«Social Media ist eine Welt, die du in der Hosentasche trägst»

Im Projekt SoCELL Network wird die bunte Vielfalt des Internets ins Analoge gebracht: Am Samstag, 2. September, werden in 14 Telefonkabinen im HB typische Szenen aus den sozialen Medien inszeniert: Foodporn, Tutorials, Mode, Fitness und sogar Babys (keine echten natürlich).
31. August 2017

Durchschnittsmenschen verbringen täglich mehrere Stunden im Internet. Das Smartphone mitsamt Facebook, Instagram und Co. gehört zum Alltag – bei Langeweile ist es der erste Ausweg. Es wird der Kontakt zu anderen Menschen gesucht oder nach Antworten gegoogelt. Laut Suchtmonitoring Schweiz verbringen 11- bis 15-Jährige an Wochentagen 4,4 Stunden am Laptop, Handy oder Tablet, 16- bis 19-Jährige 2,5 Stunden (Zahlen von 2016). Ist dieser Konsum noch bewusst? Ist es überhaupt ein Konsum?

Es ist wichtig, unseren Mediengebrauch zu hinterfragen, weil wir täglich so viel Zeit daran verschenken.
Livio Beyeler

Livio Beyeler vom Projekt SoCELL meint: «Die Zeit im Internet ist nicht verschwendet. Es ist geil, sonst würden wir uns nicht so lange darin aufhalten!» Mit ihrem Kunstprojekt wollen sie nicht die Moralkeule schwingen. «Die Grundprämisse von BACKSTAGE ist, dass wir auto-kritisch sind – wir verstehen uns als einen Teil der Gesellschaft und hinterfragen uns selbst auch.»
Die Veranstalter wollen den Zuschauer*innen ihren Medienkonsum nicht vorschreiben – es wüssten alle, wie viel Zeit sie am Handy verbringen, so Beyeler – und wann genug ist. Eine intrinsische Motivation sei viel wirkungsvoller als jedes Verbot und jeder Befehl.


Eigentlich wissen alle, dass sie viel Zeit am Smartphone verbringen: Inwiefern geht SoCELL Network das Thema anders an?

«Es ist wichtig, unseren Mediengebrauch zu hinterfragen, weil wir täglich so viel Zeit daran verschenken. Wir verteilen keine Tipps und Tricks, wir haben nicht den Anspruch an uns selbst, etwas zu wissen, dass andere nicht wissen. SoCELL Network hat viel mit Eigenverantwortung zu tun, mit selbst entscheiden, was man in seinen eigenen Alltag integriert.»

Wenn ich jemandem begegnen würde, der im realen Leben ebenso glattgebügelt ist wie sein Instagram-Feed, würde es ein langweiliger Abend werden.
Livio Beyeler

Die 14 Zellen im Zwischengeschoss des Zürcher Hauptbahnhofs, würden sehr subjektiv gestaltet und es sei schwierig, die ganze Filterwelt-Kultur mit ihren Strömungen abzubilden. Die Swisscom dazu zu bringen, den Künstler*innen ihre Kabinen zu überlassen, habe einiges an Arbeit gekostet: «Das erste Konzept war ihnen zu kritisch. Wir mussten dann versprechen, weder politisch, sexistisch, rassistisch noch gewaltverherrlichend zu sein.»
Auf Anfrage erläutert die Swisscom die Einschränkung so: «Die Freiheit der Kunst ist ein nachvollziehbares Anliegen. Da wir den Organisatoren entgegenkommen und ihnen das Publifone als Schauplatz für ihre Performance ermöglichen wollten, war es uns wichtig, zumindest gewisse Themen auszuschliessen, die nicht mit der Marke Swisscom vereinbar sind.»

Warum findet aber eine Performance über Social Media in unbenutzten, veralteten Telefonkabinen statt? Beyeler ist überzeugt: «Social Media ist eine Welt, die du in deiner Hosentasche trägst. Wenn du es möchtest, kannst du sie öffnen, sonst ist sie unsichtbar. Die Telefonkabinen sind ein Raum, der genauso im städtischen Leben verankert ist wie das Internet, aber genau so unsichtbar sein kann.»

Lass uns die Dinge zelebrieren, welche uns näher zusammenbringen als jeder Like, jedes Ferienfoto oder jedes Essen, auf das man eifersüchtig sein kann!
Livio Beyeler

Was will BACKSTAGE mit SoCELL Network erreichen?

«Wir halten keinen Spiegel vor, wir zeigen was das Internet alles beinhaltet. Am Ende der Performance wollen wir auch ein Bild der Einsamkeit vermitteln – ich denke jede*r, der Social Media nutzt, trägt dieses Gefühl mal mehr, mal weniger mit sich. Im Netz kann man sich seine eigene Realität erschaffen, in der man sich gefiltert zeigt. Ich sitze hier und habe eine schwitzige Stirn, lache manchmal, habe eine heisere Stimme, weil ich schon wieder viel zu viel geraucht habe: All das sieht man im Social Media nicht, wenn ich mich von der besten Seite zeige. Auch wenn es kitschig klingt: Wir sind alle so viel mehr als das!
Wenn ich jemandem begegnen würde, der im realen Leben ebenso glattgebügelt ist wie sein Instagram-Feed, würde es ein langweiliger Abend werden. Meine persönliche Erkenntnis ist, dass ich das rohe, ungefilterte beibehalten möchte, was nur im wahrhaftigen Kontakt möglich ist. Lass uns die Schweissperlen auf der Stirne zelebrieren! Die unbedachten Kommentare, welche nichts zur Sache beitragen! Die Dinge, welche uns näher zusammenbringen als jeder Like, jedes Ferienfoto oder jedes Essen, auf das man eifersüchtig sein kann!»

Livio Beyeler, Produktionsleiter und Lukas Beeler, Schauspieler, teilen sich die Verantwortung bei BACKSTAGE. (Foto: zvg)

BACKSTAGE ist eine internationale Produktionsfirma aus Zürich, bestehend aus dem Duo Livio Beyeler und Lukas Beeler. Sie widmet sich verschiedenen Projekten der darstellenden Kunst. Auto-kritisches Theater, neu interpretierte klassische Stücke, Performances oder Live-Hörspiele gehören zu ihrem Repertoire. Im Fokus stehen dabei immer Crossmedialität und interdisziplinäre Herangehensweisen.

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