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So wurde ich zur Nichtraucherin

Ich liebte das Rauchen und wollte eigentlich nicht aufhören. Warum es trotzdem anders gekommen ist, habe ich hier niedergeschrieben. Ein Erfahrungsbericht.
30. Dezember 2016

Dass ich vor meinem dreissigsten Geburtstag aufhöre zu rauchen, war für mich immer ausgeschlossen. Ich liebte es zu rauchen. Was mit fünfzehn beim Abschlusslager der Sekundarschule auf dem Campingplatz in Tenero begann, hatte sich über die Jahre von einer Jugend-Dummheit zu einem Lifestyle entwickelt. Ich rauchte, weil Che Guevara rauchte. Ich rauchte umso mehr, als mir eine ältere Dame mal sagte, dass sich das für eine junge Frau nicht gehöre. Die Zigarette war meine Freundin. Sie verlieh dem Kaffee eine befriedigend nussige Note. Das Bier liess sich noch nonchalanter runterkippen und sie spendete Trost im Stress, wenn ich weinen musste, oder als Begleiterin in den schönen Momenten meines Lebens. Meine Leidenschaft für alles aus den 20er bis 50er Jahren stärkte diese Bande noch mehr, denn was gibt es Cooleres, als eine provokante Marlene Dietrich in Schlaghosen, die ihren Schlafzimmerblick durch den blauen Dunst ihrer «Lucky Strike» wirft.

Und dennoch. Seit zwei Jahren keimte die Idee in mir, mit dem Rauchen aufzuhören. Zwar nicht sofort, aber irgendwann und ganz bestimmt nach meinem dreissigsten Geburtstag. Ich fand es scheinheilig, total auf gesunde Bio-Ernährung abzufahren, dabei aber eineinhalb Päckchen am Tag zu rauchen. Ausserdem wurden einige, ehemals rauchende Freundinnen um mich herum schwanger, was mich zwang, mich vermehrt mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Wie jede*r Drogensüchtige belog ich mich aber selbst. Ich bildete mir ein, dass wenn ich anfangen würde, Zigaretten selber zu drehen, ich nicht nur einen Haufen Geld sparen könnte, sondern sich mein Konsum erheblich reduzieren würde. Das stimmte zwar am Anfang, als ich für das Drehen einer Zigarette fünf Minuten brauchte. Mit der Handfertigkeit kam aber auch das gewohnte Rauchverhalten zurück und wahrscheinlich rauchte ich danach mehr als je zuvor.

Zürich, die Stadt der qualmenden Gringos

Dann passierte etwas, was ich wahrscheinlich nie in meinem Leben vergessen werde: Ich kam mir zum ersten Mal in meinem Leben wegen meiner Raucherei blöd vor. Weder die ewige Nörgelei meiner Mutter noch die genervten Blicke der anderen Gäste auf einer Restaurantterrasse konnten mich je in meiner Sucht beirren. Als ich aber diesen Sommer in Lima in den Ferien war und sah, dass dort niemand, aber auch wirklich niemand (nicht mal die alten Grossväter auf der Parkbank, wie man sie zum Beispiel in Italien findet) rauchte und ich mit meiner Qualmerei wie ein extraterrestrisches Wesen angegafft wurde, schämte ich mich. In Zürich ist Rauchen das Normalste der Welt. Überall wird dem qualmenden Müssiggang nachgegangen und die Gastronomen umsorgen ihre rauchenden Gäste im Winter liebevoll mit Heizpilzen. Und nun stand ich hier in einer Stadt, in der nur die Gringos draussen wie so Idioten pafften und konnte mich nicht damit abfinden, zu ihnen gezählt zu werden.

Kaum zurück in Zürich waren die Erlebnisse in Peru aber schnell wieder vergessen. Ich war wieder in meiner Routine. Um 10 Uhr und um 15 Uhr traf ich mich wie gewohnt jeden Tag mit meinem Zigi-Kumpel vom Büro draussen auf Kaffee und Schwatz. Sommerfeste wurden gefeiert, Tabak ging päckchenweise in Rauch auf und da es mir gesundheitlich gut ging, hatte ich in diesem Bereich auch keine Sorgen.

