Eine unerträgliche Arbeit erträglicher machen: Sozialarbeiter*innen auf dem Strichplatz

Sie arbeiten das ganze Jahr über auf einem der wohl umstrittensten Arbeitsplätze Zürichs: die Sozialarbeiter*innen auf dem Strichplatz in Altstetten. Ein Blick auf das Geschehen rund um die Sexboxen bei Tageslicht.
17. April 2018

Die silbernen Pumps stehen unbenutzt auf dem Regal im Gemeinschaftsraum. Bald werden sie in Gebrauch genommen. Vor dem Pavillon auf dem Strichplatz in Altstetten treiben die Blätter über den leeren Asphalt. Die bunten Lichter in den Büschen werden erst mit den Strassenlaternen angehen. Jetzt wirkt alles verlassen. Aber nicht mehr lange, denn bald kommen die Sozialarbeiter*innen. Ihr Arbeitsalltag: Zwischen Kondomen, Präventionsplakaten und Kaffeebechern ein wenig Wärme auf den Strichplatz bringen.

16.30 Uhr: Vor dem Tor zum Strichplatz

Ursula Kocher steht vor dem Eingang zum Strichplatz. Das grüne Tor gibt den Blick frei auf den kahlen Platz vor den Sexboxen. Bei Tageslicht stehen die braunen Holzverschläge einsam da, fast so wie verlassene Strandkörbe im Winter. Mit dem Unterschied, dass die Sexboxen nie Nebensaison haben. «Im Sommer kommen noch mehr Freier als im Winter. Aber auch heute Abend werden 20 bis 30 Frauen da sein.» sagt Ursula Kocher. Die Sozialarbeiter*innen der Frauenberatungsstelle Flora Dora sind ebenfalls während des ganzen Jahres präsent auf dem Platz. Sie bieten den Frauen einen Rückzugsort, organisieren Präventionsveranstaltungen und versuchen die Bedürfnisse der verletzlichsten Gruppe des Sexgewerbes herauszuspüren. Ursula Kocher leitet die Frauenberatung der Stadt Zürich seit 13 Jahren. Sie war bei der Eröffnung des ungewöhnlichen Strichplatzes dabei, nachdem der offene Strassenstrich am Sihlquai geschlossen wurde. Damals waren die Sexboxen am Depotweg ein umstrittenes, heiss diskutiertes Projekt. Schon bei der Stadtzürcher Abstimmung im März 2012 sagten knappe 52.6 Prozent der Stimmbürger*innen Ja zum Strichplatz am Depotweg. «Wir werden in die Brunau gehen, unsere Kunden kommen nicht nach Altstetten», sagten einige Prostituierten. Die SVP protestierte mit einem Referendum gegen den Bau der Sexboxen, welcher mit Steuergeldern finanziert wurde. Selbst ausländische Medien berichteten über die Boxen in Zürich. «Romantisch sieht anders aus» schrieb die «Süddeutsche» über das 2,4 Millionen Franken teure Projekt. Ursula Kocher rannte während dieser Zeit von einer Veranstaltung zur nächsten, um für das Projekt am Depotweg zu kämpfen. Mittlerweile sind fast fünf Jahre vergangen. Die Befürchtung, dass sich der Strichplatz Richtung Brunau verlagere und der Depotweg leer bliebe, bestätigte sich nicht.

17.00 Uhr: Führung entlang der «Freier-Strasse»

Die Führung auf dem Strichplatz nimmt einige Zeit in Anspruch. Ursula Kocher hat vieles zu erzählen. «Es ist mir ein Anliegen, dass die Frauen unter sicheren Arbeitsbedingungen ihrem Geschäft nachgehen können», sagt sie. Nicht ohne Stolz erklärt sie, dass es bisher zu keiner schlimmeren Gewalttat gekommen sei. Früher sei es vorgekommen, dass sie Anrufe von Frauen erhielten, welche nackt und alleine im Wald standen. Diese Frauen wurden von ihren Freiern ausgesetzt und wussten dann nicht, wo sie sich befanden. Immer wieder sei es zu Übergriffen gekommen. Jeder Abschnitt auf der Strasse, die normalerweise von Freiern befahren wird, hat seine eigene Geschichte. Vieles entstand in Absprache mit den Frauen. Beispielsweise war ursprünglich geplant, dass die Frauen den «Service» – wie Ursula Kocher es ausdrückt– nur in den garagenähnlichen Boxen verrichten. Heute gibt es einfache Holzverschläge an beiden Seiten der ursprünglichen Boxen. Diese zwei Räume sind gerade so gross, dass eine dicke blaue Turnmatte Platz darin findet. In allen Boxen ist an der Wand ein Alarmknopf angebracht. Diesen können die Frauen im Falle eines Notfalls bedienen.

Wird der Knopf gedrückt, geht das Warnlicht an der jeweiligen Box an. Ein Scheinwerfer erleuchtet die Box und die Sozialarbeiter*innen erhalten ein Alarmsignal im Pavillon. Dies sei nur selten der Fall. Meistens werde der Knopf wegen eines Missverständnisses gedrückt. Es komme auch vor, dass sich ein Kunde beklagen wolle, wenn er mit dem rund zehn Minuten dauernden «Service» nicht zufrieden sei. «Wir versuchen in solchen Fällen einfach zu vermitteln» sagt Frau Kocher.

