykjaviks Bürgermeister. Eine Sensation war dieser Wahlsieg aus zwei Gründen: Erstens ist Jon Gnarr kein Politiker sondern Musiker, Komiker und Anarchist. Zweitens verzichtete seine Partei auf einen ernsthaften Wahlkampf und wirbelte die Politlandschaft mit Comedy und leeren Wahlversprechen durcheinander: einen Eisbären für den Zoo, gratis Handtücher im Schwimmbad, ein Drogen freies Parlament bis 2020.

Als der Isländer und seine Frau am Zürcher Flughafen ankommen, sind die beiden bereits seit 13 Stunden unterwegs – und entsprechend müde. Müde sein, so Jon Gnarr, sei wie ein Drogentrip – darum sei er nie zu müde, um zu sprechen; antwortet er auf die entsprechende Frage. Also setzen wir uns in den Zug nach Basel, wo er am Literaturfestival aus seinem Buch liest.

Für mich und einige meiner Freunde sind Sie eine Art Popstar – eine Hoffnung, dass Politik ehrlicher, lustiger und authentischer sein kann. Verstehen Sie das?
Ja – manchmal bin ich über die Reaktionen auch etwas überrascht. Als ich die «Best Party» gründete, erwartete ich keine internationale Aufmerksamkeit. Ich mag es aber, dass sich junge Leute dafür interessieren und kriege viele Nachrichten aus der ganzen Welt – auch von Menschen, die in schwierigen Situationen stecken – zum Beispiel in der Ukraine. Dann wünsche ich mir, ich könnte dort hin gehen und die Probleme lösen. Die Aufmerksamkeit ist insofern auch eine grosse Verantwortung.

Mögen Sie diese Verantwortung oder ist es eher ein Druck?
Wenn mir Menschen zuhören und über das Gesagte nachdenken, muss ich sehr genau überlegen, was ich sage. Ich bin mir meiner Verantwortung sehr bewusst und freue mich, wenn ich Menschen inspirieren kann.

Auch ihre Auffassung von Anarchie hat mit Verantwortung zu tun.
Ja, die Anarchie ist eine Kombination aus Freiheit und Verantwortung. Sie ist die einzige realistische Freiheit für die Menschen. Momentan ist eine andere Form der Freiheit etwas populärer – und zwar jene des freien Marktes. Aber das Problem am Kapitalismus ist, dass er keine Verantwortung kennt. Er schafft Gewinne, ohne dass jemand die Konsequenzen für sein Handeln tragen muss. Insofern gilt diese Freiheit für wenige, aber nicht für die Mehrheit. Demgegenüber ist die anarchistische Freiheit humaner und richtiger. Aber auch eine Utopie.

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War diese Freiheit auch eine Utopie, als Sie Bürgermeister waren?
Auf eine Art schon. Das Hauptproblem zu dieser Zeit war die politische Instabilität in Reykjavik: Es entstanden dauernd neue Mehrheiten und die Bürgermeister wechselten oft – es war ein Chaos. Wir brachten die Stabilität zurück – nur schon darum, weil wir im Amt blieben. So ist es kein Widerspruch, dass Anarchie Stabilität bringt. Sie ist zudem fairer als der Kapitalismus, weil mehr Menschen eine echte Chance haben, an der Freiheit teilzuhaben.

Macht Sie diese Kapitalismuskritik zu einem linken Politiker?
Ich bezeichne mich als sozialistischer Libertärer (lacht). Wir müssen akzeptieren, dass der Kapitalismus nie weggehen wird – er ist für immer hier. Darum müssen wir einen Weg finden, mit ihm Frieden zu schliessen. Etwa so, wie der Sozialismus mit dem Markt Frieden schloss und daraus die Sozialdemokratie entwickelte. Das reicht aber nicht, wir müssen einen Schritt weitergehen, weil die Sozialdemokratie langweilig ist. Sie ist durchschaubar und langweilig und trotzdem das beste System, das wir bis jetzt gefunden haben: Ein wenig Sozialismus kombiniert mit etwas Kapitalismus. Was fehlt, ist die Anarchie: Sie würde das ganze System besser machen.

War es einer der Erfolgsgründe für die «Best Party», dass Sie sich nicht auf dem Linksrechts-Schema einordnen lassen?
Ich denke schon. Ich versuche, einen neuen Weg zu finden, eine neue Alternative.

Neben dem Vermeiden der Linksrechts-Argumentation und der politischen Instabilität, was waren die Voraussetzungen für den Erfolg mit der «Best Party»?
Die Bewegung wurde durch mich gefüllt, ich wurde zum Anführer der «Best Party» – ein bisschen wie ein Guru. Natürlich lag es nicht nur an mir, aber viele Leute stiessen dazu, weil wir einen Anführer hatten. Ich war so naiv und dumm, weil ich keiner Politik folgte und nur ein Spektakel inszenieren wollte. Ich wollte ein Theater machen und dieses in die Medien tragen. Der Charakter sollte in den News auftreten – das war meine Rolle. Plötzlich wurde die Bewegung viel grösser als ich, wodurch ich die Kontrolle verlor und selber zum Follower wurde.

