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Wipkingen hat bereits Erfahrung mit Ideen aus der Quartierbevölkerung: Der «Garte über de Gleis» gibt es seit 2013. (Alle Fotos: Isabel Brun)

Wie ein Pilotversuch in Wipkingen Stadtentwicklung neu denkt

Zeiten ändern sich, auch in Bezug auf die Entwicklung und Planung einer Stadt. Wo früher meist nur Fachpersonen in die Prozesse involviert wurden, lautet der Trend heute: Partizipation. Weshalb es so wichtig ist, dass Stadtbewohner*innen mitreden können und wie das konkret geht, zeigt ein Pilotprojekt in Wipkingen.
09. Februar 2021
Redaktorin

Röschibachplatz, Wipkingen, Februar 2021. Gerade ist Markt, an verschiedenen Ständen wird Wurst, Käse oder Gewürzmischungen verkauft. Obwohl ein eisiger Wind pfeift, erinnert die Stimmung an Italien. «Einige Ideen, die von der Quartierbevölkerung eingereicht worden sind, beziehen sich auf bereits bestehende Angebote und ergänzen diese – beispielsweise ein unkommerzielles Streetfoodfestival, hier auf dem Quartierplatz», erzählt Antonia Steger.

Die Zürcherin ist Teil des Vereins Urban Equipe, welche im Herbst 2018 zusammen mit dem Verein Nextzürich, der Stadt Zürich und dem Wipkinger Quartierverein die «Quartieridee» ins Leben gerufen hatten: Eine Plattform für partizipative Stadtentwicklung. Mit Hilfe des Pilotprojekts sollen neue Wege getestet werden, wie die Bewohner*innen eines Quartiers ihre unmittelbaren Lebensräume noch stärker gestalten und so öffentliche Räume besser auf ihre Bedürfnisse angepasst werden können.

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Partizipation erwünscht?

In der Vergangenheit sei die Konzeption von solchen Räumen meist nur in den Händen von Planungsfachpersonen gelegen, sagt Sabina Ruff. Seit über zehn Jahren berät die Sozialwissenschaftlerin Städte und Gemeinden in Fragen zur Stadtentwicklung und Gesundheitsförderung. «Planungsinstrumente sind eher starr: Zonenordnungen, Richtpläne und gesetzliche Vorgaben halten den Spielraum relativ klein», so Ruff. Weiter würden sich Planer*innen oft davor fürchten, dass die Projekte zu kompliziert werden, wenn die Bevölkerung mitreden kann. Das müsse nicht zwingend so sein, aber: «Eine gelungene Partizipation bedarf zum einen eine enge Begleitung durch die Projektphasen und zum anderen eine gute Übersetzungsarbeit zwischen Verwaltungsorganen und Quartierbewohner*innen», versichert Ruff.

Auch unter den Vorschlägen: Eine bunte Dammstrasse – vielleicht ohne FCZ, dafür mit etwas mehr Struktur.

Dass partizipative Stadtentwicklung durchaus möglich ist, zeigt die «Quartieridee» in Wipkingen. Für Ruff ein Paradebeispiel. Momentan befindet sich das Projekt in der Voting-Phase: Bis zum 13. Februar kann auf der Plattform für die Ideen der Quartierbevölkerung abgestimmt werden. 99 Vorschläge seien eingereicht worden, so Steger. Diese wurden anschliessend von einer Expert*innenrunde auf deren Machbarkeit geprüft. Unter den Ideen habe es auch einige gehabt, die mit dem vorgegebenen Budget von 40'000 Franken nicht realisierbar seien: «Der Gleisbereich beim Bahnhof Wipkingen wird leider auch weiterhin ohne Überdeckelung mit Park auskommen müssen», sagt die Co-Projektleiterin und lacht. Schlussendlich haben es rund 27 Projekte in die Abstimmungsphase geschafft. Vom Quartierkompost über ein Wimmelbild bis hin zum Tierhüte-Dienst – die Wipkinger*innen scheinen ihrer Fantasie freien Lauf gelassen zu haben.