17.30 Uhr: Im Pavillon, dem Freier-freien Bereich

Es wird frisch draussen. Wir gehen die Stufen hoch zum 20-jährigen Pavillon. Das ist der «Freier-freie Bereich». Auf dem Tisch liegen Guezli und Äpfel – wahrscheinlich vom Vorabend. Neben dem Eingang stehen Plastikbehälter mit Kondomen in allen Grössen.

«Viele Freier weigern sich, diese zu benutzen. Ich probiere den Frauen immer wieder zu erklären, dass der Körper ihr Kapital ist. Mein Wunsch ist, dass sie gesund durch diese Zeit kommen.» Viele der Prostituierten sind nur für kurze Zeit hier, haben Kinder zuhause und wollen mit der Arbeit soviel Geld wie möglich nach Hause bringen. «Geld ist wirklich das einzige, was die Frauen aus diesem Job ziehen. Diese Arbeit macht niemand, der nicht wirklich in Not ist» sagt sie.
Die Meisten haben keine Waschmaschine in ihrem temporären Zuhause in Zürich. So bringen sie ihre ganze Wäsche hierher, um sie im Pavillon zu Waschen. Vor dem Arbeitsbeginn wird der Gemeinschaftsraum dann kurzerhand zur Umkleidekabine. Jeden Donnerstagnachmittag dient er den Sozialarbeiter*innen als Supervisionsraum. Hier besprechen sie die «ausserordentlichen» Fälle, «normale» Fälle gibt es bei dieser Arbeit kaum. In den letzten Jahren haben die Sozialarbeiter*innen ihre Wahrnehmung für mögliche Opfer von Menschenhandel sensibilisiert. Wenn sie bei einer Frau etwas in dieser Richtung vermuten, sprechen sie es konkret an. Dabei ist es Frau Kocher wichtig zu betonen, dass sie nicht dazu da sind, die Frauen auszuliefern, sondern um Beziehung und Vertrauen aufzubauen. Um den Frauen weiterhelfen zu können, arbeitet Flora Dora mit verschiedenen Ämtern zusammen.

18.00 Uhr: Psychohygiene im Gemeinschaftsraum

Die ersten Sozialarbeiter*innen trudeln ein. Heute ist es ein Mann und eine Frau. Als erstes gibt es eine Befindlichkeitsrunde. Dabei sprechen sie auch persönliche Dinge an, damit das Team sich gegenseitig unterstützen kann. Um in diesem Umfeld arbeiten zu können, brauche man auch einen guten Ausgleich. «Die einen gehen joggen, andere haben Pferde.» Niemand arbeitet 100%, das wird auch nicht gewünscht. Die Meisten wechseln die Arbeit nach zwei Jahren. Frau Kocher selbst ist schon seit bald 20 Jahren Sozialarbeiterin und leitet Flora Dora seit 2005. Seit ihre eigene Tochter im Teenageralter ist und damit bald ähnlich alt wie manche der Frauen auf dem Strichplatz, gehen ihr hie und da Begegnungen noch näher als früher. Sie habe sich auch schon überlegt, eine andere Arbeit anzunehmen. Es müsste jedoch eine sehr gute Alternative sein, die ihrem momentanen Job «Konkurrenz machen könnte». Denn trotz langjähriger Routine habe sie ihre Arbeit und die Frauen immer noch sehr gern.

18.30 Uhr: Geschäftiges Treiben vor dem eigentlichen Geschäftsbeginn

Eine Suppe köchelt auf dem Herd. In wenigen Minuten wird sie die leeren Mägen der Sexarbeiterinnen füllen. Alle Alarmknöpfe in den Sex-Boxen haben den Testlauf bestanden. Ob sie diese Nacht in Einsatz kommen? Wir werden es nicht erfahren, denn es ist Zeit, dass die Schreibende das Gelände verlässt. Während des laufenden Betriebs werden keine Journalist*innen auf dem Strichplatz geduldet. «Wir wollen nicht, dass sich die Frauen wie in einem Zoo ausgestellt fühlen» sagt Ursula Kocher. So geht, in dem Moment, in dem viele Zürcherinnen und Zürcher ihren Arbeitsplatz verlassen, die ruhige Zeit auf dem Strichplatz zu Ende. Der Arbeitsalltag in den kahlen Boxen und hinter der Tür des Pavillons beginnt.


Seit 1942 ist Sexarbeit in der Schweiz legal. Aktuell macht der Strassensex nur noch rund 9% des Gewerbes aus. Es ist der vulnerabelste Teil des Sexgewerbes, selbst der Lohn ist in diesem Teil verschwindend klein. Der grösste Teil des Gewerbes spielt sich hinter verschlossenen Türen (in Clubs, Bordellen und Privaten) oder im Internet ab. Seit fünf Jahren zählen Prostituierte auf dem Strassenstrich als selbstständig Erwerbende. Für die benötigte Arbeitsbewilligung müssen sie Volljährig sein, brauchen eine Aufenthaltsbewilligung und eine Krankenkassenversicherung. Wenn diese Arbeitsbewilligung fehlt, kassieren sie eine Busse von 200-300 Franken.


Alle Bilder von Lydia Lippuner

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