Detox durch Magendarm-Grippe

In der Nacht nach der Weihnachtsfeier meines Büros packte mich dann eine schwere Magen-Darm-Grippe. Vier Tage lang schoss es nur noch so aus mir raus. Oben, unten, simultan. Während ich schweissgebadet auf dem Klo hockte, den Kopf gleichzeitig in der Badewanne hängend, konnte ich keine Sekunde an Zigaretten denken. Als ich mich dann wieder zur Arbeit schleppte und meine gewohnte 10 Uhr Zigi nach vier Tagen Abstinenz anzündete, wurde mir schwindlig. Es schmeckte ekelhaft. Ich wurstelte mich so durch den Tag; hin und hergerissen zwischen Ekel und Drang. Als ich abends nach Hause kam, muss ich wohl einem post-grippalen Anfall erlegen sein, denn ich packte meinen Tabak, meine Filter, meine hundertzillionen Feuerzeuge, meine Papierchen und meine Aschenbecher und beförderte sie allesamt in den Abfallkorb. «Ich versuche ab heute aufzuhören und schaue mal, was passiert», sagte ich meinem Mann, wobei leise Panik in mir aufstieg. Ich «probierte» aufzuhören. Aus dem Nichts. Ich hatte mich auf das, was da kommen würde nicht vorbereitet. Ich habe weder einen Ratgeber gelesen noch hatte ich einen Plan, wie ich den nächsten Tag ohne Zigarette überstehen sollte.

Als ich am nächsten Morgen meine Augen öffnete, kam die Realisierung meiner Entscheidung vom Abend zuvor als eine schallende Ohrfeige zurück. «Ich darf heute nicht rauchen! Ich werde nachher einen Kaffee trinken, darf aber nicht rauchen! Ich werde nachher ins Büro laufen, darf aber keine Zigi anzünden!» In meinem Kopf schwirrten tausende Gedanken und alle drehten sich darum, dass ich nicht rauchen «durfte». Den Weg ins Büro meisterte ich noch so halbwegs. Als die Uhr dann aber langsam Richtung 10 Uhr ging, wurde ich nervös. Schnell googelte ich nach Rauchstopp-Seiten im Internet und wurde natürlich sofort fündig. Ich las unzählige Erfahrungsberichte und Expertenmeinungen zu den Vorteilen des Rauchstopps. Nicht, dass mir alles neu war, was diese Leute verzapften. Grundsätzlich las ich dort nur, was ich sowieso schon wusste. Es brauche Willenskraft und nach ein paar Tagen sei das Schlimmste bereits überstanden. Von den gesundheitlichen Vorteilen mal ganz zu schweigen. Doch ich wollte jetzt verdammt nochmal eine rauchen! Wie zum Teufel sollte ich nur schon eine weitere Stunde überstehen? Es war die Hölle. Meine Hände schwitzten, meine Beine zitterten. Ich beschloss, die Flinte noch nicht so schnell ins Korn zu werfen und erinnerte mich, dass die Nikotinsucht meistens durch Routinen aufrechterhalten bleibt. Anstatt also um 10 Uhr nach draussen auf eine Zigi zu gehen, verbarrikadierte ich mich im Sitzungszimmer und rief meinen Mann an. Als ich ihm erzählte, wie hart schon die ersten paar Stunden waren, füllten sich meine Augen mit Tränen. Ich war total am Anschlag und als er mir zu verstehen gab, dass ich mich gerade wie ein kleines Kind aufführte, heulte ich drauf los: «Das ist so gemein! Du weisst gar nicht, wie das ist. Nikotinsucht macht das Gleiche mit deinem Gehirn wie Kokainsucht! Das ist voll hart imfall!» Ich wollte, dass er mich tröstete. Ich wollte, dass er mir sagte, dass ich doch lieber wieder rauchen soll, wenn ich mich so quälte. Stattdessen meinte er nur etwas genervt, dass ich nicht zu viele Gedanken ans Rauchen verschwenden sollte. Wie sollte ich das aber bewerkstelligen, wenn die Lust zu rauchen mich fast jede Sekunde von neuem überkam?