‹Unsere Stadt›

Diese Selbstbefähigung habe einen entscheidenden Einfluss auf die Stadtbevölkerung und somit auch auf die Gesellschaft, erklärt Ruff: «Die Menschen wollen sich nicht mehr einfach nur regieren lassen, sondern ihre Umgebung aktiv mitgestalten.» Das hat mittlerweile auch die Stadt Zürich begriffen: Neben dem Pilotversuch in Wipkingen werden die Zürcher*innen auch in anderen Stadtteilen zur Partizipation eingeladen. So zum Beispiel im Kreis 6, wo das Stolzehüsli – ein Häuschen auf der Parkanlage Stolzewiese – eine neue Aufgabe bekommen soll. Bis zum 18. Februar können Interessierte auf einer eigens dafür programmierten Webseite ihre Nutzungskonzepte einreichen.

Die Urban Equipe begleitete die Quartierbewohner*innen schon früh durch die Prozesse; dazu gehörten auch analoge Treffen in Form von Spaziergängen.


Die Soziologin und Planerin Joëlle Zimmerli sieht in der partizipativen Stadtentwicklung ebenfalls eine grosse Chance – auch in Bezug auf das verdichtete Bauen: «Es ist entscheidend, dass sich die Verantwortlichen bereits im Vorfeld überlegen, wie das geplante Projekt in den Gesamtkontext passt.» Sogenannte Ufosiedlungen, die von der Nutzung her nicht eingebunden sind, tragen nicht zur Quartierentwicklung bei. Das Problem liege oft bei den Fachpersonen: «Die meisten Entwickler*innen schauen zu sehr nach innen und zu wenig nach aussen – dabei ist der Dialog mit dem bereits bestehenden Quartier sehr wichtig.» Darüber hinaus sollten laut der Planerin grössere Siedlungen wann immer möglich durchlässig sein und öffentlich zugängliche Freiräume bieten. Denn hätte früher jede Familie ihr Häuschen mit eigenem Garten gehabt, müssten in verdichteten Quartieren nun öffentliche Räume diese Funktion übernehmen. Grünräume und Parks seien für eine lebenswerte Stadt enorm wichtig, so Zimmerli.

Gesunde Entwicklungen

Wie wichtig, erklärt Sabina Ruff derweil am Beispiel von nicht übertragbaren Krankheiten: «Der bebaute Raum hat einen erheblichen Einfluss auf die Gesundheit der dort wohnhaften Bevölkerung – und das spiegelt sich wiederum in den Kosten wider. Ganze 50 Prozent aller IV-Beziehenden leiden an einer psychischen Erkrankung», so die Gesundheitsexpertin. Doch wie hängt dieser Missstand mit der Stadtentwicklung zusammen? «Armut und die oft folgende Einsamkeit sind beides grosse Gesundheitsrisiken», so Ruff. Es stünde also eigentlich nicht zur Wahl, dass der öffentliche Raum für alle zugänglich und kostenfrei bleibe. Zudem müsse er eine gute Aufenthaltsqualität bieten, vielfältig nutzbar sein und eine hohe Aneignungsfähigkeit haben.

Die Büchertausch-Box am Bahnhof Wipkingen soll nicht die einzige im Quartier bleiben.

Mit welchen Projekten die Wipkinger*innen ihr Quartier bald aneignen werden, wird sich in wenigen Tagen zeigen. Antonia Steger von der Urban Equipe ist sich aber sicher: «Die 40'000 Franken werden für die Realisation mehrerer Ideen ausreichen.» Der Betrag, der von der Stadt sowie anderen Schweizer Unterstützungsprogrammen zur Verfügung gestellt wird, gehe dann an die Quartierbewohner*innen der ausgewählten Projekte. Der Verein betont: «Es ist uns ein grosses Anliegen, dass das Geld dort ankommt, wo es sich die Menschen gewünscht haben.» Bis Ende 2021 sollen einige der Ideen bereits umgesetzt worden sein, hofft Steger. Ob bald einmal im Monat Foodtrucks auf dem Röschibachplatz einkehren werden?

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