«Sonic Fiction» – Ein Aufruf, anders über Musik nachzudenken

Bei der Konzert- und Performanceserie im Schauspielhaus, die am 21. April startet, ist der Name Programm: «Sonic Fiction». In der ersten Ausgabe kollidieren die experimentellen Soundwelten Ben Frosts mit dem dunklen Avantgarde-Pop Jenny Hvals. Aber was hat es mit dem Begriff «Sonic Fiction» auf sich? Eine Spurensuche.
10. April 2018

Als der Musiktheoretiker Kodwo Eshun vor zwanzig Jahren den Begriff «Sonic Fiction» in seinem Buch «More Brilliant than the sun. Adventures in Sonic Fiction.» artikulierte, richtete er sich gegen die Musikjournalisten seiner Zeit, die mit abgedroschenen Floskeln und übertriebenem Pathos die damals neu aufkommenden Sounds zu beschreiben versuchten. «Sonic Fiction» war die Forderung nach einer neuen Sprache der Musik. Das Musiknetzwerk «Norient» hat nun zusammen mit dem «Rewire» Festival unter dem Titel «Sonic Fiction» eine Konzert- und Performanceserie ins Leben gerufen, die Eshuns Forderung zum eigenen Credo erhebt. Stets auf der Suche nach neuer Musik, Klängen und Lärm, nach neuen «Sonic Fictions» also, versuchen sie gleichsam, die eigenen Voraussetzungen dieses Erforschens immer neu zu verhandeln.

Auf den Spuren einer neuen Sprache

Kodwo Eshuns Kritik zielte vor allem auf die Art und Weise, wie hauptsächlich weisse Musikjournalist*innen über nicht-weisse Musik berichteten. Während weisse Rockmusik mit ihrer lyrischen Komplexität und den Klängen verzerrter Gitarren geradezu exemplarisch den modernen Zeitgeist mit all seinen Verfremdungseffekten zu verkörpern schien, und deswegen zu einer intellektuellen Auseinandersetzung aufforderte, galt die Musik der Afroamerikanischen Diaspora – wahlweise unter dem simplifizierenden Terminus «Black Music» zusammengefasst – als einfach und selbsterklärend. Hier herrschte der Rhythmus vor und über den konnte man scheinbar nicht sprechen. «Gute Musik spricht für sich. Keine Sleevenotes erforderlich. Geniess es einfach. Hör auf mit dem Scheiß. Zurück zu den Basics. Was gibt es noch hinzuzufügen?» So lauten entsprechend die ersten Zeilen in «More Brilliant than the sun.», mit denen Eshun abschätzig diese Haltung auf den Punkt bringt.

«Black Music» oder der Ort weissen Verlangens?

Die Subjekte der «Black Music» wurden so zu Stellvertretern eines Verlangens – eines weissen Verlangens; zu einem fantasierten Rückzugsort für Weisse, die sich im Tumult der entwurzelten Moderne nach den Überbleibseln einer verlorengegangenen Tradition, nach Authentizität und «Realness» sehnten. (Wohl am deutlichsten verkörpert der Spruch «keepin’ it real» diese weisse Sehnsucht nach dem Realen). Wenn die Sprache hier eine Rolle spielte, dann nicht wie bei der weissen Musik, um einem intellektuellen Gehalt, einer Idee oder einem «Zeitgeist» Ausdruck zu verleihen, sondern um auf ein Ausserhalb der Sprache zu verweisen. Soul etwa, das sei Musik, die aus der Seele kommt und folglich auch gar keiner Erklärung bedarf – sie spricht direkt zu deinem Gefühl. Hier reproduziert sich letztlich die koloniale Gegenüberstellung des denkenden weissen Mannes auf der einen und des fühlenden schwarzen Mannes auf der anderen Seite. Wo diese Gegenüberstellung damals hinführte, ist in den Geschichtsbüchern nachzulesen.

Unter dem Stichwort «Sonic Fiction» wollte Eshun genau diesen Verstrickungen ausweichen. «Sonic Fiction» bezeichnet nicht nur die Suche nach neuer, unbekannter Musik, sondern steht auch für die Forderung, neu über diese Musik zu denken und zu sprechen. Anstatt nach irgendwelchen Essenzen zu suchen, die die Musik in bestehende Traditionsketten und Genregrenzen einordnen und ihren angeblich intellektuellen Gehalt (die «Message») entziffern, fordert «Sonic Fiction» nach einem neuen Vokabular, das in die Textur des Klanges selbst eintaucht. Der «Astro Jazz» Alice Coltranes, der «kosmophonische Hiphop» Dr. Octagons/Kool Keiths oder die «hyperrythmischen Psychedelika» Goldies; das sind alles, wie Eshun sie nennt, «futurhythmachines», Multiplikatoren des Unerwarteten. Mit solchen Begriffen versuchte Eshun eine Sprache zu entwickeln, die die Musik der afroamerikanischen Diaspora aus den Fängen stereotypisierter Begriffscontainer entreisst und zur Prophetin einer gänzlich anderen Zukunft erhebt. Diese Musik wird dadurch zur Manifestation eines Afrofuturismus mit starkem gesellschaftlich-subversivem Potential.

