Mein einsamer Samstag in der Badi Seebach

Die Tsüri-Redaktion verlässt die «Bubble» und besucht Veranstaltungen oder Orte, wo sie sich sonst nie hin verirren würde. Nach dem «Abhängen mit den Expats» folgt jetzt ein Besuch in der Badi Seebach.
12. Juni 2017

In der Stadt Zürich gibt es fünf Flussbäder (Höngg-Au auf der Werdinsel, Oberer und Unterer Letten, Rimini und Frauenbadi), fünf Bäder am See (Uto- und Mythenquai, Enge, Tiefenbrunnen und Wollishofen) und sieben Freibäder (Allenmoos, Auhof, Dolder, Heuried, Letzigraben, Zwischen den Hölzern und Seebach). Den Letten kennen alle, die Seebadis auch. Aber wer ist schon mal ins Freibad Seebach gepilgert? Lohnt sich der Weg an den Stadtrand überhaupt? Tsüri hat das Freibad für euch getestet – damit ihr nicht müsst.

«Schau, dass du dich nicht verirrst!» und «Was, dort gibt’s eine Badi?», das waren die Reaktionen darauf, als ich sagte, ich fahre nach Seebach ins Freibad. Nach einer kurzen Vorrecherche im Internet freue ich mich besonders auf die 75-Meter-Rutschbahn und die «Blasio Spielgeräte» im Nichtschwimmerbereich. Beides gibt es an meinen Lieblings-Badeorten nicht. Die Google-User*innen bewerten die Badi in Seebach mit 4,4 Sternen. Nur eine einzige schlechte Bewertungen ist zu finden: «Schrecklich! Ich wurde ausgeraubt! Nicht zu empfehlen!» Das kann einem ja überall passieren, denke ich, und packe das Badezeug auf das Velo.

Samstagmittag, 28 Grad im Schatten: Die gestählten, tätowierten Zürcher*innen quetschen sich an den Letten. Rio hat die Copacabana, Zürich den Oberen Letten. Badetuch an Badetuch, Bizeps an Bizeps. Mehrere Musikboxen konkurrieren sich und es entsteht eine Mélange aus Reggaeton und Techno. Von der Kornhausbrücke blicke ich auf den «Fleischbalken» und radle schnell weiter bergauf Richtung Bucheggplatz. Nach einem Nahtoderlebnis auf selbigem, rase ich die Birchstrasse hinunter, durch den futuristischen Oerliker Park, dem idyllischen Chatzenbach entlang und schon sehe ich aus der Ferne eine Rutschbahn glitzern.

Die Anfahrt: Idylle pur.

Eine Familie mit zwei Kindern hat das gleiche Ziel. Der kleine Junge schreit schon: «Ich freu mich mega uf d’Rutschi». Nur ein paar Veloparkplätze sind besetzt, kein stundenlanges Suchen nach einem freien Geländer, wo ich das Gefährt anbinden könnte. Schon draussen weist die Feldschlösschen-Schiefertafel auf das heutige Menü hin: «Olma-Schüblig vom Grill und Kartoffelsalat garniert». Erinnert mich irgendwie an ein Schwingfest. Und die Info: «Restaurant- und Kioskbesucher haben freien Eintritt ins Freibad» irritiert mich. Besucht nicht jeder Badi-Besucher auch das Restaurant oder kauft sich ein Glacé am Kiosk?

Sind wir hier an einem Schwingfest?

Es ist jetzt kurz nach 12 Uhr, doch das Restaurant mit den Frisco- und Rivella-Schirmen ist – bis auf eine Person – leer. Auch auf der Wiese in der Sonne liegt ein einsames Badetuch, im Schatten sehe ich eine Familie und im Becken spult ein Krauler seine Runden ab. Und das obwohl es Samstag ist und die Sonne vom Himmel knallt, vielleicht bin ich einfach zu früh?

Im beheizten 50-Meter-Becken (25 Grad) fragt mich eine ältere Dame, ob es mich störe, wenn sie am Rand rückwärts hin und her schwimme. Auf den Ohren klemmen Unterwasser-Kopfhörer. «Nein, kein Problem», erwidere ich. Und denke amüsiert: Hab ja den restlichen Teil des Beckens für mich allein. «Nicht grad viel los hier», sage ich zu ihr und sie meint: «Ja, das ist eben das Schöne. Darum komme ich hierher». Sie legt sich auf den Rücken und schwimmt los. Endlich kommt Action ins Spiel, ein Mädchen köpflert ins Becken, die Bademeisterin schaut streng, als es aus dem Wasser steigt: «Nächstes Mal musst du duschen, bevor du ins Wasser springst», sagt sie bestimmt. Das Mädchen nickt und rennt davon.

Wo sind jetzt diese «Blasio-Teiler»? Ah, im Nichtschwimmer-Becken nebenan. Da hat sich eine Junge aus zwei Ringen und einem grossen Brett ein Schiff gebaut. Ausser seiner Mutter ist niemand anders im Becken. Weil es fies wäre, die Konstruktion des Jungen zu zerstören, beschliesse ich, die Rutschbahn zu testen. Eine rasante Fahrt durch den seebacherischen Blätterwald, endet auf einer unsanften Landebahn im seichten Wasser.

Die «Blasio-Spielgeräte».

Die Vögel pfeifen, ab und zu dröhnt ein Flugzeug über den Himmel und vom nahen Fussballplatz sind dann und wann Schreie zu hören. Niemand hört Musik, niemand schreit herum. Weil das Ganze langsam suspekt wird, beschliesse ich einen Bademeister des Vertrauens um Info zu fragen: Er hockt im Kassenhäuschen, daneben hängen Postkarten mit Zürcher Badis drauf. Der Badmeister – ich schätze ihn knapp 30 Jahre – kommt nach draussen und sagt: «Es gibt auch eine Karte mit der Badi Seebach». Ich kaufe sie als Souvenir. Auf der Karte ist auch keine einzige Person zu sehen. Was ist nur los hier? «An guten Tagen zählen wir schon 4000 bis 5000 Tageseintritte», sagt der Bademeister. Zum Beispiel an einem sonnigen Sonntag in den Sommerferien. Heute sei halt der erste schöne Tag nach ein paar regnerischen, die Leute bräuchten Zeit, bis sie merken, dass sie wiedermal in die Badi gehen können, erklärt er mir.

Wie früher

Mit dem Souvenir in der Hand, gehe ich den Kiosk auschecken. Der Anblick der Süssigkeitenauslage katapultiert mich sofort in meine Kindheit zurück, damals als ich an Mittwoch Nachmittagen in der Badi mein Taschengeld in Gummischlangen, saure, zungenverfäbende Sprays und Coci-Fröschli investierte. Aus Nostalgie kaufe ich ein Säckli à zwei Franken.

Auch auf der Karte keine Menschen.

Zurück auf dem Badetuch betrachte ich die Postkarte, esse ein Cola-Fläschli und warte darauf, dass die Familien und Seebacher Jugend in die Badi strömen. Nichts passiert. Ich gehe. In der Gaderobe bin ich – das dürfte auch kaum erstaunen – ganz allein.

Wer gerne genug Platz für sein Badetuch hat, andere Menschen nicht mag und den Delfin-Schwimmstil perfektionieren möchte, ist in der Badi Seebach definitiv am richtigen Ort.

Alle Bilder: Seraina Manser


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