Die Sucht, mein Freund und Helfer

Ziemlich gerädert von diesem Tag beschloss ich abends, den nächsten Arbeitstag nicht ohne Plan in Angriff zu nehmen. Meine Mutter erzählte mir mal, dass sie bei ihrem Rauchstopp immer ein Säckli mit rohen Rüebli und Sellerie dabei hatte, von dem sie dann knabberte, wenn die Lust kam. Also bereitete ich mir ein Tupperware mit Rohkost zu und packte mir gleich auch einige Beutel Ingwertee ein, damit ich mir im Büro literweise Tee zubereiten konnte. Auch am nächsten Morgen war der erste Gedanke in meinem Kopf die Zigarette. Ich fühlte mich zunehmend depressiv. Der Arbeitstag zog sich in die Länge wie Kaugummi und ich benutzte jede freie Minute, um im Internet Erfahrungsberichte zu lesen, während ich lustlos an meinen Rüebli rum kaute. Wahrscheinlich war ich auf der Suche nach einem Wundermittel, das diesen steten Drang nach einer Zigarette abzutöten vermochte. Am Freitagabend hütete ich mich dann davor, ein Bier zu trinken. Zu gross war die Angst, dass mich der Alkohol schwach machen würde. Stattdessen suchte ich Linderung in einem Joint aus purem Cannabis. Das waren seit drei Tagen die einzigen Stunden, in denen ich keinen Drang zu rauchen verspürte. Es war eine Wohltat!

Samstags hatte ich mich mit zwei Freundinnen auf einen Apéro verabredet. Ein paar Stunden zuvor testete ich zu Hause, ob ich meiner Tabaksucht mit Alkohol im Blut standhalten konnte und trank ein Glas Wein. Was darauf folgte war ein hysterischer Ausbruch mit viel Tränen, bei dem ich mich in Fötus Stellung auf dem Sofa herum rollte. «Ich will rauchen! Es ist so hart!» schrie ich. «Wann hört das endlich auf?! Ich kann nicht mehr!» Mein Mann stand etwas ratlos daneben, doch es war das erste Mal, dass er tröstende Worte für mich fand. Während er mir die Tränen aus den Augen wischte, sagte er mir, wie stolz er auf mich sei. Er wisse, dass dies ein grosser Schritt für mich ist und er werde mich komplett unterstützen. Seine Worte halfen mir, mich zusammenzureissen und mich guten Mutes mit meinen Freundinnen zu treffen. Das Treffen verlief dann auch ganz glimpflich. Natürlich wurde ich zuallererst gelöchert, ob ich denn schwanger sei, denn nie hätte jemals jemand gedacht, dass ausgerechnet ich mit dem Rauchen aufhören würde.

Als wir so redeten, realisierte ich plötzlich, wie doof das eigentlich ist, dass sich meine beiden Freundinnen alle 10 Minuten beim Rauchen abwechseln, damit ich nicht alleine in der Bar stehe. Als ich mich danach mit meinem nichtrauchenden Bruder zum Abendessen in einem Restaurant traf, merkte ich, wie angenehm es war, nicht alle halbe Stunde vor die Tür gehen zu müssen, um zu rauchen. Ich konnte einfach sitzenbleiben, mein Essen geniessen und musste unsere Gespräche nicht unterbrechen. Was für eine Sensation! So etwas hatte ich noch nie erlebt. Höchstens, als man in den Restaurants und Bars noch rauchen durfte. Nach dem Essen traten wir aus dem Restaurant und in die Rauchwolke der Gäste, die zwischen den Gängen ihrer Sucht frönten. «Wie idiotisch!», dachte ich mir und fühlte mich den Rauchern fast ein bisschen überlegen. Diese kurzzeitige Überheblichkeit half mir, die paar Stunden bis zur Schlafenszeit zu überstehen.
Sie raucht nöd, sie isch mega