Alice Coltrane mit ihrem Album «Astral Meditations»

Letztlich sollten diese «futurhythmachines» einen subversiven Entfremdungseffekt auslösen. So auch beim Sound des Detroiter Technokollektivs «Underground Resistance». Weil sich Detroit Techno nicht unter die klassischen Stereotypisierungen der Bezeichnung «Black Music» fügt, wurde dieser Sound lange nicht als genuiner Bestandteil der schwarzen Popkultur wahrgenommen. Detroit Techno passt nämlich nicht in die sogenannte «street culture», dem exemplarischen Katalysator schwarzer Popkultur. Insofern bietet Detroit Techno dem weissen Verlangen nach «Realness», nach einfacher Authentizität, auch keinen Raum. Was diesen Sound anzutreiben scheint, ist stattdessen die Vorstellung einer bedrohlichen Zukunft voller dröhnender Maschinen, elektrischer Spannungen und toxischen Abfalls, von der wir nicht einmal wissen, ob sie uns Menschen überhaupt noch einen Platz übriglässt. Anstatt dieser Unsicherheit jedoch entgegenzuwirken, verstärkt sie Detroit Techno. «UR’s Sonic Fiction», schreibt Eshun, «ist der Bote einer tödlichen Zukunft und verleiht dem Techno dadurch eine fesselnde Elektrizität.»

«The Final Frontier» von «Underground Resistance» für Kodwo Eshun Musik, die von einem anderen Planeten kommt.

Auf der Suche nach neuen «Sonic Fictions»

Am 21. April werden mit Jenny Hval und Ben Frost gleich zwei interessante «Sonic Fictions» vorgeführt. Die beiden können zwar nicht, wie die von Eshun angeführten Beispiele, als Bot*innen eines Afrofuturismus gelten, denn sie sind beide weiss, doch lässt sich das Konzept «Sonic Fiction» dennoch gut auf sie übertragen. Beiden ist gemeinsam, dass sie politische und kulturelle Widersprüchlichkeiten produktiv verarbeiten und in ein ästhetisches Gesamtkunstwerk einfügen.

Bei Ben Frost scheint der Name bereits auf die fröstelnde Grundstimmung seiner Tracks hinzudeuten. Sich zwischen Minimal, Drone, Black Metal, Noise und vielen weiteren Einflüssen bewegend, erzeugt Ben Frost eigenartige Klangtexturen. Im Track «The Threshhold Of Faith» etwa, der auf dem Album «The Centre Can’t Hold» erschienen ist, fügen sich grelle Synthpads, wuchtige Basslines, durchsetzt vom röchelnden Atem aus einer Sauerstoffmaske, zu einer gruseligen Soundkollage zusammen. Der dazugehörige Videoclip verstärkt diesen Entfremdungseffekt. Man ist sich nicht sicher, wie mit dem Gehörten und Gesehenen umzugehen ist. Das Ganze wirkt einerseits bedrohlich und beängstigend, weist andererseits auf eine eigenartige Ästhetik des – man verzeihe mir das Wort – Erhabenen.

«The Threshhold Of Faith» von Ben Frost

Auch Jenny Hval spielt gerne mit Kontrasten. Man könnte zuerst meinen, hier handle es sich um sanften Pop, was auch die oft warmen und verträumten Klänge suggerieren. Doch thematisiert sie in ihrem Werk, das nebst ihrem Gesang auch Perfomance und Spoken Word Elemente enthält, Themen wie Vampirismus, Menstruation oder den Tod. Ebenso skurril sind die zu den Tracks dazugehörigen Videoclips. So stehen in ihrem Track «That Battle is over» Ton, Text und Bild in einem Widerspruch zueinander (Zu Jenny Hval hat heute auch Norient einen schönen Text verfasst). Die feuchtfröhliche, häusliche Atmosphäre wird durchbrochen von Szenen der Wut und des Trauerns, die klassische Genderrollen auslösen.

«That Battle is Over» von Jenny Hval

Der Track scheint in dieser Weise den Widerspruch zwischen unseren eigenen Lebensentwürfen und den gesellschaftlichen Normen und Erwartungen an dieses Leben zu verdeutlichen. In der zweiten Hälfte des Clips sehen wir eine Frau, die sich vor dem Spiegel manisch das Gesicht mit tiefrotem Lippenstift verschmiert. Begleitet wird die Szene von Jenny Hvals eindringlicher Stimme, die singt: «You say I’m free now, that battle is over, and feminism is over and socialism’s over. Yeah, I say I can consume what I want now.» Die Ironie dieses Satzes wird in den folgenden Szenen nur noch verstärkt. Natürlich ist der Kampf noch nicht vorbei und natürlich sind wir nicht frei. «That Battle is Over» führt so gekonnt die falschen Versprechen des Konsumkapitalismus vor Augen und macht deutlich: der Feminismus ist aktueller denn je. Grund genug also, um sich die erste Ausgabe von «Sonic Fiction» am 21. April anzusehen.

Titelbild: Jenny Hval (rechts) fotografiert von Jenny Berger Myhre


Unter unseren Tsüri.ch-Membern verlosen wir 2 x 2 Tickets für die erste Ausgabe der «Sonic Fiction» am 21. April 2018. Bewerte bis Sonntag, den 15. April, gleich hier unten diesen Artikel und du nimmst automatisch an der Verlosung teil. Du bist kein Tsüri.ch-Member, würdest aber gern eins werden? In unserem Shop geht das ganz einfach, hier der Link.

Tickets sind hier erhätlich: Zurich tickets, Preise zwischen 35.- und 70.- CHF.

Weitere Infos und Websites:


Member entscheiden mit:
Deine Bewertung -> Stutz für den/die Journalist*in
Bewertung löschen

Kommentare

Willst du unabhängigen Journalismus?

Tsüri.ch steht für unabhängigen & engagierten Journalismus und setzt sich für eine offene, fröhliche, tolerante und ökologische Gesellschaft ein. Mit deiner Unterstützung können wir das auch in Zukunft tun.

Mit nur 5.-/Monat bin ich dabei
Einloggen und zurück zum Artikel
Gerade nicht