Woran haben Sie das bemerkt?
Wir hatten viele Musiker in der Partei. Diese wollten einen Kampagnensong machen, gegen den ich mich zuerst wehrte. Vor dem Song kamen wir in den Umfragen auf zehn bis zwölf Prozent. Nach der Veröffentlichung waren es vierzig! Der Song veränderte alles – er war ein Game Changer. Wir brachten Spass in den Wahlkampf.

Kann Humor die politische Kultur verändern?
Ja, für mich ist es ein Weg des Denkens: All diese Ernsthaftigkeit, die ich in meinem Leben erfahren habe, all diese ernsten Leute. Ernsthaftigkeit ist ein Teil des Spiels. Wenn jemand absolut keine Ahnung hat, setzt er ein ernstes Gesicht auf. Damit gibt er anderen die Illusion, alles sei unter Kontrolle. Wenn im Gegensatz jemand freundlich und lustig ist, wird er schnell als billig wahrgenommen. Das ist einfach nicht richtig. Wir brauchen Humor – mehr denn je. Denn Humor ist Teil unserer Intelligenz und macht das Leben spannend und weniger vorhersehbar.

Welchen Rat geben Sie mir, wenn ich eine Best Party in Zürich machen wollte?
Tun Sie es! Beachten Sie aber die feine Linie zwischen Mut und Dummheit. Manchmal weiss ich selber nicht, wo diese liegt.

Und woher nehme ich die Inspiration?
Ich fand sie in der Kunst – vor allem im Surrealismus. Er trägt Comedy in die Kunst und ist zudem sehr politisch.

Ist Humor Ihre Antwort auf alles?
(Lacht) Ja! Comedy ist auch die beste Antwort auf Faschismus und den Rechtsrutsch in Europa, weil Faschismus nicht lustig sein kann. Die Rechten schreien danach, dass wir uns über sie lustig machen. Zwar versuchen sie selber auch witzig zu sein – aber es klappt nicht. Es ist ein Spiel, das sie nicht gewinnen können. Darum ermutige ich Sie sehr, eine «Best Party» zu gründen.

Ist es wichtig, eine Gegenwelt zu konstruieren? Ein Theater zu spielen?
Ja, das ist es. Und es braucht viel Energie und ist harte Arbeit, dies am Leben und interessant zu halten. Bevor ich die «Best Party» gründete, las ich André Bretons Manifeste des Surrealismus. Er sagt, Surrealismus und Anarchie seien dasselbe. Ich stimme ihm zu: Sie erschaffen eine freundliche und kreative Albernheit – mit viel Inhalt.

Sind so viele Menschen Politikverdrossen, weil der Spass fehlt?
Ja, wer Spass macht, wird oft nicht ernstgenommen. Ich ermutige aber alle, mehr Freude und Spass in die Politik zu bringen. Denn die Politik wurde langweilig und vorhersehbar – sie ist schlicht nicht interessant. Dabei hätten zum Beispiel Parteitage ein grosses Potenzial, spannend zu sein. Aber sie sind langweilig und kompliziert. Wie eine langweilige TV-Show, die nicht mal lustig ist. Ich denke, wir können einen Weg finden, Politik spannend zu machen. Die «Best Party» ist ein Beispiel, wie es funktionieren kann. Mein Traum ist eine grosse surrealistische Bewegung in Europa.
Selfie des Interviewers und des Interviewten
Ist die Zeit reif dafür?
Es hat immer Zeit und Platz für Surrealismus. Auch der EU würde eine Portion gut tun. Sie war eine brillante Idee, Europa zu vereinen und Frieden zu schaffen. Jetzt haben wir sie und sie ist sehr, sehr langweilig. Versuchen Sie jemanden zu finden, der sich für die EU begeistert. Genau das bräuchten wir! Darum würde ich die «Best Party» gerne im Europaparlament sehen.

Was hindert Sie daran?
Die «Best Party» ist gut mit einer Überraschungsparty zu vergleichen: Es ist die Überraschung, die Spass macht. Das Problem ist aber, dass eine Überraschung nicht ewig hält – sie wird normal. Darum müssen wir die Überraschungsparty stoppen, kurz warten und dann eine nächste organisieren (lacht). Nach meiner Amtszeit war die Best Party vorbei, weil sie keine Überraschung mehr war. Ich müsste eine neue Idee und Strategie erfinden.

Ist das ein Versprechen, dass Sie in die Politik zurückkehren?
(Lacht) Nein. Nein, ich bin zu alt dafür – ich will nicht in die Politik zurück. Viele Personen wollten, dass ich der nächste Präsident von Island werde – und ich wäre wohl locker gewählt worden. Aber ich wollte nicht.

War dies eine einfache Entscheidung?
Nein, das hat mit Verantwortung und Respekt zu tun. Ich wäre ein guter Präsident geworden, aber es gibt andere Dinge, die ich tun will.

Noch eine Bitte zum Schluss: Erzählen Sie mir Ihren Lieblingswitz?
Er ist aus den «Deep Thoughts» von Jack Handy und immer, wenn ich daran denke, muss ich lachen. Also, es ist ein altes Sprichwort der Wikinger: «Ax in the head, early to bed; ax in the helmet, a friend of Helmut». Ich liebe das (lacht laut).

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