Mobilität im Fokus

Javid Atai macht bei Social Fabric eine Lehre als Bekleidungsnäher. (Fotos: zVg)

Social Fabric: «Uns braucht es mehr denn je»

Dem Non-Profit-Unternehmen Social Fabric, das Geflüchteten eine Perspektive im Schweizer Arbeitsmarkt gibt, droht wegen der Corona-Krise die Schliessung. Doch die Co-Leiterinnen geben sich nicht so leicht geschlagen.
13. Mai 2020
Journalistin

Javid Atai lebte schon vor der Corona Krise in existentieller Ungewissheit. Der 25-Jährige ist im Iran als Sohn eines Afghanischen Generals aufgewachsen und flüchtete 2015 zusammen mit seiner Freundin nach Europa. Die Eltern erlaubten keine Heirat. Seine Familie sind Shiiten, die ihrigen Sunniten. In der Schweiz wurde er nicht als Geflüchteter akzeptiert, sondern vorläufig aufgenommen. Beim Zürcher Non-Profit-Verein Social Fabric macht er nun eine Lehre als Bekleidungsnäher.

Der grosse lichtdurchflutete Raum des Nähateliers mit Aussicht über das Binz-Quartier, steht seit dem Lockdown mehrheitlich leer. Wo normalerweise Nähmaschinen rattern, und täglich dutzende von Kursteilnehmenden ein und aus gehen, sind heute nur drei Leute anwesend, um wichtige Besprechungen und einen Fototermin wahrzunehmen. Ein Vereinsmitglied verpackt online Bestellungen. Nebst Atai ist Helka Mäki, die Co-Leiterin von Social Fabric, anwesend und blickt auf emotional bewegte Wochen zurück.

member ad

Sie ist von Anfang mit an Bord des Nähateliers, das 2016 von der Biologin Heather Kirk gegründet wurde (Tsüri.ch berichtete). Heute teilt sich Mäki die Leitung mit der Basler Sozialökonomin Justine Portenier, mit dem Ziel, ökologisch nachhaltige Produkte anzufertigen, die online vertrieben werden oder an Shops mit ähnlicher Philosophie geliefert werden.

Helka Mäki, Co-Leiterin von Social Fabric

Die Organisation bringt Menschen aus verschiedenen Kulturen und Gesellschaftsschichten zusammen, die die Freude für das Textilhandwerk verbindet. Als Mitglied von Social Fabric kann man Nähkurse besuchen. Faire und umweltfreundliche Produkte alleine reichten den Frauen nicht, Social Fabric soll auch etwas für mehr Chancengleichheit von Immigrant*innen beitragen. Für jüngere Migrant*innen werden auch Lehrstellen angeboten.

Ein Private Banker, der zum ersten Mal in seinem Leben eine Nähmaschine benutzt, war erstaunt, wie lange man an so einem Etui arbeitet.
Helka Mäki

Vor dem Notstand wollten Mäki und Portenier gerade mit ihrer jüngsten Geschäftsidee loslegen, «Team Building Workshops für Firmen sollen Erlebnisse des Austausches bieten», so Mäki. Der Verein soll langfristig seine Kosten zu 60 bis 70 Prozent selber tragen können, was über lokale Textilproduktion so nicht möglich ist. «Ein Private Banker, der zum ersten Mal in seinem Leben eine Nähmaschine benutzt, war erstaunt, wie lange man an so einem Etui arbeitet, das dann vielleicht für 20 Franken verkauft wird, wo er selbst einen Stundenlohn von ungefähr 300 Franken hat.»

Doch jetzt ist fraglich, wann solche Anlässe wieder möglich sein werden. Soziale Distanzierung sabotiert die Geschäftsidee von Social Fabric, die gesellschaftliche Segregation aufbrechen will, und einen Wissensaustausch anzuregen. Wenn nämlich der*die Geflüchtete dem Banker etwas beibringen kann, schärft das beider Bewusstsein über sozioökonomischen Unterschiede. Ausserdem sind Firmen potenzielle Kunden für spätere Produktions-Aufträge.

Die Zukunft des Vereins steht seit ein paar Wochen auf der Kippe. Laufende Betriebskosten wie Miete und Löhne zehren an der Liquidität. Die staatlichen Sofortmassnahmen greifen für einen Verein wie Social Fabric auch nicht, da weder Kurzarbeit noch ein Notkredit in Frage kommen. Die Rückzahlung des Kredits bedingt, dass irgendwo zusätzliche Gewinne erzielt werden, was für einen Non-Profit-Verein per Definition nicht in Frage kommt. Die Arbeit einzustellen, ist auch keine Option, denn jemand muss die online Bestellungen verschicken und das Fundraising vorantreiben. Bereits sind 170'000 Franken an Stiftungsanträgen des Jahresbudgets ausständig, 50'000 sind bestätigt.

Mäki kann jedoch weiterhin auf die Solidarität der über 50 Mitglieder zählen, die trotz des drohenden Aus ihre Beiträge einbezahlten. Und noch etwas stimmt zuversichtlich: «Der Online-Shop läuft besser als in der Vorweihnachtszeit», freut sich Mäki.

Bestellungen werden fleissig verpackt – die Nähmaschinen stehen still.

Und noch einen Erfolg gibt es in der schwierigen Zeit zu vermelden: Javid Atai wird diesen Sommer die Lehre abschliessen. Zwar finden keine schriftlichen Prüfungen statt, doch aufgrund seiner guten Erfahrungsnoten wird Atai die Lehre bestehen. Sorgen macht er sich trotzdem. Denn ohne definitive Aufenthaltsbewilligung, darf er nur im Kanton seines Wohnsitzes, also in Zürich, arbeiten. Dabei gebe es in St. Gallen viel mehr Stellen in der Textilbranche. Dass seine Bedenken begründet sind, legen Studien nahe, die zeigen, dass Menschen mit so genanntem VA Ausweis mit Abstand die schlechtesten beruflichen Chancen haben.

Doch Atais Sorgen drehen sich nicht nur um sein persönliches Glück: «Viel wichtiger als dass ich im Sommer eine Stelle finde, ist, dass Social Fabric weiter besteht. Es ist einer der wenigen Orte, wo Flüchtlingen von Herzen geholfen wird.»

Das Schicksal von Social Fabric liegt gerade in den Händen der Stiftungen und der Community, die bis heute eine grosse Solidarität gezeigt hat. Die Leiterinnen fühlen sich in ihrer Vision bestätigt: «Eigentlich braucht es uns jetzt mehr denn je nach dieser Pandemie», ist sich Mäki sicher, «die Not der Menschen wird grösser, nicht geringer.»


Endlich wieder shoppen? Schau doch mal im Shop von Social Fabric vorbei.

Kommentare

Nöd Jetzt!