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So werden Sexarbeiterinnen an den Rand der Gesellschaft gedrängt

Weltfrauentag
08. März 2016


Geschlechtsspezifische Missstände in einer Stadt wie Zürich erfährt heutzutage insbesondere eine Frauengruppe: Wenn man als Prostituierte Migrantin ist, vervielfacht sich die Diskriminierungsgefahr. Und unsere Behörden tragen eine Mitschuld.

Langstrasse am Samstagabend. Selten prallen in Zürich so unterschiedliche Konzepte aufeinander, wie wenn der «Chreis Cheib» am Wochenende mit Leben, Arbeit und Vergnügen gefüllt wird. Man läuft aneinander vorbei, tauscht verstohlene Blicke aus, aber die wenigsten von uns wissen Genaueres über diese Frauen in der Schweiz. Jene auffallenden Damen, die herumlaufen und nach potentiellen Kunden Ausschau halten.

Das machen sie doch nicht freiwillig – oder doch? Wurden sie mit falschen Versprechen hierher gelockt? Warum kommen so viele aus dem Ausland?



Falsche Verhältnismässigkeit mit den Zahlen Gemäss einer Schätzung der Universität Genf aus dem Jahre 2009 beträgt allein in der Schweiz die Zahl der Frauen, die allgemein im Sexgewerbe tätig sind, zwischen 13’000 und 20’000. Einberechnet wurden die verschiedenen Arten von Sexarbeit, wie Etablissements, Escort, Kontaktbars, Cabarets und Strassenstrich.

«Man darf nicht vergessen, dass gemäss dieser Studie lediglich 10% der Sexarbeiterinnen auf der Strasse anschaffen», erklärt Rebecca Angelini von der FIZ (Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration). «Es ist wirklich wichtig zu wissen, dass 90% der Sexarbeit drinnen stattfindet. Der ganze öffentliche Diskurs konzentriert sich oftmals nur auf die Strasse. Das ist unverhältnismässig und problematisch, wenn man mit neuen Massnahmen kommt, die dann die Arbeit der Indoor-Frauen erschweren.» In Zürich habe beispielsweise der ehemalige Sihlquai-Strich eine Regulierung mit Massnahmen ausgelöst, die für das Sexgewerbe insgesamt negative Auswirkungen mit sich brachte.

Frauenhandel ist zwar das kleinste aber nicht das einzige Problem. Aus der Ukraine mit falschen Versprechungen hergelockt und zum Anschaffen verdonnert – so oder ähnlich stellen sich viele Aussenstehende einen klassischen Hergang zur Prostitution vor, die mit Migration verbunden ist. Hier ist eine genaue Unterscheidung wichtig. Es gibt die selbstbestimmte Sexarbeit, die dem Frauenhandel gegenüber steht. Bei Letzterem kann man jährlich von 30-60 Fällen in der Schweiz ausgehen, in denen Frauen dem sexuellen Menschenhandel zum Opfer fielen, so das Bundesamt für Statistik im Bereich Frauenhandel. «Wenn man davon ausgeht, dass in diesem Bereich natürlich eine grosse Dunkelziffer besteht, muss man aber auch bei zwanzigfacher Erhöhung der Zahl noch von einer kleinen Minderheit sprechen», so Angelini. «Man muss also zum Schluss kommen, dass gemäss offiziellen Schätzungen 95% der Frauen nicht durch Menschenhandel in dieses Business hineingeraten sind. Allerdings gibt es andere Probleme, mit denen ein Grossteil der Sexarbeiterinnen zu kämpfen hat.» Denn bei jenen 95%, die selbstbestimmt in dieses Milieu getreten sind, seien die Arbeitsverhältnisse trotzdem äusserst prekär.

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Die meisten von ihnen sind nicht zufälligerweise Migrantinnen Wichtig zu wissen ist, dass man bei den Sexarbeiterinnen von mindestens 80% Migratinnen ausgeht, die hierzulande ihre Dienste anbieten. In der Schweiz ist der Umgang mit Migratinnen geschlechtsspezifisch diskriminierend. «Wir kanalisieren Migratinnen – im Gegensatz zu den Schweizerinnen – in typischen Versorgungsberufen wie Betreuerin, Pflegerin, Putzkraft, Hausfrau oder eben Sexarbeiterin. Andere Chancen bieten sich in der Schweiz kaum.» Nicht nur im Rotlichtmilieu gäbe es eine riesige Nachfrage nach billigen Arbeitskräften. «Auf individueller Ebene kann es emanzipatorisch sein für die Frau, ihr eigenes Geld zu verdienen und so für sich und andere zu sorgen. Strukturell gesehen ist das aber durch und durch diskriminierend. Denn die geschlechtsspezifische Diskriminierung im Herkunfts- aber auch im Zielland, wie der Schweiz, bestimmt die Lebensumstände der Frauen.»

Mehrfach-Diskriminierung steigert die Schutzlosigkeit «Durch die aufenthaltsrechtliche Situation in der Schweiz besteht für viele Migrantinnen keine grosse Wahlmöglichkeit, wie sie für ihre Existenz sorgen können. Es findet in dieser Hinsicht dann eine sogenannte ‚multiple Diskriminierung’ statt, nämlich ohnehin als Frau, die dazu als Migrantin rechtlich gesehen diskriminiert wird und als Sexarbeiterin gesellschaftlich ein Stigma trägt.» Das Zusammenwirken als Frau, Migrantin und Sexarbeiterin in der Schweiz erhöhe die Vulnerabilität der Person in unserer Gesellschaft und unserem Rechtssystem und mache sie so einfacher zum Opfer von Machtmissbrauch. Beispielsweise kann ein Zuhälter, der weiss, dass die Sexarbeiterin keine oder eine unsichere Aufenthaltsbewilligung hat, diese Situation ausnutzen und die Frau ausbeuten. Da die Hürden zur Genehmigung mit verschiedenen behördlichen Bewilligungen für einen Sexbetrieb vielen Frauen schlichtweg zu hoch sind, betreiben sie privat und im illegalen Rahmen ihr Gewerbe. Die Betroffene kann auch im Falle von Übergriffen oder Gewalt durch einen Freier keinen Schutz suchen, ohne selber mit rechtlichen Konsequenzen rechnen zu müssen.

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Rebecca Angelini findet somit ein klares Fazit: «Kein Gewerbe kann man mit dem Sexgewerbe vergleichen, es wird von unserem System, also gesellschaftlich und behördlich anders und realitätsferner behandelt.»

Während in anderen Ländern wie Schweden bezahlbarer Sex verboten ist und daher im Untergrund stattfindet, arbeitet man hierzulande immerhin mit einer Form von Regulierung. Würde diese sich zum Ziel setzen, der Schutzlosigkeit der betroffenen Arbeiterinnen entgegenzuwirken und für Migratinnen mehr Alternativen zu bieten, könnte sie bessere Umstände für jene Frauen in unserer Gesellschaft schaffen, die immer noch viel zu selten zu Wort kommen.




Mehr Infos über FIZ (Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration Zürich) findest du hier.

 

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