Es war Sonntagmorgen. Ich öffnete die Augen und freute mich auf einen ausgedehnten Brunch zu Hause. Als ich kaffeetrinkend die Zeitung las, traf es mich plötzlich: «Oh Gott! Ich habe bis jetzt kein einziges Mal ans Rauchen gedacht!» Vorsichtig tastete ich mein Inneres nach dem Drang nach einer Zigarette ab. Nichts. Als der Tag so seinen Lauf nahm, verspürte ich nie wirklich das extreme Bedürfnis nach einer Zigarette. Ich dachte ungefähr jede halbe Stunde ans Rauchen, jedoch konnte ich diese Gedanken mühelos beiseite schieben. Dieser Sonntag war für mich der Beginn meines neuen, rauchfreien Lebens. Ich hatte den körperlichen Entzug überstanden. Nach diesem Zeitpunkt nahm die Lust zu rauchen jeden Tag ab. Zunächst dachte ich jede Stunde ans Rauchen. Dann alle drei Stunden. Heute, nach zwei Monaten, denke ich höchsten drei Mal am Tag an eine Zigarette. Es gab zugegebenermassen schwierige Momente. Das erste Mal, als ich mich wieder mit meinem Zigi-Kumpel im Büro zur Kaffeepause traf. Oder mein erstes Raclette Essen mit Freunden, die allesamt Raucher*innen sind. Ein Geheimrezept habe ich dabei nicht. Das einzige, was ich tue, ist nicht zu rauchen. Das hört sich einfach an und ist es eigentlich auch. Für jede und jeden ist das Aufhören ein individuelles Erlebnis und es existieren unterschiedliche Techniken, die zum Erfolg führen können. Entgegen vieler Erfahrungsberichte spüre ich körperlich keinen grossen Unterschied. Ich bin weder fitter noch hat sich mein Geschmackssinn verändert. Da das Aufhören für mich aber so eine qualvolle Erfahrung war, bin ich davon überzeugt, dass ich von so etwas Schrecklichem nicht mehr abhängig sein möchte. Interessierten kann ich folgende Tipps aus meiner Rauchstopp-Erfahrung geben:

  • Höre von einem Tag auf den anderen auf. Wenn du das Rauchen Schritt für Schritt reduzierst, belügst du dich nur selber. Du musst aufhören, die Zigarette als deine Freundin zu sehen. Mit dem rauchen aufzuhören hat ziemlich wenig mit deinem Körper und fast alles mit deinem Kopf zu tun. Wenn du die Zigarette nicht mehr als deine wohlige Verbündete siehst, dann hast du schon einen grossen Schritt getan.
  • Schmeisse alle Rauchutensilien in den Abfall (auch die Aschenbecher). Bewahre kein Notfallpäckli auf.
  • Versuche, deinen Rauchstopp nicht zu dramatisieren. Es ist verdammt hart und du wirst die ersten Tage an nichts anderes denken. Mach es dir nicht noch schwerer, indem du dich hineinsteigerst.
  • Gedanken wie «ich will, dass etwas ganz Schlimmes passiert, damit ich einen Grund habe, wieder anzufangen», oder «ich quäl mich so sehr. Wahrscheinlich bin ich nicht bereit, um aufzuhören» sind völlig normal. Das geht in ein paar Tagen vorbei. Ich schwöre!
  • Du kannst Ratgeber lesen, aber versuche, deine eigenen Erfahrungen zu machen.
  • Wenn du kannst, dann verzichte auf jegliche Hilfsmittel. Die Pharmaindustrie profitiert davon, dass der Rauchstopp so verdammt schwer ist. Dafür hast du es am Ende ganz alleine geschafft!
  • Der Winter ist wahrscheinlich die beste Zeit, um aufzuhören.

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